The Call - Leg nicht auf!

Sisters Are Doin’ It for Themselves.

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The Call – Leg nicht auf beginnt mit einer Kamerafahrt über die nächtliche Skyline von Los Angeles. Aus der Entfernung ist nur Architektur zu sehen, die Silhouette einer Stadt, die nicht verrät, was sich hinter ihr abspielt. Eine Antwort darauf liefert die Tonspur: All die Verbrechen, die hier begangen werden, packt der Film in eine anschwellende Kakophonie aus Telefonanrufen verzweifelter, hilfesuchender Menschen. Halle Berry, die mit Afro-Perücke kaum wiederzuerkennen ist, spielt Jordan, eine Frau, die in der Notrufzentrale der Stadt arbeitet. Jeder Satz und jeder Handgriff sind Routine, und wenn mal etwas nicht klappen sollte, gibt es ja noch die verständnisvollen Kollegen. Als Jordan dann aber ein dummer Fehler passiert, der einem überfallenen Mädchen das Leben kostet, weicht die Routine der Angst.

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Ein Telefongespräch bringt zwei Menschen in eine intime Situation. Während sie räumlich voneinander getrennt sind, spürt man durch Atem und Stimme doch ständig die Präsenz des anderen, ein wenig so, als flüsterte man sich gegenseitig Geheimnisse ins Ohr. In Thrillern und Horrorfilmen dient das Klingeln eines Telefons nicht selten als böse Vorahnung eines herannahenden Unglücks. In Joel Schumachers Nicht auflegen (Phone Booth, 2002) eröffnet das Klingeln ein Psychospielchen, bei dem der Killer sein Opfer schon mit der Waffe im Visier hat. Und gar nicht ans Telefon gehen ist auch keine Alternative, dafür muss man sich nur Takashi Miikes The Call (Chakushin ari, 2003) ansehen, in dem es eben ein unbeantworteter Anruf ist, der den Tod bringt.

In The Call – Leg nicht auf mag ein Klingeln töten, das Telefonat selbst ist aber der dünne Faden, an dem das Leben einer Person hängt. Obwohl Jordan schwer traumatisiert ist, muss sie eines Tages zurück ans Telefon, natürlich genau dann, als sich die Vergangenheit zu wiederholen scheint. Wieder ist ein Mädchen in der Gewalt eines Mannes, der nichts Gutes im Schilde führt. Diesmal befindet sich das Opfer (Abigail Breslin) im Kofferraum eines Autos und kann durch sein Handy Kontakt zur Außenwelt aufnehmen. Verbunden durch weibliche Komplizenschaft versuchen zwei Frauen, die sich durch ihr Alter, ihre soziale Herkunft und ihre Hautfarbe unterscheiden, einen Ausweg zu finden.

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Brad Anderson hat schon mit Der Maschinist (The Machinist, 2004) oder Transsiberian (2008) Thriller gedreht, die keine reinen Genrewerke waren, sondern auch auf einem menschlichen Drama basierten. Seit dem nur mäßig erfolgreichen Herrschaft der Schatten (Vanishing on 7th Street, 2010) wechselte Anderson dann das Medium und arbeitete ausschließlich fürs amerikanische Fernsehen. Auch The Call war ursprünglich als Fernsehserie konzipiert, wurde dann aber doch für die große Leinwand realisiert. In einer Zeit, in der Fernsehen angeblich das neue Kino ist, scheinen die Grenzen zwischen beiden Medien ohnehin immer stärker zu verwischen. Andersons Film etwa ist durchaus von einer gewissen TV-Ästhetik geprägt, etwa, weil er auf eine intime Inszenierung setzt. Verfolgungsjagden und Versteckspiele gibt es kaum, stattdessen wird die Handlung budgetfreundlich auf zwei einfache Schauplätze zugespitzt: Telefonzentrale und Kofferraum.

Gerade durch seine reduzierten Mittel funktioniert der Film auf sehr effektive Weise. Manchmal reicht schon ein blinkender Handy-Akku, um die Spannungsschraube weiter anzudrehen, oder etwa die trickreichen Bemühungen, andere Autofahrer auf dem Highway auf sich aufmerksam zu machen. Wenn The Call dagegen versucht, mehr als klassisch zu sein, und beispielsweise mit weitwinkligen Großaufnahmen stilisierte Bilder der Angst schaffen möchte, zeigt das weitaus weniger Wirkung als die konventioneller inszenierten Parallelmontagen zwischen den beiden Frauen.

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Das Schöne an The Call ist, wie sich besonders gegen Ende, wenn der Film das Telefon als Kommunikationsmittel hinter sich lässt, zunehmend feministische Untertöne einschleichen. Die beiden Protagonistinnen sind wahrlich nicht auf die Männerwelt angewiesen. Zunächst wirkt es noch so, als wäre Jordans Beziehung zu einem Polizisten nur dazu da, dass ihr der breitschultrige Mann in Uniform am Schluss aus der Patsche helfen kann, so wie es nun mal in den meisten Filmen dieser Art der Fall ist. Doch Anderson belehrt uns eines Besseren. Während nämlich die Herren der Schöpfung konsequent einer falschen Spur folgen, nimmt die pragmatische Telefonistin mit Kampfgeist die Ermittlung lieber selbst in die Hand. Das ist schon deshalb durchaus gewagt, weil es sich bei dem Entführer um einen skalpierenden Psychopathen handelt, der verdächtig an die Hauptfigur aus William Lustigs Maniac (1980) erinnert.

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Doch nicht nur auf die Polizei können die zähen Ladys verzichten, sondern gleich auf jegliche höhere Instanz. Wenn es richtig gemacht werden soll, muss man es eben selbst machen. Da fühlt man sich an Annie Lennox und Aretha Franklin – ein weiteres interracial Paar im Namen der Emanzipation – erinnert, die 1985 ein Lied gegen die Benachteiligung von Frauen anstimmten: Sisters Are Doin’ It For Themselves. Hinter die Kamera haben es zwar auch fast dreißig Jahre später noch immer recht wenige Frauen geschafft, das Eindringen selbstbestimmter weiblicher Figuren in traditionelle Genremuster ist aber zumindest schon ein kleiner Erfolg.

Trailer zu „The Call - Leg nicht auf!“


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