Tanz der Teufel

In Deutschland war Sam Raimis Debütfilm Tanz der Teufel einst Synonym für alles, was verboten und jugendgefährdend war – und demnach unbedingt gesehen werden musste. Damit ist es jetzt vorbei.

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Tanz der Teufel (The Evil Dead, 1981) ist eines der prominentesten Fallbeispiele der deutschen Zensur- und Beschlagnahmungsgeschichte: Vor dem Kinostart noch als „unbedenklich“ eingestuft und mit einer FSK-18-Freigabe in die Lichtspielhäuser gebracht, dauerte es nach der Veröffentlichung nicht lange, bevor der Film auf Antrag des Jugendamtes Frankfurt im Sommer 1984 bundesweit beschlagnahmt wurde. Das Debüt von Sam Raimi war nicht der einzige Film, den dieses Schicksal ereilte, aber gemeinsam mit Joe D’Amatos Man-Eater – Der Menschenfresser (Antropophagus, 1980), Lucio Fulcis Ein Zombie hing am Glockenseil (Paura nella città dei morti viventi, 1980) und Charles Kaufmans Muttertag (Mother’s Day, 1980) stand Tanz der Teufel im Zentrum der Mitte der 1980er Jahre ausgesprochen hitzig geführten „Horrorvideo“-Debatte. Die Tatsache, dass Deutsche, die bei Kino- und Videostart im Frühjahr 1984 noch zu jung waren, keine Chance hatten, den Film in einer legalen Vorführung zu sehen, hat ihm hierzulande einen interessanten Sonderstatus verliehen – ein Status, der inoffiziell bis mindestens in die späten 1990er Bestand hatte, und offiziell erst jetzt, mit der Aufhebung des Verbots sowie der Veröffentlichung der ungeschnittenen Fassung, der Vergangenheit angehört.

Filmische Archäologie

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Liest man US-amerikanische Texte oder Rezensionen zu Tanz der Teufel, so fällt auf, dass der Faktor Gewalt, der innerhalb der deutschen Rezeption wesentlich war, hier nur eine untergeordnete Rolle spielt. Stattdessen wird auf die damals bahnbrechende Kameraarbeit (Tim Philo), Raimis Reminiszenzen an Tex-Avery-Cartoons oder den Slapstick-Humor eingegangen, die damals noch ungewöhnliche Beigaben in einem Horrorfilm waren. Der splatterige Einfallsreichtum fiel natürlich auch dem US-Publikum auf, als besonders verstörend wurde Tanz der Teufel dort jedoch nie empfunden. Wenn man dem Film hingegen in Deutschland begegnete, war der Kontext immer durch seinen Status als „verboten“ bestimmt.

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Ich erinnere mich noch daran, wie ich Tanz der Teufel mit 14 oder 15 zum ersten Mal sah. Ein paar Jahre zuvor war das Sequel in Deutschland gestartet und an Litfaßsäulen prominent beworben worden, aber sonst wusste ich eigentlich nichts über Raimis Film. Bei der Fassung, die ich zu sehen bekam, handelte es sich um eine gnadenlos abgenudelte Kopie einer wahrscheinlich ihrerseits schon reichlich mitgenommenen niederländischen VHS-Fassung: Die Farben waren fast völlig entwichen, die Konturen zu einem matschigen Brei aufgelöst, der Details nur noch erahnen ließ, der Ton ein brummendes Rauschen – oder rauschendes Brummen. Ich war hin und weg. Tanz der Teufel sah in dieser Form aus wie der Privatmitschnitt eines horrend in die Binsen gegangenen Wochenendtrips und war tatsächlich massiv furchteinflößend. Ich war nicht gerade enttäuscht, als ich ihn Jahre später in einer besseren, wenn auch von der Brillanz der aktuellen Blu-ray-Veröffentlichung noch meilenweit entfernten Fassung wiedersah (es war wieder ein holländisches Videotape) – und feststellte, dass The Evil Dead tatsächlich eher einem überdrehten Comic als einem aus einem Folterkeller geborgenen Snuff-Film glich.

Quantensprung Blu-Ray-Edition

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Die zur juristischen Rehabilitation von Tanz der Teufel erfolgte Veröffentlichung einer deutschen Blu-ray-Edition bedeutet einen nochmaligen qualitativen Quantensprung, der den Film zwar jener schlammigen Konsistenz beraubt, die frühere Inkarnationen wie archäologische Funde erscheinen ließ, aber auch endgültig die Kunstfertigkeit Raimis offenlegt. Fremdartig ist Tanz der Teufel trotz des gestochen scharfen Bilds immer noch, und das ist allein sein Verdienst. Wie er die Kamera als eine eigene Figur behandelt; wie er die Protagonisten wie durch den Schleier eines Traums betrachtet; wie er mithilfe des Schnitts einen Rhythmus etabliert, der keiner herkömmlichen Logik folgt; wie er aus Musik und Soundeffekten einen Klangteppich webt, der seinen Ursprung in fremden, vorzeitlichen Welten zu haben scheint; wie selbst seine Anflüge grellen Humors noch verstörend wirken: All das macht Tanz der Teufel auch mehr als 30 Jahre nach seinem Entstehen einzigartig. Oft sind es kleine, unspektakuläre Einfälle, die den Unterschied machen: Als Ashley (Bruce Campbell) und sein Freund Scott (Hal Delrich) den verhackstückten Leichnam der gemeinsamen Freundin Shelly (Theresa Tilly) in den Wald hinaustragen, beschleunigt Raimi für einige Sekunden den Film. Was üblicherweise albern wirkt, verleiht einer unscheinbaren Einstellung hier einen eigentümlichen Reiz.

Der Zauber des Zufalls

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Man hat sich weitestgehend darauf geeinigt, dass es das Sequel von 1987 war (Evil Dead II – Dead by Dawn, deutscher Titel: Tanz der Teufel II – Jetzt wird noch mehr getanzt), mit dem Raimi seinen Stil endgültig gefunden hatte. Der Film ist geschliffener, der comichafte Slapstick-Humor steht noch stärker im Vordergrund, die visuellen Kanten sind abgeschliffen, der Film ist – mehr noch als sein Vorgänger, der bereits ein atemloses Tempo geht – eine Entertainment-Maschine, die sich nicht lange mit Expositionen aufhält. Bezeichnend, dass die Fortsetzung mehr oder weniger den gesamten ersten Teil zu einem kurzen Prolog zusammenfasst. Dabei ist die Unentschiedenheit zwischen Horror auf der einen und Humor auf der anderen Seite, bei dem sich die beiden nicht mehr so fein säuberlich trennen lassen, beide gar oft in ein und demselben Bild zusammenprallen, durchaus eine Stärke von Tanz der Teufel. Der Horror zeigt schon jene Künstlichkeit, die ihre Ursache vor allem im Verzicht auf Kontextualisierung und der Wahl „unnatürlicher“ Blickwinkel hat. Auch die Saat für die Geckenhaftigkeit, die Protagonist Ash in späteren Folgen an den Tag legt, wird hier bereits ausgesät, aber dem Ganzen wohnt noch der Zauber des Zu- oder besser Glücksfalls inne. In Tanz der Teufel sucht Raimi sich noch, und es macht einfach Freude, ihm dabei zuzuschauen, das Feld zu sondieren, dieses und jenes auszuprobieren, ins Blaue zu improvisieren – und dabei meist ins Schwarze zu treffen.

Film ohne Eltern

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Im Keller der Baracke, in der die fünf Freunde ihr Wochenende verbringen wollen, hängt der Überrest eines Plakats von Wes Cravens Hügel der blutigen Augen (The Hills Have Eyes, 1977). Sam Raimi hat nie einen Hehl aus seinen Inspirationen gemacht, aber dieser Verweis ist dann doch erstaunlich. Nicht nur, weil er im Haus eines Altertumsforschers ohne funktionierenden Fernseher inhaltlich so völlig fehl am Platze ist. Es ist auch das einzige Indiz dafür, dass der Regisseur überhaupt am zeitgenössischen (Horror-)Filmgeschehen teilnahm. Tanz der Teufel trägt alle Zeichen einer unbefleckten Empfängnis. Er ist nicht schlüssig herzuleiten, markiert in vielerlei Hinsicht den Anfang einer Geschichte, die bald schon von Erzählern aufgegriffen wurde, die nur auf die auffälligsten Schlüsselreize ansprangen (Fun! Humor! Blut!). Tanz der Teufel ist kein Meisterwerk. Vielleicht ist er noch mehr: ein Unikat.

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Kommentare


Stefan Jung

Sehr schöner Text, begeistert und dabei sachlich. Tanz der Teufel ist wirklich ein Unikat. Da hat nicht nur der Regisseur beim Film ins Schwarze getroffen, sondern auch der Autor bei der Rezension.






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