Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

Und wer macht hier, bitte schön, die dumme Arbeit? In Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes ist Scheitern peinlich und Kommunismus verwirrend. Über einen Film, der weiß, dass man in Deutschland keinen Bock hat auf ästhetisch politisch radikales Zeug.

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Die Geschichte beginnt damit, dass ein Mann, Julian heißt er, sich verstellt und lügt. Ein Schatten legt sich übers Bild, als Camille, das Mädchen seines Herzens, den von ihm auf ungeschickte Weise ausgelegten Köder nicht annehmen will. In der Ferne liegt die Hochhäuserlandschaft, wo der echte Julian seinen Abschluss an der Film- und Fernsehakademie machte. Im Vordergrund vertrottelt der filmische Julian, der von dem echten gespielt wird, die fruchtlosen Nachmittage. Mit seinem chaplinesken Haarbüschel, der Brille und der großen und ungelenken Gestalt macht er eine lustige Figur. Und immer weiß er nicht so recht, wohin mit seinem Radlmaier-Körper. Bei den Versuchen, hier und da guten Eindruck zu machen, scheitert er andauernd, lässt sich erwischen, ausspotten, lässt sich süß finden. Julian ist Filmemacher, der keine Förderung bekommt. Einer bekannten Filmkritikerin erklärt er sich damit, dass „man in Deutschland ja keinen Bock auf ästhetisch politisch radikales Zeug hat“. Und daran, wie er die Adjektive häuft, merkt gleich jeder, dass unser Held keine Haltung hat und dass ihm die prekäre Lage darum recht geschieht. „Der Schritt ins Narrative ist am Ende wohl doch nicht so glücklich gewesen“, drückt besagte Filmkritikerin hinterher noch gerne auf die Wunde.

Jeder ist willkommen!

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Da wäre sie schon, die Pointe: Die Erfolglosigkeit ist uns heute eine indiskutable Schande. Seine bittere Lage vertraut der ohnehin ängstliche Julian nicht einmal den eigenen augenzwinkernden Freunden an. Die Grundsituation stimmt, aber der Film will nicht allein in der Zeitgeistnachahmung versauern. Das erzählende Ich fabuliert, damit die Geschichte, die sich zu jeder Zeit künstlich gibt, beginnen kann. Seine hipster excuses will die schöne Camille, will auch die Zuschauerin ihm gerne nachsehen. Die doppelte Lust an Diskurs und Praxis, die in Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes durchscheint, kneift sich selbst in die Seiten, spornt sich an und lässt das Ganze in Balance bleiben. Der echte Julian schickt den filmischen Julian als Erntehelfer an eine Apfelplantage, die Oklahoma heißt. In seinem Sinne gibt Letzterer die Blamage als Recherche aus. Wo jeder willkommen ist, bleibt unschwer zu denken, dass hier keine utopische Gemeinschaft, schlimmer noch, nicht mal ein ernsthaftes Kontrastprogramm zu finden ist. Die Apfelbäume sind keine Bäume, der Arbeiter ist dem Arbeiter ein Wolf. Den Überschuss will jeder für sich allein. Und so gedeiht der absurde Wettbewerbswille, indem das bisschen Gepflückte aus einem Korb heimlich in den anderen wandert.

Quite an asshole for a communist filmmaker

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Die mal mehr, mal etwas weniger gelungene Komik, witzige Einfälle und viel Albernes finden sich in Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes glücklicherweise in beinahe jeder Szene. Die dazu kommenden Figuren sind bizarr, etwas müde, aber aufgeweckt und allesamt ein wenig aus der Normalität und aus der Zeit gefallen. Camille ist da. Hong und Sancho, die ehemaligen Museumswärter, und der stolze Zurab sind da. Und irgendwann ist auch ein Mönch da, der Heilige Franz von Assisi, der allen Zigaretten und Zitronen schenkt. Die Möglichkeit eines doch so dringenden Streiks auf der Plantage interessiert den Film und seine Figuren jedoch kaum. Sie wird als ein weiterer komischer Coup zwar aufgemacht, aber nicht bis zum Ende ausgespielt. Und irgendwann, da sind wir schon in der zweiten Hälfte, verzettelt sich der Film selbstironisch in seinen Ideen und Begriffen, in dem, wie er seinen Kommunismus und warum er ihn will, verspielt sich aber auch diesmal nicht ganz. Lieber setzt er ein weiteres „als ob“ hinzu und geht das Weite suchen. Julian ist weg, Zurab und der Mönch sind weg, auch Camille ist irgendwann weg. Hong und Sancho, die Widerspenstigen, suchen ihr Paradies auf Erden weiter in Italien. Was den beiden zustößt, ist genauso lustig wie rührend.

Möglichkeit einer Veränderung

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Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes ist der Abschlussfilm des dffb-Absolventen Julian Radlmaier und lief auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion Perspektive Deutsches Kino. Der Filmemacher hat auch einige Schriften des Philosophen Jacques Rancière aus dem Französischen übersetzt. Dass er seine Geschichte zum Schluss in einer Film-im-Film-Situation auflöst, holt sie gegen die Erwartung keinesfalls in die Normalität zurück. In der natürlichen Art und Weise des Kinos verwandelt sich sein Alter Ego am Ende in einen Windhund. Aus dem Realen Dichtung machen, um es denken zu können – das ist auch für Radlmaier offenbar philosophisches Programm. Die Rancière’sche Gleichheit setzt er in dem Sinne voraus, dass sich in seinem Film alle über alles unschlüssig sind und es am Ende der Vierbeiner ist, der Reue und Demut übt. Man sehnt sich hier nach einer Form des Beisammenseins, die noch nicht gefunden wurde, die es aber immer wieder zu suchen lohnt. Der Filmemacher stellt sich dafür enthusiastisch und bescheiden zur Verfügung, er ist ein Träumer, über ihn kann gelacht werden. Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes endet damit, dass ein Hund und zwei ganz unterschiedliche Menschen einen Rettungstunnel graben.

Trailer zu „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“


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