Schlechte Erziehung

La mala educación (Schlechte Erziehung) ist der neueste Film des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar. Er erzählt eine verschachtelte Geschichte über Leidenschaft, Schuld und Unschuld, Heilige und Huren. Im Mittelpunkt stehen zwei Männer, Enrique und Ignacio, die sich als Kinder in einer Klosterschule kennen gelernt haben und sich nach 20 Jahren wieder begegnen.

Schlechte Erziehung (La mala educación)

Almodóvar ist ein gern gesehener Gast auf internationalen Filmfestivals. Die letzten beiden Filme des Spaniers, Todo sobre mi madre (Alles über meine Mutter, 1999) und Hable con ella (Sprich mit ihr, 2002) waren große Erfolge. Sie erhielten beide, wenn auch in unterschiedlichen Sparten, einen Oscar und andere internationale Auszeichnungen wie zum Beispiel das französische Oscar-Pendant, den César, und (britische) BAFTA Awards. La mala educación, sein neuester Streich, hat dieses Jahr bereits die Filmfestspiele von Cannes eröffnet.

Der Film erzählt verschiedene, miteinander verwobene Geschichten, die eigentlich auf eine einzige zurückgehen: den Kindesmissbrauch in der Klosterschule. Aber Almodóvar prangert ihn weder an, noch macht er ihn zum Kernthema des Films. Das Kernthema ist die Leidenschaft, wozu sie einen treiben kann und auch wie man damit Menschen manipulieren kann. Alles hat immer zwei Seiten. Jeden der Protagonisten treibt eine Leidenschaft an und jeder ist in ihr gespalten.

Schlechte Erziehung (La mala educación)

Die Handlung dreht sich um zwei Männer, die als Jungen einst befreundet waren und in den 60er Jahren dieselbe Schule, besagte Klosterschule, besuchten. Eigentlich waren sie nicht nur befreundet, für beide war der jeweils Andere die erste Liebe. Sie treffen sich erst in den 80er Jahren, nach dem Zusammenbruch des Franco-Regimes, in Madrid wieder. Enrique (Fele Martínez) ist Filmregisseur. Auf der Suche nach einem guten Stoff durchkämmt er die Zeitungen. Da taucht unverhofft der vermeintliche Schulfreund auf, Ignacio, der lieber Ángel, Engel, genannt werden möchte (wunderbar: Gael García Bernal), und Schauspieler ist. Er bringt ein von ihm verfasstes Buch mit, “Der Besuch”. Enrique beschließt, das Skript zu verfilmen, weigert sich aber, Ángel die Hautrolle zu geben. Ignacio bleibt hartnäckig. Diese Hartnäckigkeit führt zu Nachforschungen, Enthüllungen, Verwicklungen und Entdeckungen. Almodóvar öffnet einen Reigen der Leidenschaften, in dessen Verlauf Opfer zu Tätern, Unschuldige zu Schuldigen werden.

Wie auch sein Vorgänger Hable con ella (Sprich mit ihr, 2003), wirft La mala educación Fragen auf. Kann jemand Opfer und Täter sein, Liebender, Missbrauchender und Missbrauchter? Ignacio, die Hauptperson und auch Hauptprojektionsfigur, auf die sich alle Charaktere des Films beziehen, ist in jeder Hinsicht gespalten. Der innere Bruch wird Ignacio schon in seiner Kindheit bewusst und Almodóvar zeigt sie uns in einer fast Bunuelesquen Szene. Ignacio ist Mann und Frau, Heiliger und Hure. Aber auch die übrigen Personen sind gespalten, sind nicht nur gut oder böse, nicht kategorisierbar. Der "echte" Padre Manolo (Lluis Homar) sagt an einer Stelle zu Enrique, der dann schon dabei ist, Ignacios Buch zu verfilmen: "Ich bin der Böse aus deinem Film." Aber Gut und Böse, Schwarz und Weiß gibt es eben nur im Film.

Schlechte Erziehung (La mala educación)

Almodóvar verpackt diese Geschichte von Leidenschaft, Schuld und Unschuld in eine Hommage an den Film Noir. Es gibt Szenen, die direkt an Billy Wilders Klassiker Double Indemnity (Frau ohne Gewissen, 1944) angelehnt sind. Allerdings lässt Almodóvar die obligatorische Femme Fatale in Gestalt eines Homme Fatal auftreten, der der Femme Fatale in sexueller Ausstrahlung und Macht in nichts nachsteht. Wenn es seiner Karriere dienlich ist, schläft er mit jedem.

La mala educación beeindruckt mit skurrilen und trotzdem glaubhaften Charakteren, mit farbenfrohen und kräftigen Bildern. Es wird niemand verurteilt, aber es erhält auch niemand einen Heiligenschein. Anstatt uns die Welt zu erklären, zeigt Almodóvar sie uns lieber, wenngleich wir es auch mit einer Welt zu tun haben, die etwas bunter, etwas lauter und etwas fremder ist als unser Alltag. Aber gerade diese Stilisierung eröffnet dem Zuschauer auch die Möglichkeit, den Film nicht einfach zu konsumieren, sondern sich mit ihm und auch mit sich selbst auseinanderzusetzen.

 

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