Safari

Vom Zerlegen einer Giraffe: Ulrich Seidl begleitet im Eröffnungsfilm des Heimspiel Filmfests europäische Jagd-Touristen in Afrika und weist mit irritierenden Details auf Machtpositionen hin.

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Ein Schnitt noch, dann quillt der Bauch der Giraffe auf. Mit Druck schießen die inneren Organe aus dem Leib. Meterlange graue Gedärme verteilen sich auf dem Boden. Unmengen von Blut strömen heraus, fluten den Raum. Der Wirbelsäule ist mit einer Säge nicht beizukommen, also nehmen die Arbeiter ein Beil und hacken den Hals entzwei. Ulrich Seidls Safari zeigt, wie man eine Giraffe erlegt und zerlegt. Der erste Schritt ist dabei deutlich einfacher als der zweite, denn lebendig scheinen die Tiere nicht wesentlich intelligenter zu sein als tot. Anders als die Gnus, Zebras und Wasserböcke im Film laufen die Giraffen nicht vor den Menschen weg, sondern starren sie interessiert an, während der Schütze sein Gewehr auf den Brustkorb eines Tieres ausrichtet. Selbst als ihr Artgenosse schon auf dem Boden liegt und der Todeskampf seinen Körper durchzuckt, bleiben die anderen Giraffen in der Nähe und beobachten das Treiben.

Töten als Hobby

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In seinem neuen Dokumentarfilm folgt Seidl Menschen, die sich keine schönere Urlaubsaktivität vorstellen können als das Erschießen von Tieren. Da ist etwa der Mittdreißiger, der dem erlegten Gnu anerkennend auf die Wange klopft, seinen Hut zieht und den Sportsgeist des Gegners lobt: „Guter Kämpfer, mein Freund!“ Als hätten die beiden eine enge Partie Tischtennis hinter sich. Beim Siegerfoto darf am Ende auch der Helfer nicht fehlen: „So ein tolles Hundi“, preist der Jäger die Spürnase seines Begleiters.

Der interessanteste Erzählstrang konzentriert sich auf eine im Grunde recht sympathische Familie. Bevor die Jagd beginnt, lässt Seidl die vier miteinander fachsimpeln. Der Sohn interessiert sich für Zebras, die Mutter erklärt den Büffel zur „schönsten afrikanischen Trophäe“ – Leoparden hingegen seien „zu schön“, um sie zu töten. Der Vater hat es auf Löwen abgesehen, der Tochter wiederum ist es eigentlich egal, was ihr vor die Flinte läuft, Hauptsache, sie wird sicherer beim Schießen. Die Kinder sprechen überzeugt davon, dass das Töten einzelne Tiere „erlöst“ und nachwachsenden Tiergenerationen hilft. Ein anderer Jäger erläutert, dass der Jagd-Tourismus afrikanische Staaten in ihrer finanziellen Entwicklung unterstützt. Töten aus Nächstenliebe sozusagen.

Das gehäutete Zebra

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Seidl liefert hier routiniert und mitunter etwas formelhaft einen Konsens-Aufreger für sein zumeist liberal-urbanes Publikum ab. Das wirkungsvollste Instrument sind dabei schockierende Bilder von der Großwildjagd: Nach einem erfolgreichen Ausflug kehrt die Familie in die professionell geführte Jagd-Lounge zurück. In einer Schlachtkammer kümmern sich mehrere Angestellte darum, das Zebra zu zerstückeln. Irgendwann schwimmt die abgezogene Haut des Tiers auf einer Mischung aus Blut und Wasser durch den Bildkader. Dasselbe Zebra, das vor wenigen Stunden noch durch die namibische Wildnis lief, ist nun auf eine zwei Zentimeter dicke Hülle reduziert, die wie ein Kostüm aussieht und bald irgendwo als Teppich dienen wird.

Mit Aufnahmen vom sinnlosen, aber voller Begeisterung betriebenen Töten wilder Tiere Empörung zu generieren ist natürlich nicht schwer. Mitunter macht sich Seidl diese Aufgabe aber ein bisschen zu leicht. Zwar folgt sein Film wie üblich dem Gestus des Beobachtens, das nicht explizit urteilt – doch die Selektion der Bilder und Dialoge fällt gelegentlich recht manipulativ aus. Ein Erzählstrang etwa zeigt einen fettleibigen Alten, der es nur unter Ächzen und Stöhnen auf den Hochstand schafft und dort mehr säuft, rülpst und schnarcht, als dass er schießt. Der Mann könnte auch im Schwarzwald Urlaub machen – er würde allein aufgrund seiner Physiognomie immer noch abstoßend wirken.

Seidls Blick auf moralisch bedenklich handelnde Menschen wohnt zudem auch eine gewisse Arroganz des Gebildeten inne, der sich nicht nur über die barbarischen Taten der Hinterwäldler wundert, sondern sie regelrecht als abscheuliche Faszinosa ausstellt. Immerhin: Anders als in Seidls letztem Film, Im Keller, dessen Misanthropie auch auf Kosten einer vereinsamten, traurigen, aber völlig harmlosen Frau ging, trifft es in Safari ausschließlich Menschen, die bewusst gegen ethische Normen verstoßen.

„Fressende“ Schwarze, befehlende Weiße

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Am interessanten an Safari ist nicht unbedingt die wenig überraschende, kaum versteckte Verurteilung der Jagd-Touristen. Was hängenbleibt, sind vielmehr einige irritierende Details, die  ganz nebenbei auftauchen und Machtpositionen widerspiegeln. So reden die Jäger statt von einem Tier andauernd von einem „Stück“ – und sprechen ihren Opfern so jegliche Lebens- und Leidensfähigkeit ab. Das Teenie-Mädchen aus der vierköpfigen Familie verfällt immer wieder in antrainierte Muster weiblicher Zurückhaltung: Ständig zweifelt sie an sich, ihrer Erfahrung, ihren Fähigkeiten und pflichtet der Meinung eines anderen bei: „Da hast du recht!“ Der Besitzer der Jagd-Lounge wiederum gefällt sich im Duktus des Welterklärers, während seine Frau brav als Deko neben ihm sitzt und den Mund hält. Schon ist man geneigt, das als patriarchalischen Sexismus zu verurteilen, da merkt man plötzlich, dass die Alternative keinen Deut besser wäre, als ihr doch einmal ein Satz rausrutscht: „Die Schwarzen können deutlich schneller laufen als wir – wenn sie denn wollen.“

Natürlich wäre Safari kein echter Seidl-Film, wenn ihm nicht das leidige Thema der Inszenierung in die Quere käme: Der Regisseur stellt afrikanische Putzfrauen vor Trophäen auf und zeigt, wie die männlichen Angestellten des Jagdbetriebs übertrieben „wild“ an Fleischstücken nagen, reißen, schmatzen – ja, wie sie „fressen“. Das soll zwar europäische Vorstellungen von Afrika als rassistisch entlarven, ist aber in sich ebenfalls problematisch, insofern der weiße Mann Seidl hier den Schwarzen befiehlt, was sie zu tun haben, damit sein Film so aussieht, wie er ihn sich vorstellt.

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