Road to Nowhere

Monte Hellman hat nach über zwanzig Jahren wieder einen Film gemacht. An das archaische Amerika seiner früheren Filme erinnern hier nur noch ein paar Country-Songs.                                              

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Die Eröffnungsszene von Road to Nowhere markiert bereits eine Grenzüberschreitung zwischen Film und Film-im-Film. Ein Mann und eine Frau sehen sich eine DVD auf einem Laptop an. Langsam zoomt die Kamera auf den Bildschirm zu, bis sie schließlich mit ihm eins wird. Was folgt sind einige Ereignisse, deren Zusammenhang sich nicht ganz erschließt: Eine dunkelhaarige Frau liegt auf einem Bett und lackiert ihre Fingernägel, ein älterer Mann verlässt ein Haus und plötzlich fällt ein Schuss. Wenn der Vorspann zu laufen beginnt, ist zunächst unklar, ob sich die Titel auf den eigentlichen Film beziehen oder die DVD mit demselben Titel. Spätestens wenn ein gewisser Mitchell Haven als Regisseur angegeben wird, ist zumindest dieses Geheimnis gelüftet.

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Der Regisseur von Road to Nowhere heißt nicht Mitchell Haven – das ist die Hauptfigur des Films –, sondern Monte Hellman. Seit 1989 hat er keinen Film mehr gedreht, seinen Beitrag für den Kompilationsfilm Trapped Ashes (2006) einmal ausgenommen. Hellman zählt zu den weniger bekannten, aber in Fankreisen kultisch verehrten Vertretern des New Hollywood. Sein Western Das Schiessen – Nur der Stärkste überlebt (The Shooting, 1967), das Road Movie Asphaltrennen (Two-Lane Blacktop, 1971) und die Außenseiter-Ballade Cockfighter (1974) sind die Gründe für seinen Insider-Ruhm. Es handelt sich hier um typisch amerikanische Filme mit Machtkämpfen unter Männern – seien es nun Schießereien, Autorennen oder Hahnenkämpfe –, die aber auf ihre Heroisierung verzichten. Mit seinen linearen, einfachen Geschichten, den wortkargen oder gar stummen Figuren und dem langsamen Erzähltempo sind Hellmans Arbeiten seltsame Hybride aus Genre- und Autorenkino.

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Und nun also ein Film wie Road to Nowhere, der zumindest in mancher Hinsicht ein ganz anderes Kino repräsentiert. Zunächst einmal ist es das Milieu, das sich vom archaischen Amerika früher Hellman-Filme deutlich unterscheidet. Die Handlung ist in der Filmbranche angesiedelt und somit von eher nerdigen Figuren, allen voran dem Protagonisten, bevölkert. Einen deutlicheren Schnitt markiert aber die Abkehr von der Linearität der Erzählung. Das Durchschreiten verschiedener Ebenen, das sich am Beginn des Films ankündigt, pflegt Hellman auf extreme Weise. Schon ein Abriss der Handlung liest sich verwirrend: Ein Regisseur (Tygh Runyan) dreht einen Film nach einem Buch, das wiederum auf einem realen Kriminalfall basiert. Mit der Zeit stellt sich auch noch heraus, dass die Hauptdarstellerin (Shannyn Sossamon) des Films-im-Film, in die sich der Regisseur schließlich verliebt, auch noch in den realen Kriminalfall verwickelt ist.

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Road to Nowhere verlangt durch seine verschiedenen Erzählebenen erhöhte Aufmerksamkeit von seinen Zuschauern. Szenen vor und hinter der Kamera gehen nahtlos ineinander über, zusätzlich werden diese noch von Rückblenden unterbrochen. Hellman spielt oft damit, den Zuschauer mit der Einordnung dieser Szenen alleine zu lassen. Das Seherlebnis wird von einer ständigen Neuorientierung bestimmt. Kostüme und Ästhetik von Film und Film-im-Film lassen sich nicht auseinanderhalten. Häufig lässt sich erst nach einiger Zeit – anhand einer sichtbaren Kamera, eines Tonmanns oder mit welchem Namen sich die Figuren ansprechen – bestimmen, auf welcher Ebene sich der Film gerade befindet.

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Hellman hat mit Road to Nowhere einen Film über Filme und das Filmemachen gedreht. Die Entstehung eines Films – vom Drehbuch, über das Casting bis zum eigentlichen Dreh – markiert verschiedene Stationen der Handlung. Zudem tauchen immer wieder filmische Referenzen auf. Haven und seiner Hauptdarstellerin sehen sich etwa nach Drehschluss Klassiker wie Bergmans Das siebente Siegel (Det sjunde insegle, 1957) oder Sturges Die Falschspielerin (The Lady Eve, 1941) an, in denen sich Handlungsmotive widerspiegeln. Daneben gibt es auch zahlreiche Anleihen an den Film Noir, etwa die Koketterie mit der eigenen Rätselhaftigkeit, ein unwissender Held, der blind vor Liebe ist und die undurchsichtige Femme Fatale. Diese Elemente stehen im Kontrast zur spannungsarmen Inszenierung. In der Unaufgeregtheit, mit der Hellman die inhaltlich oft dramatischen Augenblicke zeigt, lässt sich noch am ehesten eine Kontinuität zu seinen früheren Werken herstellen. Doch gerade die führt in Verbindung mit der sperrigen Erzählweise leicht zu Desinteresse.

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Vielleicht würde man sich lieber auf Road to Nowhere einlassen, wenn er ästhetisch ansprechender wäre. Hellman und seine Crew verstehen es durchaus, wie man Bilder kadriert und Sets ausleuchtet. Das Problem liegt vielmehr an der HD-Videokamera, mit der der Film aufgenommen wurde. Einmal macht sich Mitchell Haven darüber lustig, dass er keine Kamera braucht, mit der man jedes Körperhaar erkennen kann. Hellman hat seinen Film allerdings genau mit so einer Kamera gedreht. Dabei herausgekommen sind gestochen scharfe Bilder mit einem hohen Grad an Naturalismus. Vernachlässigt man einmal, dass der Film dadurch billig und unatmosphärisch aussieht, wollen sich auch Bilder, die alles zeigen, nicht so recht mit einer Geschichte vertragen, die das gerade nicht möchte.

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