Renoir

Nichts zu wollen kann so schön sein.

Eine Fahrt mit dem Fahrrad als Eingangsszene kann für einen Film eigentlich nur Gutes bedeuten. Es dürfte empirisch schwer zu belegen sein, dass auf dem Fahrrad beginnende Filme stets zu den besseren gehören, doch haftet dem Schwung des Radelns etwas an, das ganz wunderbar in einen Film einstimmen kann. Im Vergleich zu Autofahrten ist die Fahrradfahrt weniger verbraucht, der Zugang zu ihr ist ein gänzlich anderer: Das Fahrrad ist nicht selbst filmischer Raum, es erlaubt keinen Schnitt von außen nach innen, folgt keinen eigenständigen Regeln der Inszenierung. Als Eingangsszene verweigert sich die Fahrradfahrt zudem der Funktionalisierung als Establishing Shot: Sie orientiert uns nicht im Film, sondern zieht uns hinein, lässt uns die frische Luft atmen und die Bewegung genießen.

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Es ist die schöne Andrée (Christa Theret), die uns in diesen Film einschwingt. Auf dem Fahrrad nähert sie sich dem Anwesen des großen Malers Pierre-Auguste Renoir, dem sie Modell stehen will. Aus ihrem Blick lernen wir diesen versteckten Ort an der Côte d’Azur und den von Michel Bouquet eindringlich gespielten Künstler kennen. Der dritte Film des hierzulande wenig bekannten Regisseurs Gilles Bourdos (Inquiétudes, 2003, Afterwards, 2008) zeigt uns die letzten Jahre des großen Malers während des Ersten Weltkriegs – seinen Kampf mit den unter heftiger Arthritis leidenden Händen, seine Trauer um die kürzlich verstorbene Frau, seine Beziehungen zu den Hausangestellten – und im zweiten Teil das Verhältnis zu seinem später ebenso berühmten Sohn Jean (Vincent Rottiers). Die eher spannungsarme Beobachtung fasziniert vor allem deshalb, weil sich Bourdos Renoir keiner Story oder dem Reiz der Berühmtheiten unterwirft, sondern immer wieder abschweift, sich vom leuchtenden Wald des Grundstücks anziehen lässt und die Handlung dezentriert.

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Der Schwung der Eingangsszene bleibt dabei stets erhalten: Renoir ist ein Film fürs Auge, das sich in den herrlichen Bildern Ping Bin Lees verlieren kann. Der bevorzugte Kameramann von Hou Hsiao-hsien (Le voyage du ballon rouge, 2007) lässt sich vom Impressionismus Renoirs beeinflussen, saugt Licht und Farben ebenso auf wie der Maler, lässt seine Bilder aber nie ruhen und schafft eigene Steadycam-Gemälde, die von einem klassischen Score von Alexandre Desplat untermalt werden. Dadurch sehen wir die Welt gerade nicht mit dem Auge des genialen Künstlers, sondern begreifen auch seine Bilder als eine von vielen möglichen Perspektiven auf die Welt um ihn herum. Eine vom alten Renoir im Film evozierte Metapher drückt sich damit auch im formalen Ansatz des Films aus: Das Leben als Korken auf einem Fluss, als Treiben- und Bewegen-Lassen.

Der junge Jean Renoir, der wegen einer Kriegsverletzung nach Hause zurückgekehrt ist, scheint sich dieses Prinzip nicht zu eigen zu machen. Jean will sich nicht treiben lassen, redet nur davon, so schnell wie möglich an die Front zurückzukehren, um das Vaterland zu verteidigen. Als er in den Film eintritt, scheint die Liebesbeziehung mit Andrée vorgezeichnet, doch es gelingt Bourdos auch hier, die Erwartungen zu unterlaufen. Jean und Andrée verlieben sich nicht unsterblich, sondern zeigen allmählich eine vorsichtige Neugier aneinander. Die Kluft zwischen ihren unterschiedlichen Wünschen ist eine der wenigen Dramatisierungen des Films: Jean will in den Krieg, wartet auf Befehle, Andrée will das bessere Leben, wartet auf das Abenteuer. Sie ist es auch, das legt Bourdos nahe, die Jean zum Filmemachen bewegt.

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Überhaupt Andrée: Sie bringt den Film nicht nur ins Rollen, sondern bleibt bis zum Ende sein Antrieb. Auch wenn Bourdos viel Empathie für den alternden Maler aufbringt, weigert er sich, das Genie des Künstlers und dessen Blick auf Natur und Nacktmodell zu feiern – und bewahrt Andrée vor der ihrer Tätigkeit eigentlich innewohnenden Fetischisierung. Schon während dieser Tätigkeit ist Andrée alles andere als passiv: Fast nie „steht“ sie Modell, sondern bewegt sich, verändert ihre Position oder verlässt den Raum. Außerhalb dieser Arbeit scheint sie ein selbstbestimmtes Leben zu führen, von dem wir aber nur den kurzen Eindruck einer Kostümparty erhaschen, zu der ihr Jean heimlich folgt. Doch schon diese kurze Szene macht deutlich: Andrée ist eine im Haus der Renoirs arbeitende Frau und nicht bloße Quelle der kreativen Inspiration oder Metapher für das Schöne.

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Renoir lief 2012 als Abschlussfilm der Un-Certain-Regard-Sektion in Cannes. Abschlussfilmen wird häufig eine gewisse Harmlosigkeit nachgesagt, die die im Festival vorangegangenen Kontroversen in Wohlgefallen auflösen soll. Renoir ist ein klassischer Vertreter dieses Fachs, und das soll ruhig einmal als Kompliment gelten. Es ist ein atmosphärisch dichter und durchgängig stark gespielter Film, der auf eine äußerst angenehme Art nichts will, durch dessen urteilsfreien Blick es trotzdem viel zu entdecken gibt. Vor allem ist es ein Film, der voller Ruhe ist und doch nie innehält, so langsam und beschwingt wie eine Fahrt mit dem Fahrrad.

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