Polnische Ostern

In der Stereotypenfalle: In seiner Tragikomödie schickt Jakob Ziemnicki einen mit Vorurteilen beladenen deutschen Bäckermeister in geheimer Mission nach Polen. Dabei erliegt der Film gerade den Klischees, auf die er satirisch abzielen will.

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Polen – terra incognita, zumindest für die meisten Deutschen. Dass laut Statistik in Großbritannien die meisten Autos geklaut werden, ficht stereotypenfeste Zeitgenossen hierzulande kaum an. Seit auch Humorgranden wie Harald Schmidt dem billigen Lacher zuliebe die reaktionären Polenklischees bedient und mithin so richtig popularisiert haben, ist klar: Wenn Polen mal nicht Autos klauen, dann ergehen sie sich doch irgendwie in windiger Geschäftemacherei, verstärktem Wodkakonsum, fanatischem Katholizismus und omnipräsentem Deutschenhass. Das medial transportierte Polenbild der letzten Jahre ist diesbezüglich erstaunlich stabil – genau wie diese schier unverwüstlichen Vorurteile.

In seiner neuen Kinoarbeit wendet sich nun der in Danzig geborene und in den 1980er Jahren in Deutschland aufgewachsene Regisseur Jakob Ziemnicki den deutsch-polnischen Stereotypen zu: Polnische Ostern erzählt vom Rendsburger Bäckermeister Werner Grabosch (Henry Hübchen), der seit dem Tod seiner Tochter ein trauriger und verbitterter Mann ist. Einziger Lichtblick ist seine siebenjährige Enkelin Mathilda (Paraschiva Dragus). Den Kindsvater, den Polen Tadeusz (Adrian Topol), hält Grabosch für einen Versager. Als nun deutsch-polnische Jugendamtsbürokraten beschließen, dass Mathilda bei ihrem Vater im polnischen Częstochowa aufwachsen soll, ist Grabosch klar: Der Pole bekommt das Kind nicht. Da es doch anders kommt, stattet Grabosch der polnischen Familie einen Überraschungsbesuch ab. Bewaffnet mit einer Videokamera will er die vermuteten „asozialen Zustände“ dokumentieren, um Tadeusz das Sorgerecht entziehen zu lassen.

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Mit dieser Exposition eröffnet sich der Film die Möglichkeit, präsente Stereotypen mit Mitteln des Genres zu dekonstruieren. Doch was jenseits der Grenze auf Grabosch und den Zuschauer trifft, ist zunächst nur die Bestätigung nahezu sämtlicher Vorurteile: Die Familie lebt in Armut, vier Generationen auf engstem Raum, an der Stelle des großspurig von Tadeusz angekündigten Hauses steht nur eine Bauruine, und Tadeusz steht in Geschäftsbeziehungen zu Ganoven mit ausgesucht üblen Visagen. Das Ganze passiert natürlich nicht irgendwo, sondern zeitlich wie örtlich im Herzen des – filmisch stark exponierten – polnischen Katholizismus: zu Ostern im Wallfahrtsort Częstochowa, wo alljährlich Pilgerströme aus dem ganzen Land der berühmten Schwarzen Madonna huldigen.

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Wie Atheist Grabosch ist sich auch der Zuschauer zunächst nicht sicher, ob das hier eine Reise nach Absurdistan oder zum Herzen der Finsternis werden soll, denn Polnische Ostern driftet in seinem Polenbild irgendwo zwischen der Beschreibung stereotypenechter Missstände und für den Unkundigen kaum lesbarer satirischer Überhöhungen. Dass aber zur Perzeption von Überzeichnungen zwingend die Zuschauerkenntnis der realen Verhältnisse gehört und nicht nur eine negativ geladene, vorurteilsbelastete Ahnung hiervon, bleibt unberücksichtigt. Da hilft selbst drastische Überspitzung wenig, es sei denn, die Verdichtung von negativ besetztem Halbwissen in eine negative Haltung wäre erklärtes Ziel.

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Jakob Ziemnicki unternimmt keinen Versuch, die aufgefahrenen Negativklischees zu unterminieren, und baut stattdessen auf eine emotionale Entwicklung Graboschs . Hierzu gehört vor allem die Romanze mit Tadeuszs Mutter Irena – gespielt von Kieslowski-Darstellerin Grażyna Szapołowska (Ein kurzer Film über die Liebe, Krótki film o miłości, 1989). Irena, die berufstätige Klinikärztin, versteht den polnischen Katholizismus eher als kulturelle Eigenart mit für sie selbst psychotherapeutischer Funktion und vermittelt Grabosch eine ihm bis dahin unbekannte Lebenseinstellung zwischen pantheistischem Mystizismus und slawischem Savoir vivre. Zweifellos sind diese Momente die raren Höhepunkte des Films, denn sie erzählen eine völlig andere, wohltuend sarkasmusfreie Geschichte vom einsamen und verbitterten Mann, der auf eine freie, emanzipierte Frau trifft. Das dies kitsch- und pathosfrei gelingt, verdankt Polnische Ostern der hier ausgewogenen Spielleitung und vor allem der nonchalanten Darstellung von Hübchen und Szapołowska, deren Figur eine überzeugende Bodenständigkeit mit schicksalsgeprüfter Weisheit stimmig vereint. Und wäre diese wirkungsvoll erzählte Geschichte mit der richtigen Gewichtung und Tragfähigkeit ausgestattet, wäre Polnische Ostern auch sonst ein funktionierender Film.

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Doch dieser Moment währt zu kurz, um bei Grabosch glaubhaft kathartische Effekte zu erzielen und seine plötzlich veränderte Sicht auf die Dinge glaubwürdig zu erklären. Denn die anderen Elemente, die den Wechsel seiner Haltung erklären sollen, bleiben nur enigmatische Umrisse von bestenfalls pittoresker Exotik, sofern man Oberammergauer Verhältnisse nicht kennt. So etwa Mathildas Glaubensinitiation einschließlich Nottaufe oder der Einblick in die traditionellen polnischen Osterbräuche. Als Grabosch am Ostertisch schließlich pathetisch erklärt, er habe nun seine polnische Familie kennengelernt und sei überzeugt, dass sie doch alle ganz tolle Menschen seien, hat es den Anschein, die Plotkonstruktion misstraue ob dieser Rückversicherung ihrer eigenen Funktionstüchtigkeit.

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Zum Ende hin lösen sich Konflikte dann auch mit solchem Tempo auf, dass selbst Henry Hübchen kaum Raum bleibt, seinen Charakter eine glaubwürdige Wandlung vollziehen zu lassen. Am Ende rettet der gute Opa Grabosch Tadeusz vor dem finanziellen Aus, und für den stereotypenfesten Zuschauer bestätigt sich wieder einmal: Ohne deutsches Geld geht in Polen nix.

Und wenn Grabosch als Schlussgag trotz Engagement und erlerntem Vertrauen doch noch das alte Auto geklaut wird, stellt sich ernsthaft die Frage nach dem Anliegen dieses Films. Denn ohne den Versuch, sich mit überkommenen Stereotypen auseinanderzusetzen, bleibt die Geschichte bestenfalls banal. So aber perpetuieren sich bekannte Vorurteile, ergänzt um die Erkenntnis, dass Polen auch nette Leute sein können. Das ist zu wenig.

Trailer zu „Polnische Ostern“


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Kommentare


Konstantin Dittrich

Ich hab den Film in Saarbrücken beim Ophüls gesehen und kann nur empfehlen: Anschauen!


Charlotte Merkel

Schade, da haben wir wohl 2 verschiedene Filme gesehen! Aber wie bei den meisten Multi-Culti Komödien gehen die Meinungen weit auseinander, dem einen ist es nicht scharf genug überzeichnet, dem anderen ist es bereits zu platt und klischeebeladen.

Ich mochte den Film und empfand ihn in seiner liebevollen Art und Weise ähnlich untehaltsam wie Almanya.

Charlotte Merkel


Joseph Tura

Die im Text erwähnte Ortschaft heißt Tschenstochau - ohne jegliche revisionistische Tendenz! - denn wir sagen ja schließlich auch Mailand und nicht Milano. Und Lüttich - und nicht Liege oder Luik.






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