Poison

Auf ganz eigene Weise taucht das Erstlingswerk von Todd Haynes in die verstörende Welt Jean Genets aus Liebe, Sex und Gewalt ein und gilt zu Recht als einer der wichtigsten Beiträge zum New Queer Cinema.

Poison

In seinem aktuellen Bob Dylan-Biopic I’m Not There (2007) lässt Regisseur Todd Haynes die Hauptfigur von sechs verschiedenen Schauspielern darstellen, um die Widersprüche und Komplexitäten derer Persönlichkeit zu illustrieren. Die Idee von Identität in einem klassisch-traditionellen Verständnis kommt dabei ins Wanken. Ähnlich verhält es sich in Haynes Debütfilm Poison aus dem Jahr 1990 – nur dass hier der filmische Text selbst schon in mehrere Bestandteile zerfällt. Poison verwebt drei unterschiedliche, von der Literatur Jean Genets inspirierte Geschichten miteinander – Hero, Horror und Homo –, die kontrastreicher in ihrer Inszenierungsart kaum sein könnten und entfaltet ein verwirrend-beunruhigendes Triptychon über die Instabilität von Identität vor unseren Augen.

Hero präsentiert sich im Stil einer Mockumentary: in gestellten Interviewsituationen setzen Familienangehörige und Bekannte Stück für Stück, teilweise sich widersprechend, das befremdliche und letztlich nicht ganz greifbare Porträt von Richie Beacon zusammen, einem Jungen, der, nach Angaben seiner Mutter, den eigenen Vater tötete bevor er aus dem Schlafzimmerfenster davonflog.

Horror kommt im Gewand eines trashigen Horror-B-Pictures der fünfziger Jahre daher, samt grobkörnigen Schwarzweißbildern, Overacting und einer Mad-Scientist-Story: Dr. Graves gelingt es, den sexuellen Trieb des Menschen als Serum zu isolieren, nimmt es versehentlich selbst ein und verwandelt sich zum leprösen Monster, das jeden infiziert, der in Körperkontakt mit ihm tritt. Die AIDS-Analogie dieser Jekyll & Hyde-Variante springt einem überdeutlich ins Auge. Wie in einer Karikatur wird die in den achtziger Jahren umgehende Panik und Hysterie vor der tödlichen Immunkrankheit plakativ, aber treffend gezeichnet.

Poison

Einen gänzlich anderen, eher lyrischen Ton schlägt das Gefängnisdrama Homo an, die dritte und letzte Episode von Haynes Film, basierend auf Genets Tagebuch eines Diebes (Journal du voleur, 1949). Deren schwuler Held John Broom – ein Dieb, der sein Lebtag hinter Gittern saß – hat sich mit der brutalen Machowelt einer Strafanstalt arrangiert. Als jedoch ein alter Bekannter von ihm, der schon zur Jugendzeit das Objekt von Brooms heimlicher Begierde war, in dasselbe Gefängnis verlegt wird, kann er seine Zuneigung diesem gegenüber nicht zurückhalten.

Zu oft wird Regisseur Todd Haynes auf seinen Status als schwuler Filmemacher reduziert, dabei sind seine Filme weit mehr als bloße Plädoyers für sexuelle Minderheiten. Haynes, ehemals Student der Semiologie, interessiert sich vor allem für den Zustand menschlichen Lebens innerhalb rigider Zeichen- und Wertsysteme. Seine Werke sind komplexe Untersuchungen über die Kluft zwischen Bild und „Wirklichkeit“, zwischen einer vordergründigen (Schein-)Identität und dem, was dahinter liegt.

In Poison macht sich dies etwa in den Diskrepanzen der Figuren bemerkbar, deren öffentliches Bild im Widerspruch zu den privaten, inneren Anteilen ihrer Persönlichkeit steht. Richie Beacon scheint mehr als das unschuldige Kind zu sein, für das er anfangs gehalten wird, Dr. Graves, für seine Umwelt der Inbegriff der Vernunft, kämpft mit seiner Libido-Besessenheit, und John Broom übernimmt die Machismen seiner Mitgefangenen, wobei er seine homoerotische Liebe zu seinem Zellengenossen nur schwer unterdrücken kann.

Poison

All diese im Lauf der Geschichten zu Außenseitern stigmatisierten Figuren werden Opfer reglementierender Systeme, in der es keinen Platz für transgressive Elemente (Masochismus, Vatermord, übermäßige Libido, Krankheit, Homosexualität) gibt und die daher ausgestoßen werden müssen. Die Abweichung von der Norm ist das titelgebende, verunreinigende Gift für den Einheitsbrei der Gesellschaft. Haynes ganze Sympathie gilt dabei seinen andersgearteten Grenz- und Einzelgängern während er die konformistischen Zwänge, Machstrukturen und Ausgrenzungsversuche unserer Kultur bloßlegt.

Auch auf formaler Ebene reflektiert Haynes die Kluft zwischen Bild und „Wirklichkeit“. Schließlich sind seine drei Erzählungen Imitationen, ironische Abbildungen einst originaler Genres. Wir werden quasi mit Fälschungen und Nachahmungen konfrontiert: Hero ist eine ge-fakete Dokumentation, Horror ein ge-faketes 50’s-B-Picture, Homo ein Rückgriff auf Codes des Gefängnis- und Arthouse-Films. Eine einheitliche, „wahre“ und individuelle Erzählerstimme, die den Film zu einem konsistenten Ganzen fügt, ist nicht präsent. Haynes Film ist ein in divergierende Bestandteile zerfallendes Mosaik, ebenso brüchig und komplex wie die Identitäten seiner Figuren. Gerade darin liegt sein Faszinosum.

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