Pingpong

In seinem preisgekrönten Spielfilmdebüt erzählt Regisseur Matthias Luthardt, wie es zwischen dem sechzehnjährigen Paul und seiner Tante zu sexuellen Annäherungen mit verheerenden Folgen kommt.

Pingpong

Die Ausgangslage von Pingpong kennt man bereits aus zahlreichen Filmen. Ein abgelegenes Haus wird während des Sommers zum Ort überkochender Emotionen. Anders als in Werken wie Der Swimmingpool (La piscine, 1969) mit Alain Delon und Romy Schneider oder François Ozons davon inspiriertem Sommerkrimi Swimming Pool (2003) ist der Schauplatz in Pingpong allerdings kein Ferienhaus, sondern das spießige Eigenheim einer bürgerlichen Familie. Der zugehörige vom Wald eingekesselte Garten verfügt ebenfalls über einen Pool, der zu Beginn des Films noch leer und renovierungsbedürftig ist, gegen Ende aber zum Schauplatz eines Racheakts wird. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, als ein ungebetener Gast vor der Tür steht.

Nach dem Selbstmord seines Vaters möchte der sechzehnjährige Paul (Sebastian Urzendowsky) die Sommerferien bei der Familie seines Onkels verbringen. Diese ist zwar wenig begeistert von Pauls unangekündigtem Besuch, lässt ihn aber aus Mitleid bei sich wohnen. Immerhin könnte er den hauseigenen Pool kacheln. Schon in der ersten Szene charakterisiert Regisseur Matthias Luthardt kurz und prägnant die Gastfamilie. Während der Vater (Falk Rockstroh) die meiste Zeit auf Reisen ist, bereitet Mutter Anna (Marion Mitterhammer), eine verhinderte Konzertpianistin, ihren Sohn (Clemens Berg) mit eiserner Disziplin auf das Vorspielen für das Musikkonservatorium vor. Schnell wird klar, dass es sich hier um eine gebildetere und kultiviertere Familie handelt, als die, aus der Paul stammt. Der Sohn heißt Robert, der von Anna innig geliebte Hund Schumann, und beim Frühstück möchte man sich erstmal in aller Ruhe der Lektüre des Feuilletons widmen.

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Als Pauls Onkel geschäftlich nach Madrid muss, entwickelt sich zwischen Anna, Paul und Robert zunächst ein mehr oder weniger freundschaftliches Verhältnis, das sich jedoch schon bald als intrigante Dreiecksbeziehung entpuppt. Dabei gerät Paul immer mehr in die Machtspielchen zwischen Mutter und Sohn. Waren beide zu Beginn noch abweisend, überhäufen sie ihren Gast schon bald mit Sympathie – oft auf berechnende Weise, um den nichtsahnenden und emotional ohnehin verunsicherten Jungen auf die eigene Seite zu ziehen und gegen den anderen auszuspielen.

Das Motiv des Spiels zieht sich durch den gesamten Film. Immer wieder kommt es im Garten in verschiedenen Konstellationen zum Titel gebenden Tischtennisspiel, und meistens nehmen diese Szenen auch eine Schlüsselfunktion ein. Pauls ständig schwankende Rolle als Vertrauter des Sohnes, beziehungsweise der Mutter kommt der eines Spielballs zwischen zwei verfeindeten Parteien gleich. Dass dieses Konzept noch weiterreicht, zeigt sich auch an der Einbeziehung des Klavierspiels. In einer Szene stellt Anna den musikalisch ungeschulten Paul vor die Wahl, ob ihm ihre oder Roberts Schumanninterpretation besser gefalle, und als Paul zögert, fordert sie ihn auf, er solle sich doch gefälligst an ihrem berechnend eingesetzten Machtspiel beteiligen.

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Wie leicht dieses Spiel außer Kontrolle geraten kann, zeigt sich in der durch die Abwesenheit des Vaters zunehmend erotisch aufgeladenen Spannung zwischen Paul und Anna. Dass die Konstellation aus älterer Frau und jungem Mann mit frisch erwachtem sexuellen Verlangen und einer hier zusätzlich relevanten psychischen Labilität schon oft bemüht wurde, ist für Luthardt unerheblich. Pingpong geht es nicht darum, etwas Neues auf die Leinwand zu bringen oder dies zumindest auf eine neue Art und Weise zu tun, sondern vielmehr, eine klassische Geschichte schnörkellos und aufs Nötigste beschränkt zu erzählen. Die filmische Umsetzung kommt dabei ganz ohne Spielereien aus und die Bildsprache funktioniert ausschließlich über die Handlung. Die Fixierung auf die drei Figuren und der Verzicht auf alles, was für die Geschichte unwichtig ist, legt das Beziehungsgeflecht und die damit zusammenhängenden Machtstrukturen offen. Schließlich ist es gerade das Kurze und Treffende, was das mehrfach preisgekrönte Drehbuch und die Inszenierung von Pingpong auszeichnen.

Die Reduktion auf das Wesentliche zeigt sich auch an dem über weite Strecken natürlich wirkenden Spiel der Darsteller, das die meiste Zeit ohne unnötige Manierismen auskommt. Lediglich an einigen Stellen kommt es zu emotionalen Ausbrüchen von Paul und Anna, bei denen etwas zu dick aufgetragen wird. Es scheint, als würden Regie und Schauspieler hier nicht ideal miteinander harmonieren, weshalb die dargestellten Emotionen aufgesetzt und künstlich wirken. Die Folge davon ist, dass man als Zuschauer nicht dem Schicksal der Figuren näher gebracht wird, sondern sich eher davon distanziert. Weitaus gelungener zeigt Luthardt Pauls Verzweiflung am Ende des Films, wenn die Emotionen nicht in Form eines überspielten Monologs aus ihm herausbrechen, sondern vielmehr implodieren. Diese ruhigere und subtilere Art, Gefühle darzustellen, verträgt sich dann auch besser mit der Gesamtwirkung des Films.

 

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