Paradies: Hoffnung

Vom Suchen und Nicht-Finden der Liebe. Ulrich Seidl erzählt seine Version einer Coming-of-Age-Geschichte.

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In seiner Paradies-Trilogie widmet sich Ulrich Seidl drei Frauen und ihrer persönlichen Suche nach der Liebe. Aber wer suchet, findet nicht immer und in den Filmen des österreichischen Regisseurs schon gar nicht. Statt auf eine sich langsam und organisch entwickelnde Liebe zu warten, jagen seine Anti-Heldinnen einer realitätsfernen, nie zu erfüllenden Idealvorstellung hinterher. Dabei kann es sich wie in Paradies: Liebe (2012) um junge kenianische Männer handeln, die sich aus Geldnot prostituieren, oder wie in Paradies: Glaube (2012) gar um den Allmächtigen, der nicht nur zum Lebensmittelpunkt, sondern auch zum erotischen Objekt der Begierde wird. Auf der Berlinale 2013 feierte nun der Abschluss der Trilogie, in dem sich das jüngste Mitglied der Familie auf einen amourösen Holzweg begibt, seine Premiere.

Die 13-jährige Melanie (Melanie Lenz) wird zu einem Urlaub der unangenehmen Art verdonnert. Während ihre Altersgenossen wahrscheinlich am Strand liegen und es sich gut gehen lassen, muss sie die Zeit in einem militärisch anmutenden Diätcamp in Niederösterreich verbringen. All die Jahre, die man sich zu wenig bewegt und falsch ernährt hat, sollen jetzt im Schnelldurchlauf wiedergutgemacht werden: mit gesunder Ernährung, Lehrfilmen und vor allem exzessivem Sport unter Aufsicht eines Sadisten mit Trillerpfeife. Bis auf eine Flucht in die nicht weniger deprimierende Freiheit einer provinziellen Absturzbar verweilt der Film ganz in dieser geisterhaft wirkenden Anlage und dem umliegenden Wald, mit einer Gruppe unsicherer pubertierender Jugendlicher, zwei Trainern und einem charmant schmierigen Arzt um die fünfzig, in den sich Melanie schließlich verlieben wird.

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Paradies: Hoffnung ist wieder ein typischer Film nach dem Seidl’schen Schema geworden, ein mitleidsloser Blick auf menschliches Scheitern. Und doch unterscheidet er sich in mehrfacher Hinsicht von seinen beiden Vorgängern. Zum einen liegt hinter dem tristen Szenario aus lustfeindlicher Disziplin und ritualisierten Demütigungen noch die titelgebende Hoffnung. Das hängt vor allem mit dem Alter der Protagonistin zusammen, der das Glück zumindest theoretisch noch offen steht, während bei ihrer Mutter und ihrer Tante längst Hopfen und Malz verloren sind.

Zum anderen ist Paradies: Hoffnung erzählerisch der bisher geradlinigste und konzentrierteste Spielfilm Seidls. Der Grundkonflikt zwischen Melanie und ihrem Angebeteten wird stärker zugespitzt, der Schauplatz genauer umrissen und das Figurenensemble überschaubarer. Statt sich zwischen episodischen Blöcken zu bewegen und dabei auch immer wieder Umwege in Kauf zu nehmen, folgt die Handlung hier fast einer klassischen Spannungskurve.

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Diese ungewohnt ökonomische Erzählweise ist es allerdings auch, die dem Film ein wenig die Intensität raubt. Denn gerade jene längeren, überwiegend von Improvisation geprägten Szenen, die für die Handlung zwar unwesentlich sind, sich dabei aber auf fesselnde Weise in die tiefsten Abgründe begeben, finden sich in Paradies: Hoffnung nur in Ansätzen. Das souveräne Wechselspiel zwischen komischen und tragischen Momenten, zwischen der Verletzlichkeit und ausgestellten Lächerlichkeit der Figuren beherrscht Seidl freilich auch hier wieder souverän. Und doch bekommt man das Gefühl, der Regisseur wäre in den für seine Verhältnisse ungewohnt kurzen 90 Minuten mit dem Sezieren der schmerzhaften Erfahrung seiner Protagonistin diesmal nicht ganz bis an die Grenzen des Erträglichen gegangen. Das mag damit zusammenhängen, dass Melanie Lenz im Gegensatz zu Margarethe Tiesel und Maria Hofstätter keine professionelle Darstellerin ist, aber auch mit ihrem jungen Alter, das dem Film schon von rechtlicher Seite die Grenzüberschreitung erschwert.

Trotz alledem ist Paradies: Hoffnung für sich genommen ein bemerkenswerter Film, gerade als rohe Coming-of-Age-Geschichte à la Ulrich Seidl. Unnötig zu erwähnen, dass die Zurückweisung am Ende des Films aus Melanie keinen besseren Menschen macht. Stattdessen sehen wir etwa, wie sie im Rahmen eines Camp-Alltags, der sich zwischen Drill und kleinen Ausbrüchen bewegt, die ungeschönte Version einer ganz normalen Jugendlichen ist. Tagsüber gibt es meist parodistisch zugespitze Leibesübungen („If you’re happy and you know it, clap your fat“) in gewohnt strengen Bildkompositionen, abends beobachtet eine Handkamera die Jugendlichen dabei, wie sie die Unterdrückung ihrer Begierden kompensieren: mit Süßigkeiten, Zigaretten, Alkohol und schlüpfrigen Partyspielchen. In Szenen wie diesen zeichnet sich auch der dokumentarische Blick Seidls wieder ab, wenn etwa seine Hauptfigur in den Hintergrund gerät und sich der Blick auf eine Leidensgemeinschaft verlagert, die sich in Ausschweifungen verliert.

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Es ist aber auch die Art und Weise, mit der Seidl das Machtverhältnis zwischen Melanie und ihrem Camp-Casanova in Szene setzt, die in Filmen über derartige Beziehungen jenseits der Legalität eine Seltenheit ist. Statt aus der gesetzlich Unmündigen automatisch das Opfer zu machen, konfrontiert uns Seidl mit einer jungen Frau, die trotz ihrer nach außen getragenen Unsicherheit genau weiß, was sie will. Dass der Arzt hierbei seine Position ausnutzt, um seinem Verlangen nach jungen Körpern nachzugehen, steht außer Frage. Jedoch ist es das Mädchen, das jeden Tag wieder vor seinem Behandlungszimmer sitzt, um sich neuen Doktorspielchen hinzugeben, oder mit der Vehemenz einer gekränkten Geliebten kein Nein akzeptieren will. Dabei ist von Anfang an klar, dass die Beziehung keine Zukunft hat. Es ist jedoch die quälende Ausführlichkeit von Melanies Scheitern, mit der Seidl wieder zu Höchstform aufläuft.

Vermutlich wird Paradies: Hoffnung das Schicksal ereilen, der kleine Film in der Trilogie zu bleiben. Gleichzeitig bietet sich hier aber auch die Möglichkeit, von einem Regisseur, der ansonsten mit einer ständigen Variation der gleichen Bausteine operiert, eine neue, durchaus spannende Seite zu entdecken.

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