Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat

Geschichte goes Genre. Mit Bryan Singer hat sich ein Meister des visuellen Erzählens des militärischen Widerstands um Oberst Claus Schenk von Stauffenberg angenommen. Der mythisch beladene Held ist Handlungszentrum und bleibt psychologische Leerstelle.

Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat

Was war man voreingenommen gegen diesen Film. Schrille Diskussionen, medienpolitische Peinlichkeiten und kleine Skandale hatten die Produktion belastet. Es ging um die Sektenzugehörigkeit des Hauptdarstellers und um die Erteilung einer Drehgenehmigung im Berliner Bendlerblock, wo in der Nacht auf den 21. Juli 1944 die ersten vier Verschwörer des bekanntesten Attentats auf Hitler exekutiert worden waren. Das am historischen Ort gedrehte Material wurde im Kopierwerk beschädigt, und das Team musste ein zweites Mal anrücken. Wie immer bei amerikanischen Darstellungen deutscher Geschichte wurden unter dem Schlagwort „Hollywoodisierung“ Ängste vor Verfälschung und Verkitschung laut. Dafür schwärmte Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck vorauseilend vom Imagegewinn für Deutschland, der „größer als zehn Fußball-Weltmeisterschaften“ ausfiele. Auch FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher blies nach Kräften ins Horn nationaler Dankbarkeit. Und der Burda-Clan verlieh einen „Bambi für Courage“ an Tom Cruise, der seine Rede mit den vermeintlich letzten Worten Claus von Stauffenbergs, „Es lebe das heilige Deutschland!“, schloss.

Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat

Und nun? Die berechtigten Abwehrreflexe gegen die mannigfaltige Instrumentalisierung einer durchaus ambivalenten historischen Figur prallen auf einen Film, der auf der Spannungs- und Bildebene perfekt funktioniert. Das ist nach drei eher holprig inszenierten deutschen Dramatisierungen des 20. Juli 1944 zunächst einmal ein Genuss. Die ersten beiden Verfilmungen, Georg Wilhelm Pabsts Es geschah am 20. Juli und Falk Harnacks Der 20. Juli (beide 1955), waren noch zu sehr damit beschäftigt, das Attentat an sich zu rechtfertigen. Texttafeln, Off-Kommentar und didaktische Dialoge sollten im Adenauer-Deutschland der 50er Jahre die Verschwörer zunächst einmal rehabilitieren und vom Dünkel des „Vaterlandsverrats“ befreien. Während beide Kinoproduktionen, die auf dokumentarischen Duktus und Originalmaterial zurückgreifen, beim damaligen Publikum durchfielen, wurde das ARD-Drama Stauffenberg von Jo Baier 2004 ein Quotenerfolg. Neu war, dass Graf Stauffenberg nicht von Beginn an als moralisch makelloser Held gezeigt wurde, der den Entschluss, Hitler zu töten, bereits gefällt hat. Zumindest kurz wird auf die rassenideologische und nationalistische Prägung des jungen Offiziers hingewiesen. Dann jedoch wird der Protagonist gemäß der vermeintlichen Gesetze des Fernsehens einer psychologischen Modernisierung unterzogen und durch eine sehr heutige Ehekrise emotionalisiert.

Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat

In Bryan Singers Operation Walküre (Valkyrie) ist Oberst Stauffenberg (Tom Cruise) zwar auch Mensch – ein Mann mit Familie und so noch nie betonter körperlicher Versehrtheit durch nackten Armstumpf und leere Augenhöhle. Vor allem aber ist er Handlungsträger: eine auf die Tat reduzierte Persönlichkeit. Um diesen Helden ist die gesamte Dramaturgie des Films und die der Operation Walküre, also des von langer Hand geplanten Staatsstreiches zum Sturz des NS-Systems, gestrickt. Das ist historisch nicht zutreffend und hat einen merkwürdigen Effekt: Alle Dynamik kreist um den Oberst, der gleichzeitig monolithisch und blass erscheint – eine undurchsichtige Stauffenberg-Hülle, in der, so wie im Batman-Kostüm, auch jemand ganz anderes als Cruise hätte stecken können. Diesen Sprung aus der Geschichte zur Genrefigur unternimmt bereits das Filmplakat. Es zeigt den Helden als Januskopf: eine Gesichtshälfte dunkel, die andere im Licht. Das erinnert an Two-Face, den Charakter aus dem Batman-Universum, der in sich gut und böse vereint. Bryan Singer, bekannt für erfolgreiche Comicverfilmungen (die X-Men-Filme 2000 und 2003; Superman Returns, 2006), reduziert den Hinweis auf Stauffenbergs „düstere“ Seite auf eine popkulturelle Anspielung. Ein Film über die schrittweise Wandlung des Offiziers vom Befürworter gewisser nationalsozialistischer Ziele und Ideen hin zum Gegner des Regimes steht also weiterhin aus.

Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat

Wenn man sich nun aber damit abgefunden hat, dass dieser sehr moderne Thriller kein Dokudrama sein will und auch keine Entwicklungsgeschichte eines ohnehin hochkomplexen Charakters, dann erstaunt, wieviel mehr man aus Christopher McQuarries Drehbuchvorlage über die weiteren Hauptpersonen des militärischen Widerstands, über ihr Zögern und Scheitern erfährt, als aus den bisherigen Spielfilmen zum 20. Juli. Die inneren Differenzen des Verschwörerkreises um Beck und Goerdeler, Olbrichts plötzliche Angst, als es ernst wird, Fellgiebels Nervosität und Fromms Opportunismus erscheinen um so vieles lebendiger als der stoisch handelnde Held. An ihrer Dynamik der Unentschiedenheit zerbricht der Putschversuch – im Film wie in der Realität. Auch endet Operation Walküre nicht wie die anderen Spielfilme mit der mal nüchtern, mal pathetisch inszenierten Erschießung im Bendlerblock und dem letzten Ruf, Deutschland möge leben. Kurze Szenen zeigen, wie es weiterging: Die versuchte Demütigung der übrigen Verschwörer vor dem „Volksgerichtshof“ mit seinem brüllenden Vorsitzenden Roland Freisler. Das Erhängen an Stahlseilen und Fleischerhaken, was Hitler zu seiner Genugtuung filmen ließ.

Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat

Wir hatten uns durch Filme wie Der Untergang (2004) schon daran gewöhnt, die Führungsriege des „Dritten Reichs“ im Kino ganz menschlich und auf Augenhöhe dargestellt zu sehen. Bryan Singer behandelt sie wie im Horrorfilm und zeigt eine oberflächlich harmlose Teerunde bei Hitler mit all seinen Paladinen, aus der die Ekel- und Boshaftigkeit nur so strömt. Das häufig originelle und meisterhafte visuelle Erzählen und das Sounddesign sind die größten Stärken von Operation Walküre. Die bewegte Kamera (Newton Thomas Sigel) zielt nicht auf pathetische Tableaus, sondern erzeugt lebendige Bilder von großer Präsenz. Manchmal lesen sie sich wie ein Comic, manchmal scheinen verschiedenste Genreelemente durch, und es gibt sogar Humor.

Und was ist mit der hierzulande teils erhofften, teils befürchteten mythischen Überhöhung des Claus Schenk von Stauffenberg, auf dem der kathartische Wunschtraum einer Selbstbefreiung der Deutschen vom Nationalsozialismus lastet? Bryan Singer hat sich, inmitten eines plastischen Dramas, für eine Maske entschieden. Es darf weiter projiziert werden.

Trailer zu „Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat“


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Kommentare


Marte Cormann

Ich kann der Kritik nur zustimmen. Auch ich war von dem Film sehr angetan.


Marco

^^ Von "angetan" war ja gar nicht die Rede.
Für mich hört sich das Ganze doch wieder sehr nach den (meisten) aktuellen Hollywood-Filmen an: Optisch opulent, Soundtechnisch toll, aber irgendwie steril und "plastikartig".
Ich werde mir natürlich eine eigene Meinung bilden, aber ich gehe schon mit Zweifeln an den Film ran. - Ich lasse mich gerne überzeugen.


classless

Wenn stimmen sollte, was Frank Schirrmacher schrieb, daß “dieser Film (…) das historische Bild Deutschlands in vielen Ländern für Jahre prägen” wird, dann ist die deutsche Reeducation der Restwelt erfolgreich gewesen. Stauffenberg, “der einzige deutsche Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus”, der “Hitler ganz allein mit einer Niederlage besiegt” hat (Jürgen Kiontke), steht für die widersprüchliche Botschaft, die die Deutschen seit dem Krieg in die Welt funken: Wir waren fast alle dagegen, aber einer wäre auch genug gewesen.

http://www.classless.org/2009/02/16/operation-walkure-vs-operation-barbarossa/






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