Nowhere Boy – Kritik

Von John Lennons dramatischer Jugend wissen wahrscheinlich die wenigsten. Deshalb erhellt Sam Taylor-Wood in ihrem Debütfilm den Hintergrund des Beatles-Stars – leider mit etwas sehr konventionellen Mitteln.

Für das Genre des Künstler-Biopics ist das Motiv des Stardaseins in der Regel ein notwendiges Merkmal. In den meisten Vertretern der Gattung erleben wir Menschen, die nicht zuletzt mit dem Medienrummel und dem Fankult um die eigene Person fertig werden müssen. Obwohl der Nowhere Boy hier niemand Geringeres ist als John Lennon, eines der größten Fan-Phänomene des 20. Jahrhunderts, blendet die bislang vor allem als Künstlerin bekannte Sam Taylor-Wood das Starruhm-Motiv in ihrem Debütfilm aus. Denn die Filmhandlung endet, bevor die Geschichte der Beatles beginnt. Matt Greenhalghs Drehbuch konzentriert sich auf Lennons Jugend in Liverpool – und auf seine Zerrissenheit zwischen Tante Mimi (Kristin Scott Thomas), bei der er aufwächst, und seiner richtigen Mutter Julia (Anne-Marie Duff), die er erst als Teenager wirklich kennenlernt.

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Hinter diesem ungewöhnlichen Umstand verbirgt sich eine dramatische Familiengeschichte, die – ganz klassisch – erst am Ende des Films und mithilfe verschwommener Rückblenden vollständig aufgelöst wird. Zuvor erfreut sich John der Tatsache, dass seine wirkliche Mutter nicht nur ganz in seiner Nähe wohnt, sondern auch eine deutlich angenehmere Bezugsperson ist als seine Tante Mimi. Denn während diese weder Johns beginnende Begeisterung für die Musik noch sein schlechtes Benehmen in der Schule tolerieren will, lässt sich Julia von den rebellischen Eigenschaften ihres Sohns faszinieren und verstärkt Johns Rock-’n’-Roll-Attitüde noch.

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Dieser entstehenden Mutter-Sohn-Beziehung zuzusehen macht durchaus Spaß, und auch die schönste visuelle Idee des Films illustriert diesen Teil der Handlung. Während wir John seine ersten Akkorde lernen sehen, ihm bei seinen Fortschritten an der Gitarre zuschauen, erscheint das Handeln der Personen um ihn herum im Zeitraffer, weil John es schon nicht mehr wahrnimmt. Während er vertieft ist in die Akkorde und Griffe, verschwimmt die Außenwelt zu einem abstrakten Gewusel. Szenen wie diese hätten einen starken Kern bilden können für diese Geschichte, aber in Nowhere Boy ist der Einfall nur ein nettes Gimmick, eine schöne Abwechslung in einem ansonsten erstaunlich biederen Film. 

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Das liegt nicht zuletzt an der Besetzung von Aaran Johnson, der den jungen Musiker spielt und weder nach Lennon noch nach einem 15-Jährigen aussieht. Während Kristin Scott Thomas und Anne-Marie Duff ihren eigentlich als Stereotypen angelegten Figuren durchaus Tiefe verleihen können, bleibt Johnsons Darstellung blass. Auch er hat seine starken Szenen, aber tragen kann er diesen Film nicht – und das wäre dafür, dass man ihm den späteren Beatles-Star abnehmen soll, wohl nötig gewesen. So bleibt die Tatsache, dass wir auf der Leinwand den jungen John Lennon sehen, eine Behauptung. Sicherlich ist das Drehbuch gut recherchiert, sicherlich erfährt man eine Menge über Lennons Hintergrund – aber der Film mutet eher wie eine fiktional nachgestellte Reportage an, weil man dem Bezug zum späteren Weltstar nur dann gewahr wird, wenn mal zufällig sein Name fällt.

Nowhere Boy erzählt zweifellos eine spannende wahre Geschichte, die für viele überraschend sein dürfte. Doch kann das als Kriterium für den Erkenntniswert eines Werks ausreichen? Denn man bekommt im Laufe des Films das Gefühl, dass die Entdeckung einer bislang noch nicht auf der Leinwand „ausgewerteten“ Geschichte den einzigen Daseinsgrund für Nowhere Boy darstellt – dass Taylor-Wood diesen Film gemacht hat, um einen Film gemacht zu haben. Aber ein inhaltlich neues Terrain zu erforschen, das ist noch keine filmische Leistung, von dramatischen Stoffen ist die Zeitgeschichte voll. Entscheidender als die Inszenierung eines neuen Plots ist die Frage, ob sich damit etwas Neues ausdrücken lässt. Von einer Künstlerin, die sich bislang vor allem mit Fotografie beschäftigt hat, hätte man also gerade visuell etwas mehr erwarten dürfen. Den Vergleich mit ihrem Kollegen Anton Corbijn, dessen Regiedebüt Control (2007) übrigens auch von Autor Matt Greenhalgh für die Leinwand adaptiert worden ist, besteht sie jedenfalls nicht.

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So bleibt der einzige Mehrwert von Nowhere Boy sein spektakulärer Aufhänger mit dem Namen John Lennon. Doch dass dieser über allem schwebt, schadet dem Film letztlich mehr, als es ihm nützt. Während Lennons Geschichte mit anderen Mitteln hätte erzählt werden müssen, wohl auch mit einem anderen Hauptdarsteller, wäre die Erfahrung dieses Films ohne die ständig im Hinterkopf herumspukende Querverbindung zu der realen Person reicher gewesen. Sicherlich beschreibt der Film eine für Lennon sehr prägende Zeit und erklärt nicht zuletzt mancherlei Anspielung in seinen späteren Songtexten. Auch diese erzählen teilweise von Lennons Jugend – zwar nur implizit und poetisch verschleiert, aber doch wahrhaftiger als dieses überdeutliche und konventionelle Coming-of-Age-Drama.

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Kommentare


Nowhere Boy - Fan

Ich fand Aaron Johnsons alles andere als blass. Gerade er mach meiner Meinung nach den Film erst richtig sehenswert. Ohne ihn wäre Nowhere Boy, aufgrund der zu geradlinigen Story, nur mäßig.






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