Mr. Nice

Howard Marks war einer der erfolgreichsten Drogendealer Europas. Bernard Roses Biopic blickt mit viel Humor und stilistischem Esprit auf seine Vergangenheit, ohne sich dabei der Illusion von historischer Authentizität hinzugeben.

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Die Rückprojektion ist eine etwas veraltete Technik, die zwei getrennte Räume in einem Bild verbindet. Wenn – um ein typisches Beispiel zu nennen – in der vorderen Bildebene ein Schauspieler einen Wagen steuert und im Hintergrund eine Landschaft vorbeirauscht, die recht offensichtlich nicht aus dem selben Kontext stammt wie Auto und Fahrer, dann handelt es sich zumeist um einen kostengünstigen, aber nicht eben realistischen Effekt. Bernard Roses Drogendealer-Biopic Mr. Nice (2010) nutzt nicht nur diesen aus der Mode geratenen Kunstgriff, sondern setzt auch bewusst auf dessen verfremdende Wirkung. Der Film arbeitet mit zahlreichen Archiv-Bildern im Hintergrund, die mit selbst gedrehten Vordergrund-Szenen kombiniert werden. Angesichts der Möglichkeiten der aktuellen CGI-Technik sähe dies fast amateurhaft aus, wenn Rose die Rückprojektion nicht gezielt einsetzen würde, um die Unmöglichkeit einer authentischen Darstellung der Vergangenheit offen anzuerkennen. Jede Jahrzehnte später einsetzende filmische Beschäftigung mit der Geschichte kann nur in einem Pastiche enden – und so verzichtet Mr. Nice von vornherein auf die ohnehin zum Scheitern verurteile Illusion der Historizität.

Howard Marks (Rhys Ifans) ist ein zurückhaltender Junge aus der walisischen Provinz, dessen schulische Erfolge ihn zur eigenen Überraschung an die Elite-Universität Oxford führen. Dort kommt er in den späten 1960er Jahren mit der rebellischen Hippie-Kultur und deren Drogenkonsum in Berührung. Aus dem braven Schüler wird erst ein langhaariger Kiffer und später einer der größten Drogendealer Europas. Der Handel mit Haschisch macht ihn reich, und die Kontakte zum britischen Geheimdienst MI6 bewahren ihn anfangs vor Haftstrafen, sodass er mit seiner Frau Judy (Chloë Sevigny in einer sie unterfordernden Rolle) ein Jetset-Leben führen kann. Als er sein Imperium jedoch immer mehr ausweitet und zudem mit der terroristischen IRA kooperiert, wird er schließlich zu 25 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Sieben Jahre davon verbringt er von Frau und Kindern getrennt in einem amerikanischen Gefängnis, ehe er vorzeitig entlassen wird. Heute arbeitet Marks als Entertainer, Journalist und Vorkämpfer für die Legalisierung von Marihuana.

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Bernard Roses Verfilmung der Marks’schen Autobiografie gibt sich von Anfang an als Inszenierung zu erkennen. So beginnt Mr. Nice mit dem Aufziehen eines Theatervorhangs, Marks tritt auf die Bühne, scherzt und zeigt einige alte Filmaufnahmen im überholten 4:3-Format. Erst mit dem Einsetzen seines Vortrags trennt sich das Bild von der Theaterszenerie. Doch auch die Rückblende arbeitet noch mit Distanzierungseffekten, ihre ersten Minuten sind komplett in Schwarzweiß gehalten. Fast zufällig gerät der naive Student Marks vor die Tür eines Zimmers, aus dem Rauchwolken in den Flur des Oxforder Wohnheims dringen. Als er in den Raum tritt und einen Kommilitonen kennenlernt, der äußerlich an Johnny Depp aus einer anderen Drogendealer-Biografie – Blow (2001) – erinnert, verändert sich nicht nur sein Leben, sondern auch das Filmmaterial. Während Howard in Superzeitlupe von einer Frau geküsst wird, wechselt Mr. Nice ohne Schnitt zu farbigen Bildern.

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Mit solchen Stilisierungen wartet der Film immer wieder auf: Wie Gaspar Noés avantgardistische Tour de Force Enter the Void (2009) enthält Mr. Nice sowohl eine Trip-Sequenz als auch eine von warmen roten Computeranimationen vermittelte Perspektive der Gebärmutter auf einen Orgasmus. Als Marks unter Einfluss von LSD panisch durch ein Campus-Gebäude stolpert, verkanten sich die Kameraeinstellungen, und am Ende des Rausches sehen wir Hunderte Wasserbläschen in einer Toilettenschüssel herumsprudeln, die der vielleicht schönsten Urinierszene der jüngeren Filmgeschichte entstammen. Wie der Anfang, so wird auch das Ende des Films vom Bühnenauftritt Howard Marks’ eingerahmt, um jede realistische Interpretation zu unterlaufen. Der Abspann glänzt schließlich mit eleganten Aufnahmen von dicken Rauchschwaden, die in Zeitlupe über das Gesicht des Protagonisten ziehen.

Doch Mr. Nice weiß der Lebensgeschichte des walisischen Drogenbarons nicht nur dramatische Plotwendungen und visuelle Glanzpunkte abzugewinnen, sondern auch viel Humor im Angesicht von Verbrechen und Strafe. Dies gelingt mit satirischen Einblicken in vergangene Epochen, in denen Fräuleins vom Amt den Anrufer fragen, in welches Loch sie den Telefonstecker nun platzieren sollen – oder aber mit den aberwitzigen Geheimcodes der Drogendealer, die ihre Ware als „Nordel“ oder „Wurst“ bezeichnen. Diverse filmgeschichtliche Anspielungen unterminieren erneut die Illusionskraft des historischen Plots, wenn Figuren sich als Erfinder des Zoophilie-Dramas Equus (1977) ausgeben oder versichern, dies sei „kein James-Bond-Film“.

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Erst als Bernard Rose gegen Ende in den ernsthaften Modus übergeht, schwächelt Mr. Nice etwas, zumal sich der Film hier erstaunlich einseitig mit seiner kriminellen Hauptfigur identifiziert. Dass Howard Marks von Freunden verraten und durch die Inhaftierung von seiner Familie getrennt wird, inszeniert Bernard Rose als Herzschmerz-Melodrama samt großzügig eingesetzter Musik vom berühmten Komponisten Philip Glass. Schließlich scheint der Film auch mit Marks’ Haltung zu sympathisieren, nicht die Drogen selbst, sondern die Drogengesetze seien das Problem.

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In einem dieser Plädoyers für die Legalisierung von Haschisch fällt der schon damals von der US-Regierung gebrauchte Begriff „war on drugs“, der mit seinem martialischen Duktus noch heute völlig deplatziert wirkt. Es sind genau solche Details, die die Handlung aus den 1970er Jahren geschickt mit der Gegenwart verbinden und damit das Konzept des Films verwirklichen, die Vergangenheit nicht als, sondern aus der Gegenwart zu betrachten.

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