Moolaadé - Bann der Hoffnung

Vier junge Mädchen suchen aus Angst vor der Beschneidung Schutz bei einer rebellischen Dorfbewohnerin. Ousmane Sembenes neuester Film ist hochemotional, dezidiert politisch und wunderschön.

Moolaadé - Bann der Hoffnung

Die Radios werden vom Söldner (Dominique Zeїda) verkauft. Der ist selbst nicht verheiratet und flirtet mit allen Frauen des Dorfes, ob ledig oder nicht. Außerdem trägt er europäische Kleidung, kümmert sich wenig um die Traditionen der übrigen Bewohner. Ein Kapitalist durch und durch, verkauft er den Bewohnern Rasierklingen, moderne Kleidung und weitere Luxusgüter. Vor allem jedoch Radioapparate. Diese sind es, die die weite Welt in das von jahrhundertealten Traditionen geprägte Dorf tragen. Die Frauen des Dorfes hören sich die Programme der Radiosender aus den großen Städten an und plötzlich beginnen einige, ihre untergeordnete Rolle in der Gemeinschaft in Frage zu stellen.

1963 drehte Ousmane Sembene Borom Sarret, den ersten Film, der jemals innerhalb Afrikas von einem schwarzen Afrikaner fertiggestellt wurde. Seit seinem Debüt, einem trotz der schwierigen Produktionsbedingungen auch heute noch faszinierenden Kurzspielfilm über einen desillusionierten jungen Senegalesen, ist sich der Regisseur was Thematik und Stil seiner Arbeiten angeht, treu geblieben. Stets gilt sein Interesse nicht nur einzelnen Individuen, sondern vorrangig den gesellschaftlichen Problematiken im postkolonialen Afrika, die er oft in parabelhaften Anordnungen zu erfassen versucht.

Moolaadé - Bann der Hoffnung

Auch sein neuester Film ist hochpolitisch. Moolaadé - Bann der Hoffnung (Moolaadé) behandelt die in einigen, nicht nur, aber vor allem afrikanischen Ländern, verbreitete Praxis der sogenannten Klitorisbeschneidung, die besser als Verstümmelung der Genitalien beschrieben ist. Der Eingriff wird bei Mädchen im Jugendalter vorgenommen und ist nicht nur lebensgefährlich, sondern schädigt die Betroffenen für den Rest ihres Lebens auf irreparable Weise. In dem zentralafrikanischen Dorf, dem Ort der Handlung von Ousmanes Film, entstand die Praktik durch eine Überlagerung islamischer und vorislamischer Lehren. Moolaadé zeigt, wie die verschiedensten spirituellen Vorstellungen funktioneller Teil der Machtstruktur des dörflichen Mikrokosmos geworden sind. Gleichzeitig macht Ousmane deutlich, dass eine Änderung der Verhältnisse durch die Gemeinschaft selbst unmöglich ist, die auf Aberglaube, Ungleichheit und Ausbeutung beruhenden Strukturen erhalten sich selbst aufgrund eines hierarchisch aufgebauten Herrschaftssystems, das zwar strikt patriarchalisch funktioniert, den Frauen aber für regelgerechtes Verhalten Gratifikationen bietet. Die spirituelle Hoheit etwa hat eine Gruppe älterer Frauen inne, die auch die Beschneidungen vornehmen.

Vier siebenjährige Mädchen bringen das soziale Gefüge in Unordnung, als sie vor den Beschneiderinnen flüchten und bei Collé Gallo Ardo Sy (Fatoumata Coulibaly) Unterschlupf finden. Ihre Beschützerin hatte vor Jahren die eigene Tochter vor der Verstümmelung bewahrt und sich dadurch dauerhaft ins soziale Abseits befördert. Nun gewährt sie den Mädchen auf einer uralten Tradition beruhend „Moolaadè“, spirituellen Schutz nicht nur gegen die Dorfältesten, sondern auch gegen die Mütter der Kinder, die glauben, dass unbeschnittene Frauen weder einen Mann finden noch Kinder gebären können.

Moolaadé - Bann der Hoffnung

Als die Lage sich zuspitzt, wird klar, dass eine Tradition nicht mit einer anderen bekämpft werden kann; auch die Moolaadè bietet dauerhaft keinen Schutz. Der Söldner und seine importierten Radioapparate können gegen die geballte Ignoranz der männlichen und Teile der weiblichen Bevölkerung ebenfalls wenig ausrichten – die Geräte werden zur Gefahr für den sozialen Frieden erklärt und verbrannt. Der Ausweg, den Ousmane schließlich aufzeigt, entspringt aus der Gemeinschaft selbst und eröffnet die Perspektive für einen vitalen afrikanischen Feminismus, der die repressiven Traditionen nicht durch die Ideale der europäischen Aufklärung ersetzt, sondern sich der eigenen kulturellen Herkunft bewusst ist. Die hoffnungsvolle Schlussnote des Films ist kein Happy End im Sinne des Hollywoodfilms, sondern eine positive Utopie, die das Thema bitter nötig hat.

Dieses fast euphorische Ende passt sich perfekt ein in das Gesamtkonzept. Ousmanes Filmsprache ist für ein europäisches Publikum gewöhnungsbedürftig. Moolaadé entwickelt sein Thema langsam, lässt sich viel Zeit für die Beschreibung von Nebenhandlungen. Gleichzeitig ist der Film sehr direkt und – weniger visuell als emotional – brutal. Die Forderung nach Abschaffung der Genitalverstümmelung wird eindeutig und wiederholt vorgetragen, kein Zweifel kann bestehen bleiben an der dezidiert politischen Schlagrichtung des Films. Dennoch bleibt genug Raum für kleine, präzise Beobachtungen aus dem Dorfalltag.

Nur selten gelangen Filme in die deutschen Kinos, in denen Afrika seine eigene Geschichte erzählt, ohne europäische Perspektive, ohne amerikanisches Geld und fern westlicher Filmtraditionen. Moolaadè ist einer dieser Ausnahmefälle und eröffnet einen Blick nicht nur auf Afrika, sondern auf ein Weltkino jenseits kulturimperialistischer Tendenzen.

 

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