Mary & Max – oder Schrumpfen Schafe wenn es regnet?

Der melancholische Blick fürs Schräge: In seinem ersten abendfüllenden Werk erzählt Adam Elliot von der wundersamen Brieffreundschaft zwischen einer australischen Außenseiterin und einem Sonderling aus Manhattan.

Mary & Max

Der australische Animationsfilmer Adam Elliot hat einen Blick fürs Schräge und Abseitige. Seine liebenswerten Figuren zeichnet stets eine gewisse melodramatische Tragik aus, die – gepaart mit einem eigentümlich bitteren Humor – zielsicher die Herzen des Publikums erreicht. So war das auch zuletzt bei seinem kurzen Puppenanimationsfilm Harvey Krumpet (2003), der mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Mary & Max – oder: Schrumpfen Schafe wenn es regnet? (Mary and Max, 2009) ist eine Weiterentwicklung von Elliots Handschrift – in technischer, ästhetischer und narrativer Hinsicht – und sein erster abendfüllender Puppenanimationsfilm.

Australien 1976. Erzählt wird die Geschichte der achtjährigen Mary Daisy Dinkle, die in Mount Waverley, einem Vorort von Melbourne, lebt, zusammen mit ihrer kettenrauchenden, sherrysüchtigen und kleptomanischen Mutter und einem Vater, der seine ganze Freizeit dem Ausstopfen verunglückter Vögel widmet. Mary hat einen Hahn als Haustier (der einst von einem Schlachtviehtransport gefallen ist) und ein Muttermal auf der Stirn. Ihre Lieblingsfarbe ist braun, und ihr Leibgericht ist süße Kondensmilch – dicht gefolgt von Schokolade. Mary liebt die Noblets – Figuren aus ihrer Lieblingscartoon-Serie, weil diese braun sind, in einer Teekanne wohnen und eine Menge Freunde haben. Sie hat keine Geschwister – obwohl sie gerne welche hätte –, und sie sei ein Unfall, hat sie von ihrer Mutter erfahren. Marys Großvater hingegen meint, Kinder seien immer gewollt und würden in Australien von den Vätern in Bierhumpen gefunden. Was Mary fehlt, ist ein Freund, der ihr die Welt erklärt.

Mary & Max

Mit enormem Sinn für ökonomisches Erzählen charakterisiert Adam Elliot so innerhalb der ersten fünf Minuten sowohl seine erste Protagonistin als auch deren kindliche Sicht der Dinge. Wie schon in Harvey Krumpet setzt der Regisseur dabei vor allem auf den Voice-over-Erzähler. So wirkt das Bild über weite Strecken wie eine Illustration des Gehörten. Durch Überspitzungen und Übertreibungen im Bild gewinnt die filmische Erzählung ihre zum Teil stark satirische und schwarzhumorige Wirkung: Man lacht über das, was man sieht, obwohl es einem im Halse stecken bleiben sollte.

Mary & Max

Auch die Geschichte des übergewichtigen Max Jarry Horowitz, der allein in Manhattan der mittsiebziger Jahre lebt, ist eigentlich alles andere als lustig. Max’ kleiner Fernseher hat Bild, aber keinen Ton, sein großer Fernseher hat Ton, aber kein Bild. Max ist 44 Jahre alt, Junggeselle und leidet an multiplen Zwangsneurosen und am Asperger-Syndrom, jener dem Autismus zugeordneten Unfähigkeit zu sozialer Interaktion. Auch er mag die Noblets, weil diese in einer „klar definierten sozialen Struktur“ leben und eine Menge Freunde haben. Max hat nur einen Freund, Mr. Ravioli. Der aber ist imaginär. Max’ Psychiater Dr. Hazelhoff meint, Max brauche keinen imaginären Freund. Seitdem sitzt Mr. Ravioli in der Ecke und liest.

Mary & Max

Marys und Max’ Welten begegnen einander, als Mary auf die Idee kommt, irgendjemandem in Amerika einen Brief zu schreiben, um herauszufinden, ob Babys dort ebenfalls in Bierhumpen gefunden werden. Im Folgenden entspinnt sich eine Jahrzehnte währende Korrespondenz zwischen den Kontinenten, zwischen einem anfangs kleinen Mädchen und einem Mann mit autistischen Zügen. Max öffnet sich Mary und findet erstmals eine echte Freundin, und Mary hat zum ersten Mal jemanden, der ihr zuhört und ihr Rat gibt.

Mary & Max

Animationstechnisch setzt Mary & Max zwar bei seinem – auch thematisch verwandten – Vorgänger an (auch einige aus Harvey Krumpet bekannte Figuren finden sich wieder), jedoch erreicht der Film in der Liebe zum ausstatterischen Detail eine neue Qualität: Die Souveränität, mit der sich Gerald Thompsons Kamera durch die Kulissen bewegt, vermag derart zu involvieren, dass man schnell vergisst, einen Puppentrickfilm zu sehen. Dabei steuert Adam Elliot gekonnt jeglichem Realismus durch eine konsequente Farbdramaturgie entgegen. Marys Welt ist bis auf Brauntöne nahezu farbentsättigt, und in Max’ Welt dominieren Schwarzweiß und Grautöne. Einzig bestimmte Akzente der jeweiligen Welt des anderen oder bestimmte Pointen bringen farbliche Abwechslung. Etwa wenn Max in seiner Schwarzweiß-Welt bräunliche Briefe von Mary erhält. Stimmig wirkt auch Dale Cornelius’ behutsamer und klug positionierter Soundtrack, der für Max und Mary illustrative Leitmotive findet und so die Figurenzeichnung emotional vertieft und dem Film zu einer großen Geschlossenheit verhilft. Philip Seymour Hoffman, der – in der Originalfassung – Max seine Stimme gibt, vollendet diese Figurenzeichnung. Mit leicht monotoner, emotional reduzierter, gepresster Stimme schildert dieser Max sein Leben und gibt der Figur hierdurch eine glaubhafte Fragilität fern jeglicher Nonchalance.

Mary & Max

Die Jahrzehnte währende Brieffreundschaft der zwei Außenseiter reichert der Film mit einem aberwitzigem Reichtum an skurrilen Ideen, Anekdoten, Allegorien und Lebensweisheiten an, wodurch nichts Geringeres gelingt als eine mal bitter-satirische, mal humorvoll-melancholische Parabel von der Schönheit und auch der Hässlichkeit des Lebens. Und das dies abseits jedweder Larmoyanz oder moralischer Imperative gelingt, ist die große Leistung dieses berührenden Films.

Trailer zu „Mary & Max – oder Schrumpfen Schafe wenn es regnet?“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Daniel

Das ist der schlechteste Film den ich nach dem ach so tollen koreanischen "Hostage" gesehen habe.
Absolute Zeitverschwendung.
Ich will das Geld dafür zurück und eine Entschuldigung von Adam Elliot mit dem Versprechen dass er das Filme machen für immer lässt.


rita

ein guter film!
klug, offen und ehrlich...und man konnte noch lachen.
eine kreative geschichte noch dazu...
eine die man kein zweites mal sehen wird.
sehenswert...ein film den man entweder liebt oder hasst


Jeanne

Ich Fand den Film Klasse.
ich schließe mich Ritas meinung an :)
Zwar anders wie bei den Meisten Filmen aber dieser film hatte was an sich :)


Axel

Anfangs dachte ich mir, diesen Film siehst du dir niemals, bis zu Schluss an.

Doch ich täuschte mich gewaltig...

Soo melancholisch und deprimierend er scheint, ist er meiner Meinung nach nicht.

Er hat auch was von Mut und Hoffnung, eine Art Lebenskampf, gegen sich selbst.

Man findet sogar an gewissen stellen, den Humor wieder.

Ich finde das die Altersfreigabe
"ab 12 Jahren" vollkommen berechtigt ist, da die teilweise tragische Handlung für zu junge Mitmenschen, sehr verwirrend sein kann.

Alles im allen ein einzigartiger Film, dem man sich einmal im Leben anschauen sollte.

Mein Rat:
Wenn sie sich dafür entscheiden den Film zusehen, schauen sie sich ihn auch bis zum Schluss an.


Thorleif

Ein Top Film, man muss aber ein gewisses Maß an Grundintelligenz mitbringen.
Für wen US Action Filme das A & O sind, der sollte vielleicht die Finger von lassen *auf Daniels Komentar schau*

Zum Film, ja er ist traurig und melancholisch, auf seine Art auch komisch und ernüchternd, aber wie Axel bereits schrieb, gibt dieser Film auch Hoffnung, aber auch einen ernsten Fingerzeig auf unsere Gesellschaft, der anonymität der Großstädte und unsere Verhaltensweisen, auch miteinander.

Sehr zu empfehlen






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.