Ludwig II.

Vierzig Jahre nach Luchino Visconti interpretieren Peter Sehr und Marie Noëlle Leben und Wirken des Bayernkönigs in einem episch angelegten Biopic.

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Der König will sich von seiner besten Seite zeigen. Das erste Treffen mit dem von ihm so verehrten Richard Wagner (Edgar Selge) steht an. Aufgeregt hält Ludwig (Sabin Tambrea, später: Sebastian Schipper) Frisör Hoppe (Volker Zack Michaelowksi) ein Foto vor die Nase, das ihn selbst mit einer extravagant-eleganten Frisur zeigt. Hoppe äußert Bedenken, die Haare seiner Majestät seien aktuell zu dünn und strähnig. Um das Kunstwerk realisieren zu können, müssten sie alle angebrannt werden. Für den König ist das keine Frage, das Leiden wird sich lohnen. Schon immer versuchte er seine Welt nach dem Willen der eigenen Vorstellung zu formen.

Abbilder: Ludwig zusammen mit Wagner bei einer Schulveranstaltung, Ludwig während der Anfertigung des Porträts in Generalsuniform und Königsmantel, Ludwig unterwegs in der bayrischen Landschaft mit seiner goldenen Kutsche. Peter Sehr (Das serbische Mädchen, Kaspar Hauser) und Marie Noëlle (Die Frau des Anarchisten) betten die überlieferten bildlichen Darstellungen des Bayernkönigs in die Filmhandlung ein, als wollten sie beweisen, dass sie eine beglaubigte Authentizität erschaffen haben. Mehr noch, ihre Version von Ludwig II. soll ein neues Licht auf die legendenumwobene Ikone werfen. Deswegen scheinen sie explizit immer wieder nach solchen Momenten zu suchen, in denen sie die Bildnisse des „Märchenkönigs“ in den jeweiligen persönlichen und politischen Kontext setzen können.

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Mit Die Frau des Anarchisten ist es dem Ehepaar zuletzt über weite Strecken gelungen, eine individuelle Geschichte im historisch-politischen Kontext des spanischen Bürgerkrieges zu erzählen. Mit dem Versuch, das Leben der schillernden Persönlichkeit Ludwig in möglichst vielen Facetten wiederzugeben, haben sich Sehr und Noëlle jedoch verhoben. Schon die Eröffnungsszene versucht den Charakter des jungen Kronprinzen mit allzu simplen Allegorien zu etablieren: Ludwig und sein Pferd auf der Flucht vor den Bediensteten des Königshofs und dem Ruf des militärbegeisterten Vaters. Ludwig im Opernhaus, das Libretto von Lohengrin schwärmerisch fest an sich gedrückt. Die spätere Flucht vor den Traditionen und Verpflichtungen des Hofes in eine künstliche Traumwelt wird hier recht einfallslos als Vorausahnung auf das Ende Ludwigs inszeniert.

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Im Stile einer Nacherzählung galoppiert der Film durch die Stationen in Ludwigs Leben. Jede Szene scheint nur ungeduldig auf ein bestimmtes Stichwort – einen Satz, eine Handlung – zu warten, um daraufhin sofort die nächste folgen zu lassen. Dialoge und Monologe liefern die Interpretation der Szene gleich mit („Sie stehen an einem Scheideweg“, „Ich soll für sie ein wandelnder Widerspruch bleiben“). Ludwig II. liefert dem Zuschauer alles auf dem Silbertablett. Bisweilen fühlt man sich gar ins Klassenzimmer versetzt, in dem man mit dem Lehrer Bildungsfernsehen schaut, um die bereits besprochenen Fakten abzuhaken. Die durchaus sehenswerten Kulissen von Ludwig II. sind an keiner Stelle mehr als Staffage, und auch die – unter Bärten und Schminke versteckten – hochkarätig besetzten Nebenrollen (Uwe Ochsenknecht, Axel Milberg, Gedeon Burkhard) lassen an ein Kostümfest denken: verkleidete Schauspieler, wie man sie sich genauso auch in Michael „Bully“ Herbigs Realfilmversion von Lissi und der wilde Kaiser hätte vorstellen können.

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Sehr und Noëlle setzen durchgängig andere Akzente als die Visconti-Verfilmung. Bis auf das unvermeidliche Ende meiden sie vergleichbare Szenen und Sequenzen. Statt eines düster-dekadenten Kammerspiels erzählen sie ihren Ludwig im zeitgemäßen Biopic-Stil, das vorgibt, eine dokumentarische Distanz zu halten, und an die Doku-Dramen Heinrich Breloers denken lässt. Dabei legen sie zwar Wert darauf, Ludwigs visionäre kunstpolitische Ansprüche hervorzuheben und auch die von Visconti unterschlagenen politischen Ambitionen Wagners darzustellen, doch gerade im Vergleich zur Version von 1972 werden vor allem die Leerstellen deutlich, die von der Neuverfilmung nicht gefüllt werden können, weil sie es bei unbefriedigenden Andeutungen belässt: Ludwigs komplizierte Beziehung zu Elisabeth von Österreich (Hannah Herzsprung), die Umstände um seine Verlobung mit Sophie (Paula Beer) und ihre Auflösung, das Verhältnis zur Mutter Marie (Katharina Thalbach) oder zum Bruder Otto (Tom Schilling) bleiben skizzenhaft, obwohl sich gerade in diesen Spannungsfeldern die komplexe Persönlichkeit Ludwigs offenbaren könnte.

Der Film lässt letztlich völlig offen, warum eine kinematografische Neuerzählung des Stoffes nötig war. Die Filmemacher mögen ein Idealbild ihrer Version vor Augen gehabt haben, doch das Ergebnis wirkt so, als hätten sie sich nicht getraut, alle Fasern ihres Stoffes anzubrennen, um sie in eine überzeugende Form zu bringen. So wirkt ihr Ludwig II. wie eine Aneinanderreihung von Kompromissen, die eine höchst konventionelle Narration und Dramaturgie mit einem attraktiven zeitgemäßen Look und den Schauwerten der Originalschauplätze zu überdecken versucht.

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Visconti hatte sich erfolgreich gegen die Kürzung seines knapp vierstündigen Monumentalwerks auf zweieinhalb Stunden gewehrt. Sehr und Noëlle haben einen Weg gesucht, um das Leben Ludwigs in seiner Universalität in noch kürzerer Spielzeit zu zeigen. Es ist eine altmodische Herangehensweise in einer Zeit, in der das Format Fernsehserie allgemein als die adäquatere Alternative angesehen wird, um epische Stoffe in angemessener Form zu erzählen. Ludwig II. aus dem Jahr 2012 macht es schwer, dieser Annahme zu widersprechen.

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