Lucky

Filmfest Hamburg 2017: In seinem letzten großen Einsatz fürs Kino gerät Harry Dean Stanton ins Grübeln über Leben und Tod. Inzwischen grämt sich David Lynch in einer Nebenrolle um seine entlaufene Landschildkröte.

Lucky 1

Meint der das ernst? Eine Schildkröte in der ersten Einstellung eines Films, in dem es um den Alltag eines gebrechlichen alten Mannes irgendwo in der Provinz von Arizona geht, dementsprechend um Langsamkeit, um Vergänglichkeit und mit Sicherheit auch um den Rückzug in irgendeinen Panzer – oder um eine Last, die man mit sich herumschleppt. Nicht ganz so symbolisch, aber ähnlich deutlich: Der gebrechliche alte Mann, der mit Leichtigkeit für die ganzen Vereinigten Staaten stehen könnte, für die weiß-männlich-mythischen natürlich, flachst im Diner mit den schwarzen Bediensteten, und im Einkaufsladen fragt er die Latina-Besitzerin nach ihrem Sohn Juan. „Juan Wayne“, sagt er dann beim Rausgehen, die Faust gereckt, von einem Amerika kündend, das anderen weißen Männern derzeit ganz schön viel Angst einjagt. Und dann ist ein gesuchtes Wort im morgendlichen Kreuzworträtsel auch noch „realism“, liefert einen praktischen philosophischen wie ästhetischen Meta-Kommentar, und der gebrechliche alte Mann erklärt fortan jedem, der es (nicht) hören will: „Realism is a thing.“

Ausdrücklich ausdrucklos

Lucky 2

Irgendwie meint dieser Film, inszeniert von Schauspieler John Carroll Lynch, das alles sehr ernst und irgendwie auch wieder nicht, es ist jedenfalls alles ziemlich toll. Das hat auch damit zu tun, dass es hier nicht um irgendeinen gebrechlichen alten Mann geht. Der titelgebende Lucky wird gespielt von Harry Dean Stanton, in einer letzten großen Rolle vor seinem Tod, der erst wenige Wochen zurückliegt, und das Drehbuch der Schauspielkollegen Dragon Sumonja und Logan Sparks basiert zu einem großen Teil auf Stantons Leben.

Lucky 3

In der Anfangssequenz gibt es erstmal nur seinen Körper: Luckys Morgenritual, ein paar Yoga-Übungen, sein Gesicht bleibt außerhalb des Rahmens, in dem sich seine Glieder, seine Falten, seine hängende Brust und diese tristweiße Rentnerunterwäsche zur Last der Gegenwart zusammensetzen, während der unscharfe Vordergrund uns das Gesicht als Porträtfoto von einst nachreicht; ein stolzer all-american guy, in Uniform, versteht sich. Und dann ist er eben ganz da, im Bild, dieses ausdrücklich ausdruckslose Gesicht nun auch immer wieder im Close-up gegenwärtig, und Lucky trinkt seinen Kaffee im Diner und macht seine Besorgungen im Laden, und abends geht er in die Kneipe, und alle kennen ihn, und alle mögen ihn, auch wenn er meist schroff ist.

Stoische Indifferenz

Der Tod von Harry Dean Stanton tut ja niemandem von uns gut, aber schon gar nicht diesem Film. Jetzt nämlich bietet sich Lucky als eine Art Vermächtnis an, und die entsprechende Vermarktung läuft mit Sicherheit schon. Ein Film übers Altern und Sterben, mit einem gerade Gestorbenen, der zudem den ganzen Film so mühelos trägt, dass man ihm noch jeden Darstellerpreis post mortem überreichen möchte. Die aber beide, Film und Gestorbener, all dem auch so schön gleichgültig gegenüberstehen: Der sich anbietende Hype würde vollkommen die Bescheidenheit, die Verspieltheit, die stoische Indifferenz gegenüber den großen Fragen verkennen, die Lucky erst auszeichnen, und Stantons Indifferenz gegenüber dieser „Rolle seines Lebens“.

Lucky 4

Der Film könnte auch schlicht heißen: Lucky ist gestürzt. Es ist dieser winzige Moment, in dem Harry Dean Stanton einmal aus dem Rahmen fällt, der den gebrechlichen alten Mann ganz schön irritiert – „I’m not afraid of heights, I’m afraid of falling“, hat er uns schließlich schon in Paris, Texas (1984) angekündigt. Fortan verändert sich nicht die Fallhöhe des Films – der Sturz bleibt folgenlos –, aber doch seine Tonlage. In der verständlichen Hoffnung auf Antworten geht Lucky zum Doc, aber der findet nichts, kann nur staunen, was für eine Gesundheit für dieses Alter, eine fabelhafte Lunge trotz einer Schachtel pro Tag, sorry Lucky, die Diagnose heißt Alter, da fällt man manchmal um, und sei froh, dass du in deinem Alter das alles noch bewusst miterlebst, drüber nachdenken kannst. Drüber nachdenken, miterleben, das muss er jetzt wohl.

Lucky ist dem Tod also in seiner banalsten Form geweiht, und Lucky der Banalität des Todes gewidmet, ohne damit ein großes Fass aufzumachen. Alles kein Drama, die Vergänglichkeit, aber doch so frustrierend und unbefriedigend. Lucky, der überzeugte Atheist, beginnt zu grübeln, weiß fortan nicht mehr so recht zu antworten auf die Fragen, wie es ihm geht. In der einzigen penetrant musikuntermalten Szene (eine sehr berechtigte Penetranz wohlgemerkt) hören wir noch so eine Stimme aus dem Totenreich, Johnny Cashs Version von Bonnie Prince Billys „I See a Darkness“, und dabei legt sich Harry Dean Stanton ins Bett und starrt ins Leere. Die Reue, die Angst, die Traurigkeit sind stille Begleiter, nicht Aussage dieser Einstellung.

Goodbye, Mr. President

Lucky 5

Und dann ist da nochmal Amerika und sein Kino, die ewigen Western-Landschaften, die ewigen Bars, die ewigen Kriegserinnerungen der Veteranen, Geschichten von Einsamen und Liebenden. Kein Abgesang, nur eine Begehung. Da wird dann mitunter auch mal etwas arg dick aufgetragen, wenn Lucky auf der Geburtstagsfeier von „Juan Wayne“ einen mexikanischen Schlager improvisiert. Aber warum den Realismus nicht Realismus sein lassen, schließlich tobt auch David Lynch in diesem Film rum, der Stanton in Twin Peaks: The Return gerade erst als unser aller Seelenwächter im Trailerpark imaginiert hat. Lynch spielt mit unvergleichlicher Deklamationswut einen Kneipenkumpanen, dem seine Landschildkröte (eine „tortoise“, keine „turtle“!) namens President Roosevelt weggelaufen ist, der an dieser Kränkung fast zergeht, sich ausmalt, wie sein gepanzerter Freund von langer Hand die Flucht geplant hat, sich fragt, ob er diesem Freund die ganze Zeit nur im Weg stand. Und so deklamiert er: „There are some things in this life that are bigger than all of us, and a tortoise is one of them.“ Die Schildkröte aus dem ersten Bild, sie war gar kein Symbol, sie wird uns einfach nur bescheiden überdauern.

Trailer zu „Lucky“


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