Looping

Einsamkeit und leise Hoffnung: Drei Frauen in der Psychiatrie schaffen sich eine Gegenwelt abseits gesellschaftlicher Normalität und sexueller Erwartungen - und lernen dabei langsam die Narben der jeweils anderen kennen.

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Wir lernen Leila (Jella Haase) in der Nacht kennen: Behutsam und doch zielstrebig streift das Mädchen durch die großstädtische Dunkelheit. Ein Abglanz ihrer blonden Haare und roten Lippen huscht hin und wieder über die betonierte Tristesse. Leila ist 19. Und hat keinen Halt: Ihre Mutter trinkt, ihre Freunde scheinen keine tieferen Gefühle zu kennen. Wodka trinkend zieht sie um die Blocks und lässt sich schließlich auf die Gesellschaft eines fremden Mannes ein. Am nächsten Morgen wacht sie im Krankenhaus auf, vergewaltigt und mit Alkoholvergiftung. Fast routiniert unterschreibt sie ein formloses Blatt, das ihre Einweisung in eine Psychiatrie an der Nordsee veranlasst. Regisseurin Leonie Krippendorff gelingt es, diesen Niedergang wie an einer Perlenkette darzustellen. Die Kamera ist nah dran an Leila, studiert ihre Mimik, folgt empathisch allen Details. Entlang ihres Leidenswegs bleibt ein Vertrauen: Die Kamera wird sie nicht mehr verlassen. Diese unbedingte Nähe erinnert mitunter an die Darstellung der Adèle in Abdellatif Kechiches Blau ist eine warme Farbe (2013).

Intime Gegenwelt

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Die eigentliche Geschichte aber beginnt nun erst: In der psychiatrischen Einrichtung lernt Leila die viel ältere und geheimnisvolle Ann (Marie-Lou Sellem) kennen, die sich ihr bei einem nächtlichen Einbruch ins Schwimmbad annähert. Im Gegensatz zur kalten Außenwelt spüren wir hier zum ersten Mal bläuliche Wärme und so etwas wie Zärtlichkeit. Auch wenn Leila diese noch nicht an sich heranlässt. Kurze Zeit später findet die junge Mutter Frenja (Lana Cooper) ihren Weg in die Klinik. Eine beginnende Bulimie ist gerade dabei, ihr Leben mit ihrem Mann und ihrer herzkranken Tochter zu zersetzen. Die drei Frauen teilen das Zimmer, verbringen Zeit miteinander, machen lange Wanderungen am Strand und lernen langsam die Narben der jeweils anderen kennen. Den Alltag innerhalb der Einrichtung bekommen wir kaum mit. Wir wohnen lediglich einem Lachkrampf bei, der die Frauen beim autogenen Training überkommt. Die therapeutische Behandlung scheint keine Rolle für das Trio zu spielen. Vielmehr entsteht eine intime Gegenwelt zwischen ihnen: ein Ort des Ausprobierens und Fußfassens weitab gesellschaftlicher Normalität und sexueller Erwartungshaltungen.

Ästhetische Zäsuren

So zielstrebig Looping zumindest Leilas Weg an diesen Ort auch beschreibt, die Handlung zerfasert etwas, je besser die drei sich kennenlernen. Der zuvor an eine Figur gebundene Plot dehnt sich auf einmal in alle möglichen Richtungen aus. Um zu zeigen, was die Frauen außer der miteinander gefundenen Nähe eigentlich bewegt, setzt Krippendorff vor allem auf ästhetische Zäsuren: Kindheitserinnerungen werden zu Bildcollagen, und kurze Einsprengsel von Flora und Fauna spiegeln die Wellen inneren Empfindens. Das ist als Abbild von Gefühlswelten sehr direkt und klar, indessen bleibt es von den Figuren etwas entkoppelt, findet zum Beispiel auch keinen entsprechenden Ausdruck in ihrer Sprache oder im Dialog. So bleiben die vor unseren Augen entstehenden Persönlichkeiten gleichwohl auf Distanz zu uns.

Affekte laufen ins Leere

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Das mag als Ausdruck der psychischen Belastungen, der die Protagonistinnen ausgesetzt sind, ein gewollter Effekt sein. Es bricht nur etwas irritierend mit dem Erzählprinzip der ersten halben Stunde, in der Looping vor allem durch seine empathische Haltung zu seiner Protagonistin mitreißen wollte. Wir sehen die Frauen mehrere Male beim Tanzen im Club, doch es fühlt sich für uns Zusehende immer gleich an, obwohl sich ihre Beziehung in der Zwischenzeit intensiviert hat. Deswegen laufen einige Affekte ins Leere, und die Einsamkeit der drei beginnt trotz aller Zuneigung wieder stärker fühlbar zu werden. Es bleibt die Bereitschaft, sich wieder auf jenes Gefühl einzulassen, das den Frauen durch ihre Beziehung zueinander zumindest teilweise wiedergegeben wird: Vertrauen. So ist Looping ein hoffnungsvoller, nach vorne schauender Film, der sich keinen Illusionen hingibt und dem Leiden seiner Figuren bis zum Ende verpflichtet bleibt.

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