Looper

Rian Johnson treibt das Zeitreise-Paradox auf die Spitze. Und erzählt trotzdem von anderem.

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Im Amerika des Jahres 2040 sind gesellschaftspolitische Albträume unserer Zeit maximal real geworden: Misstrauen und Gewalt beherrschen überbevölkerte Großstädte, die soziale Schere ist vollends auseinandergebrochen – auf der Straße eine degenerierte und verarmte Unterschicht, in kahldunklen Nicht-Räumen eine korrupte Gangster-Elite auf Dauer-Droge. Joe (Joseph Gordon-Levitt) ist einer von ihnen und arbeitet als Auftragskiller der besonderen Art. Als Looper erschießt er anonyme Opfer aus der Zukunft, die Verbrecherorganisationen per dann erfundener, aber illegaler Zeitreise zurückschicken. Um jegliche Spuren zu verwischen, muss ein jeder Looper nach dreißig Jahren sein zukünftiges Ich erschießen. Der Loop ist geschlossen, die verbleibende Zeit wird genutzt, das verdiente Geld in einen schönen letzten Lebensabschnitt umzumünzen. Ein gewagtes Rentenmodell, vor allem wenn sich das Alte(r) Ego (Bruce Willis) erfolgreich gegen seinen Tod sträubt.

Looper 04

Rian Johnsons neuer Film begegnet den Ungereimtheiten in der Plot-Logik, die dem Zeitreisefilm grundsätzlich eingeschrieben sind, auf Ebene der Montage offensiv exhibitionistisch. Die vermeintlich zentrale Szene des Films wird innerhalb einer Minute gleich dreimal hintereinander geschnitten und so in ihrer Widersprüchlichkeit regelrecht ausgestellt: Joe schafft es nicht, die 30 Jahre ältere Version seiner selbst zu erschießen. Joe erschießt diese, um dann zu eben dieser zu werden – visuell verwirklicht wird das über eine betörend fragmentierte Zeitraffer-Sequenz, die ausschließlich über Blicke des älter werdenden Protagonisten funktioniert. In einem letzten Schritt ist dann erneut, jedoch perspektivisch verändert, der gescheiterte (Selbst-)Mord zu sehen. So weit, so offensichtlich paradox.

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Im Nachhinein ist es vielleicht gerade diese naiv wirkende Offenheit, die bereits andeutet, dass es Looper dann im weiteren Verlauf eben nicht um besonders ausgeklügelte Erzähl-Twists und Wiederholungs-Orgasmen à la Twelve Monkeys (1995) und Source Code (2011) geht. Denn trotz eines über halbstündigen, sich unglaublich schnell schlängelnden Prologs, der neben zahlreichen Gangsterfilm- und Science-Fiction-Anleihen schließlich auch noch Action-Garant Bruce Willis in der zweiten Hauptrolle des gealterten Joes präsentiert, kommt es im weiteren Verlauf des Films zu einer seltsamen, narrativen wie ästhetischen Neuausrichtung. Erzähltempo und Schnittfrequenz werden gedrosselt, Dialoge komplexer aufgebaut und der Ort der Handlung zu einem Großteil an nur noch einen Schauplatz verlagert: eine einsame Farm, auf der die junge Mutter Sara (Emily Blunt) ihren neunmalklugen Sohn (Pierce Gagnon) versteckt, der mit übernatürlichen Kräften ausgestattet ist, die kaum zu kontrollieren sind. Joe der Ältere sieht in ihm den zukünftigen Verbrecher Rainmaker, der im Jahr 2070 die Riege der Looper bedroht, und will ihn töten. Der zwar angedeutete, aber bis dahin lediglich durch einige Flashback-Bilder und Match-Cut-Schnitte ausgearbeitete Identifikationskonflikt zweier gleicher Ichs am gleichen Ort zur gleichen Zeit wird plötzlich von einer äußerst klassischen Melodramaturgie überlagert und erst ganz am Ende wieder aufgenommen.

Looper 03

Ähnlich wie bereits in seinen beiden vorherigen Filmen Brick (2005) und Brothers Bloom (2008) beweist Regisseur Rian Johnson erneut, dass er sein Werk gerne im Deckmantel klassischer Genreformen tarnt, um es dann von innen heraus aufzubrechen und so die Erwartungen des Zuschauers zu konterkarieren. Dabei mit einem betont erzählenden Film nicht in die Falle allzu großer Zerfahrenheit zu tappen, ist schwer und gelingt mit Looper nur bedingt. Zu unentschieden wirkt der Film auf die gesamte Spieldauer von knapp zwei Stunden, und auch die einzelnen Teile sind lediglich verwässert entwickelt. Das liegt durchaus auch am schnörkellosen (Anti-)Schauspiel Willis’ und Gordon-Levitts, welches die innere Zerrissenheit der Protagonisten nicht kondensieren kann und so die Ambition, die Zeitreise-Science-Fiction in den Figuren zu erden, eher unterläuft. Eine in dieser Hinsicht buchstäblich im letzten Moment beschleunigte dramaturgische Zuspitzung verpufft so auch mehr als Effekt denn als tiefergehende Reflexion. Die beste Figur macht Willis einfach – und Looper zeigt das in einer wahren Reminiszenz-Szene zur Mitte des Films selbst auf – wenn er sich alleine und mit sturem Blick durch eine Armada schwarzgekleideter Feinde ballert.

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Kommentare


Mario

Super Filmkritik. Ich war gestern auch im Kino und habe ihn mir angesehen und
ich kann die Kritik nur bestätigen.


Luise

Das sehe ich nicht so kritisch- Ich finde den Film super


Christian

Habe am darauffolgenden Tag den neuen james bond gesehen und habe Looper als den eindeutig besseren und einzigartigeren Film empfunden. Mir hat er sehr gut gefallen! Und ausgerechnet die angesprochene Action szene von willis würde ich nicht als eine der stärksten nennen!


Philipp

Danny Gronmaier bitte schreiben sie keine Kritiken mehr, wenn es ihr Ziel ist größere Massen mit ihrer Kritik zu informieren. Looper is ein echt gelungener Film den man jedem nur empfehlen kann.

P.s Wörter wie "verwässert" in einem Satz wie "einzelnen Teile sind lediglich verwässert entwickelt" können sie getrost auch einfach weglassen und sich wie ein normaler Mensch ausdrücken. Ihr ganzer Artikel ist so geschwolen ausgedrückt das es schon fast lächerlich ist. Danke.


Frédéric

Nein, Philipp, andersrum: Wenn die "größeren Massen" (=Du?) nicht bereit sind, auch mal über den eigenen Schatten der Denkfaulheit zu springen und im Zweifelsfall auch einen Satz zwei Mal zu lesen oder ein Wort nachzuschlagen, dann werden sie ausreichend Adressen finden, die sie herablassend mit aneinandergereihten Hauptsätzen und schlichten Erkenntnissen versorgen.
Übrigens: Etwas zu verwässern, kann so verstanden werden, dass es nicht mehr in Reinform auftritt (zum Beispiel Wasser im Wein macht letzteren fad) und dadurch etwas verliert. Hier würde ich daraus schließen, dass die gemeinten Teile nicht sehr prägnant sind. Bei Fragen gerne einfach nochmal melden.


Danny

Philipp, vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben recht, der letzte Absatz der Kritik ist vielleicht etwas zu wertend ausgefallen. Ich bin gerade was das Genre des SciFi-/Action-Film angeht ein Fan von stringenter Klarheit, dies scheint hier durch. Meine vor diesem Hintergrund hoffentlich verständlichere (und subjektive!) Irritation gegenüber Looper ist aber vielleicht gerade auch die Stärke des Films: Er hat unter Freunden und Kollegen einigen Gesprächstoff ausgelöst, ich habe im Übrigen jedem den Film empfohlen. Grundsätzlich geht es an dieser Stelle ja um eine Auseinandersetzung mit dem Film (so wie wir das hier nun auch machen), nicht um bloßes "informieren". Eine potentielle Masse, die meine Texte liest, wünsche ich mir dabei durchaus, aber ich schreibe nicht FÜR sie.
Und das einfache Weglassen des Wortes "verwässert" geht ja nicht, sonst macht der Satz doch gar keinen Sinn.






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