KussKuss

Sören Senn erzählt in der Dreiecksgeschichte KussKuss, wie eine junge Frau das geregelte Leben eines Pärchens durcheinander bringt.

KussKuss

In einer der ersten Szenen von KussKuss geht ein Polizist die algerische Asylbewerberin Saida (Saida Jawad), die ihren genehmigten Aufenthaltsort verlassen hat und ohne gesetzliche Erlaubnis in einem Krankenhaus als Reinigungskraft arbeitet, scharf an und verhehlt dabei kaum seine rassistisch begründete Verachtung für die hilflose Frau. Ein Einstieg, der exemplarisch für die staatliche Repression steht, unter der Asylbewerber in Deutschland häufig leiden. Zwar spielt diese Thematik in KussKuss vor allem anfangs noch eine wichtige Rolle, jedoch wird primär das Beziehungsgeflecht zwischen drei Menschen dargestellt.

Ärztin Katja (Carina Wiese), die die obig beschriebene Situation ungewollt mitzuverantworten hat, nimmt Saida aus Schuldgefühl in ihrem Zuhause auf. Ihr Freund, der Geisteswissenschaftler Hendrik (Axel Schrick), ist mit der neuen Wohnsituation zunächst äußerst unzufrieden, was die Beziehung der beiden in der Folge immer mehr belastet, da Katja darauf beharrt, dass sie Saida helfen muss. Allerdings bahnt sich schon bald zwischen Hendrik und Saida eine Affäre an, während die ahnungslose Katja ihrer Arbeit im Krankenhaus nachgeht.

KussKuss

Dass Sprache als Medium oft nicht funktioniert, wenn Menschen aus unterschiedlichen Ländern miteinander kommunizieren, wird auf die Leinwand übertragen, indem Hendrik und Katja sich mit Saida, die nur Französisch spricht, häufig auf einer nonverbalen Ebene verständigen. Die Figuren greifen dabei vor allem auf Mimik und Gestik zurück, um sich auszutauschen, weshalb in KussKuss Nah- und Großaufnahmen dominieren. Auch entsteht für den Zuschauer dadurch, dass so manch schwer nachvollziehbare Handlung nicht mit Worten plausibilisiert wird, ein relativ großer Interpretationsspielraum.

Obwohl KussKuss ein Film ist, der vor allem die Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen veranschaulichen möchte, verzichtet er nicht auf eine ordentliche Prise Ironie. Die Figur Katjas karikiert den modernen Gutmenschen, der sich in blindem Helferwahn einem ehrenwerten Anliegen widmet, aber im Grunde keine Ahnung hat, was er da eigentlich tut. Auch Hendrik verkörpert ein hierzulande besonders beliebtes Stereotyp, nämlich das vom nutzlosen Geisteswissenschaftler. Da er – natürlich – arbeitslos ist, muss er sich von seiner Freundin aushalten lassen, während er sich eher unproduktiv seinen wissenschaftlichen Anstrengungen widmet. Dass Saida ihre anfängliche Schüchternheit immer mehr verliert und zu einer skrupellosen Frau mutiert, die Katja eifrig den Mann auszuspannen versucht, ist dabei nur konsequent. Die Zeichnung ihrer Figur ist zwar ein erfrischend freches Statement, das sich der gängigen Klischeevorstellung vom Migranten, der seinem Schicksal völlig passiv ausgeliefert ist, nicht nur verwehrt, sondern diese umdreht. Jedoch verkörpert Saida durch ihr Verhalten Katja gegenüber wiederum ein anderes Stereotyp, nämlich das vom „undankbaren Ausländer“. Die daraus resultierende Botschaft könnte lauten, dass Migranten letzten Endes eben ganz normale Menschen mit charakterlichen Defiziten sind – und dabei nicht besser oder schlechter als die Einheimischen.

KussKuss

Die in der ersten Hälfte des Films noch relativ präsente Asylthematik rückt mit fortschreitendem Handlungsverlauf immer mehr in den Hintergrund und dient schließlich nur noch als thematischer Überbau für eine klassische Dreiecksgeschichte, der gegen Schluss hin fast jegliche handlungstechnische Relevanz eingebüßt hat. Somit bleibt die eingangs beschriebene Szene die wichtigste asylpolitische Aussage von KussKuss. Die bürokratischen Spießrutenläufe, die erzwungenermaßen illegale Beschaffung gefälschter Dokumente, die tägliche Angst undokumentierter Migranten vor der Abschiebung – diese Aspekte werden lediglich gestreift, aber nicht so realistisch dargestellt, als dass sie zum Nachdenken bewegen würden.

Der Film ist daher eindeutig kein explizit politisches Werk, auch wenn die Verleihfirma zum Kinostart von KussKuss mit der Flüchtlingsorganisation „Pro Asyl“ kooperiert, um interessierten Zuschauern in Form von Diskussionsveranstaltungen die Möglichkeit zu bieten, sich näher mit dem Thema Asylpolitik zu beschäftigen. Ungeachtet dessen, ob ein Beziehungsfilm nun eine gute Grundlage für einen ernsthaften Meinungsaustausch über politische Streitfragen bietet, vermittelt er zumindest überzeugend seine zentrale Aussage, die sich auch im konsequenten Ende wiederspiegelt. Dabei handelt es sich um eine moralische und über kulturelle Grenzen hinausgehende, wenn auch reichlich banale Botschaft: Wer das Vertrauen und die Gefühle anderer Menschen verletzt, macht sich am Ende nur selbst unglücklich.

 

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