Knock Knock

Stolz nach außen getragene Zweitklassigkeit. Eli Roths bösartige Komödie zeigt einen Geschlechterkampf, bei dem alle verlieren.

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Mit seinen Figuren geht der amerikanische Regisseur Eli Roth nicht gerade zimperlich um. Gerne lässt er sie auf alle nur denkbaren Arten malträtieren. Dabei verlieren sie ihre Gliedmaßen, ihren Verstand und meistens auch ihr Leben. Aber obwohl das Leiden bei Roth durchaus der Unterhaltung dient, greift es zu kurz, seine Regiearbeiten als bloßen Torture Porn zu bezeichnen. Denn das Foltern steht nicht nur als Attraktion für sich, sondern ist auch eine satirische Abrechnung mit selbstgerechten Landsleuten. In Hostel (2005) erwischt es etwa widerliche Backpacker-Prolls mit mangelndem interkulturellem Verständnis, und in The Green Inferno (2013) werden neunmalkluge Öko-Aktivisten zu Opfern genau jenes Stammes, den sie retten wollen. Auch in seinem neuen Film – einem freien Remake von Peter S. Traynors Death Game (1977) – wird wieder heftig ausgeteilt. Diesmal jedoch trifft es die Hauptfigur nicht in einem Land, das sie nicht versteht, sondern in den eigenen vier Wänden.

Grell und überzeichnet

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Der Home-Invasion-Film Knock Knock beginnt damit, dass der erfolgreiche Architekt Evan (Keanu Reeves) aus seiner Midlife Crisis gekitzelt wird. Eigentlich hat er alles, was es zum Bobo-Glück braucht: eine hippe Künstlerin zur Frau, zwei Kinder und eine modernistische Festung als Zuhause. Als eines Abend zwei durchnässte Mädchen bei ihm klingeln, weil sie sich verlaufen haben, wird er jedoch an ein Leben erinnert, das längst nicht mehr seines ist. Schon hier zeigt sich Roths Vorliebe für etwas schmierige B-Horrorfilme, die ihre Zweitklassigkeit stolz nach außen tragen: Das Grelle und Überzeichnete läuft bei ihm dem Subtilen locker den Rang ab. Die vermeintlichen Flugbegleiterinnen, die nur mal kurz telefonieren wollen, lässt er auftreten wie einen feuchten Altherrentraum. Die beiden kauen auf ihren Unterlippen herum, hauchen lüstern ihre Sätze und bringen ihren Gastgeber mit permanenten Ein- und Zweideutigkeiten ins Schwitzen. Eigentlich ist Evan zu anständig, um sich darauf einzulassen, aber die Bestätigung seiner Männlichkeit fühlt sich in dieser einsamen, verregneten Nacht doch zu gut an.

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Der Film hat ein sicheres Gespür für peinliche zwischenmenschliche Momente, die er genüsslich auskostet. Angesprochen auf seine Vergangenheit als DJ, packt Evan seine Platten aus und macht sich für die zwei Mädchen zum Affen. Das Geschmeichel verläuft natürlich nicht ohne böse Hintergedanken. Eine Nacht und ein sexuelles Abenteuer später beginnt der Albtraum: Die ungebetenen Gäste wollen nicht mehr gehen, schlimmer noch, sie entpuppen sich als ungezogene und ziemlich ordinäre Gören, die sich erst an den teuren Einrichtungsgegenständen vergreifen und später auch an Evan.

Daddys kleine Huren

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Das Foltern findet in Knock Knock eher auf psychologischer als auf körperlicher Ebene statt. Explizite Gewaltdarstellungen gibt es kaum, dafür umso mehr anarchische Angriffe auf die bürgerliche Idylle. Dabei stellt Roth gleich in zweierlei Hinsicht ein traditionelles Machtverhältnis auf den Kopf. Zum einen trennt Evan und seine Peinigerinnen ein Klassenunterschied: Als ein Mitarbeiter seiner Frau vorbeischaut, entlarvt dieser die beiden schnell als „ghetto bitches“. In der Eröffnungsszene wurde bereits zuvor gezeigt, wie isoliert das Haus vom sogenannten wirklichen Leben ist. Eine Kamerafahrt führt uns von den Hollywood Hills über dicht besiedeltes Stadtgebiet und gesichtslose Vorstädte bis auf ein wüstenähnliches Terrain, in dem nicht nur die Häuser, sondern auch die Abstände zwischen ihnen immer größer werden. Wer sich derart von der Welt zurückzieht, so könnte man den Film verstehen, hat es fast schon verdient, heimgesucht zu werden. Damit greift Roth, der ohnehin gerne filmhistorische Anspielungen streut – etwa in The Green Inferno, bei dem es sich um eine Aktualisierung des italienischen Kannibalenfilms Nackt und zerfleischt (Cannibal Holocaust, 1980) handelt –, auf eine Tradition im amerikanischen Horrorkino zurück. Die Mörder sind hier nicht selten Unterdrückte, die gegen die Privilegierten aufbegehren – sowohl im Slasher-Genre, in dem sich gemobbte Sonderlinge gerne als Erstes die Highschool-Alphatierchen vorknöpfen, als auch in Home-Invasion-Filmen wie Knock Knock, in denen es meist den Reichen und Mächtigen der Gesellschaft an den Kragen geht.

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Zum anderen steht bei Roth aber auch das ungleiche Verhältnis zwischen den Geschlechtern im Zentrum – wobei der Film allerdings Täter wie Opfer mit der gleichen Mischung aus Abscheu und Sympathie behandelt. Zum feministischen Horrorfilm, in dem sich Frauen gegen die sexuelle Unterdrückung der Männer wehren, taugt Knock Knock kaum. Dafür bleibt die Agenda der Eindringlinge zu undurchsichtig, ihr Handeln zu hysterisch und irrational. Sie beschimpfen Evan zwar als Kinderschänder und Vergewaltiger, beschmieren aber gleichzeitig Fotos seiner Tochter mit Gehässigkeiten wie „Daddys kleine Hure“. In einer der komischsten Szenen schlüpft eines der Mädchen ins rosa Einhorn-Höschen von Evans Tochter und versucht den gefesselten und laut protestierenden Vater zu verführen. Es sind treffsichere Geschmacklosigkeiten wie diese, die Knock Knock letztlich weniger wie einen Horrorreißer als wie eine bösartige Komödie wirken lassen – und als solche ist der Film auch durchaus gelungen. Wenn Roth in alle Richtungen tritt, hat dabei nicht nur er selbst seinen Spaß.

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