Klang der Stille - Copying Beethoven

Regisseurin Agnieszka Holland etablierte sich nach mehreren kleineren hauptsächlich für das polnische Fernsehen gedrehten Filmen mit politisch engagiertem europäischem Starkino wie Bittere Ernte (Angry Harvest, 1985) und Der Priestermord (To kill a Priest, 1988). In Deutschland machte sie sich mit Hitlerjunge Salomon (1990) einen Namen. Nun schickt sie Beethoven ans Dirigentenpult.

Klang der Stille - Copying Beethoven

Bei Milos Formans Amadeus durfte ein groß aufspielender Tom Hulce 1984 das Kindskopf-Genie mit dem nachgewiesenen Hang zum Fäkalhumor verkörpern. Ein dankbares Sujet für den tschechischen Regisseur, eine ebensolche Aufgabe für seinen amerikanischen Darsteller. Nun hat sich die polnische Regisseurin Agnieszka Holland ebenfalls mit einem amerikanischen Darsteller an einen weiteren Musikerfilm gemacht. Ed Harris gibt darin das zweite deutsch-österreichische Schwergewicht der Klassik: Beethoven.

Filme über Beethoven sind häufig eher von einer Schwere getragen, als solche über Mozart, was wohl auch in der Wahrnehmung ihrer Musik begründet liegt. Gary Oldman durfte in Ludwig van B. – Meine unsterbliche Geliebte (Immortal Beloved, 1994) den tragisch liebenden Komponisten in seinen letzten Lebensjahren porträtieren. Das spekulative Objekt seiner Begierde war eine der Nachwelt kaum geläufige Frau. Auch Klang der Stille – Copying Beethoven (Copying Beethoven) widmet sich ausschließlich dem tauben und zunehmend unverstandenen Künstler, an dessen Seite eine historisch wenig populäre weibliche Figur immensen Raum einnimmt.

Klang der Stille - Copying Beethoven

Die aus Deutschland stammende aber aus gutem Grund auch in ihrer Heimatsprache synchronisierte Diane Kruger spielt die 23jährige Anna Holtz, deren sehnlichster Wunsch es ist, selbst Komponistin zu werden. Um von Beethoven erhört zu werden, verdingt sie sich zunächst als Kopistin, was den Originaltitel des Films begründet. Das Auf- und Abschreiben der Noten hatte schon in Amadeus eine große Rolle gespielt. Während dort der rivalisierende Komponist, verkörpert von dem dafür Oscar-prämierten F. Murray Abraham, zu einem wirklichen Antagonisten des genialen Musikers aufstieg und tragische Dimension erreichte, ist die Geschichte Annas anders gelagert, obwohl sie auch hier den Rahmen bildet. Anna liefert sich kein Duell mit dem Maestro. Wofür sie, wenn überhaupt, kämpft, sind Frauenrechte – ein Motiv, was sich zumindest anfangs reichlich plump durch den Film zieht, ehe es zunehmend an Bedeutung verliert.

Anna begleitet ihr Idol und gleichzeitigen Arbeitgeber bei der Entstehung der Neunten Symphonie und der Großen Fuge. Beide stehen für historische Zäsuren. In Klang der Stille muss der Künstler dies selbst aussprechen: „Jetzt wird die Musik sich für immer verändern.“ Diese Aussage in Bildern auszudrücken, das ist die große Schwierigkeit die sich Holland stellt. Zunächst einmal liegt dies in der Natur der Dinge: Musik im Kino ist häufig wie Theater im Fernsehen. Erst recht seit Erfindung der Dolby-Digital-Surroundsysteme. Forman stellte den charismatischen Musiker – äußerst frei interpretiert – in den Vordergrund und entspann um ihn herum eine Geschichte um persönliche Dämonen, Geister der Vergangenheit, Rivalität und Kunst. Die Musik diente als Bebilderung der (Alp-)Träume, die Oper Don Giovanni war Interpretation der väterlichen Heimsuchung, das Requiem gleichzeitig musikalische und filmische Totenmesse. Formans Kollegin nun wagt sich an die Illustrierung der Uraufführung der Neunten Symphonie. Ein reizvoller Gedanke, wie sich das unvorbereitete Publikum mit dem unerwarteten bombastischen Choral konfrontiert sah, wie der kaum hörende Beethoven sein eigenes Meisterwerk erahnt haben mag. Eine Sternstunde der Menschheit, wie man mit Stefan Zweig sagen könnte. Wie sieht Kulturgeschichte aus, in dem Moment, wo sie sich vollzieht?

Klang der Stille - Copying Beethoven

Hollands Film kann jedoch weder dem Anspruch, ein solches Momentum in der Inszenierung lebendig werden zu lassen, noch dem deutschen Titel gerecht werden. Einmal, ganz kurz, wird das Brummen in des Meisters Ohren angedeutet. Eine audiovisuelle Umsetzung wie die Alejandro González Innáritus in seiner visionären Discosequenz von Babel gelingt ihr nicht. Die Uraufführung, Herzstück des Films, misslingt auf ganzer Linie. Was nicht unerheblich mit dem Hauptplot in Verbindung steht: Natürlich muss Anna Holtz auch in dieser Szene eine zentrale Rolle zukommen. Sie sitzt im Orchestergraben und dirigiert den Dirigenten – als eine Art Souffleuse mit Taktstock! Beethoven selbst lässt es sich hier nicht nehmen, das eigene Stück auch ohne Gehör zu dirigieren, was schon rein historisch Humbug ist, im Bild aber erst recht grotesk wirkt. Die Musiker musizieren, das Publikum reagiert – und applaudiert. Die Musik bleibt bei den bemühten Hin- und Her-Schnitten zwischen den beiden, zwischen Auditorium und Bühne, auf der Strecke. Die Neunte kommt als zerstückeltes Potpourri daher. Klassik häppchenweise – eine Art Höchststrafe für Liebhaber.

Leider rundet dies das Gesamtbild eines Filmes ab, der beweist, wie schwer es ist, gute Filme über Musik zu drehen, und der uns einmal mehr versichert, wie selten Genialität doch ist.

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