Klang der Ewigkeit

Eine visuelle Assoziation der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach, die sich in 27 Teilen sowohl narrativ als auch experimentell an die musikalische Vorlage annähert.

Klang der Ewigkeit

Die h-Moll-Messe zählt nicht nur zu den bekanntesten Kompositionen Johann Sebastian Bachs, sondern ist zudem die einzige vollständig komponierte Messe in seinem größtenteils sakral geprägten Oeuvre. Die Tatsache, dass Bach 1749 kurz nach ihrer Vollendung verstarb, macht sie mit ihrer fünfundzwanzigjährigen Entstehungszeit gewissermaßen zu seinem Lebenswerk.

In Klang der Ewigkeit nimmt sich Bastian Clevé der h-Moll-Messe in ihrer gesamten Länge von beinahe zwei Stunden an und unternimmt den Versuch, möglichst allgemeingültige und somit überall auf der Welt verständliche Bilder zu finden. Für die von der Internationalen Bachakademie Stuttgart unter der Leitung von Helmuth Rilling eingespielte Musik wählt Clevé 27 stilistisch unterschiedliche Kurzfilme, eine Anspielung auf die 27-teilige Struktur der Messe, um das Werk möglichst vielseitig zu visualisieren. Dabei wird ein weiter Bogen von narrativen Spielszenen bis zu abstrakteren und experimentelleren Ansätzen gespannt, wobei sich einige Teile explizit auf Bach und sein Leben beziehen, während andere freier mit dem musikalischen Ausgangsmaterial umgehen. Durch die Eckpfeiler einer nachgestellten Geburts- beziehungsweise Sterbeszene am Anfang und Ende des Films bezieht sich der thematische Aufbau der einzelnen Teile auf den Kreislauf des Lebens.

Klang der Ewigkeit

Mit seiner Verschmelzung von Musik und darauf bezogener Bilder erinnert Klang der Ewigkeit an Filme wie Koyaanisqatsi - Prophezeiung (Koyaanisqatsi, 1983) von Godfrey Reggio, der mit moralischer Absicht eine Meditation über die menschliche Zivilisation schuf. Während Reggios Zeitrafferbilder jedoch ganz auf die hektisch getriebene Musik von Philip Glass abgestimmt sind, beschränkt sich Clevé nicht auf einen bestimmten filmischen Stil. Schon der Auftakt zeigt durch seine Aneinanderreihung diverser, digital manipulierter Meisterwerke der Kunstgeschichte wie Pieter Brueghels „Turmbau zu Babel“ oder „Jäger im Schnee“, dass hier außerdem ein weitaus bildungsbürgerlicherer Ansatz vorliegt. Bachs Musik, bei der es sich gewissermaßen um nationales Kulturerbe handelt, tut dafür ihr Übriges.

Statt neue Bilder für die Musik zu finden, versucht der Film eher alte Bilder, wie die Brueghels, aber auch archaische Urszenen, zeitgemäß aufzumotzen. Dabei kann der hohe technische Aufwand jedoch nicht darüber hinwegtrösten, dass sich Klang der Ewigkeit einer relativ platten und überholten Ästhetik bedient. Im extremsten Fall greift Clevé zu Bildern der Erhabenheit und zeigt idyllische Naturlandschaften oder einen Adler, der in Zeitlupe über ein verschneites Bergpanorama gleitet. Mit der Darstellung von Menschen verhält es sich nicht viel anders. In der Hochzeitsszene ist etwa ein tanzendes junges Ehepaar, das rein optisch ohne weiteres auch in einer Zahnpastawerbung auftauchen könnte, zu sehen, wie es sich über Minuten glückselig anlächelt. Abgesehen davon, dass es sich bei den Figuren um ganz auf ihre einseitige Funktion reduzierte Klischees handelt, wirkt diese Szene auch wie die reaktionäre Sehnsucht nach alten, verloren gegangenen Werten.

Klang der Ewigkeit

Die experimentelleren Momente des Films zeichnen sich dagegen vor allem durch Kaleidoskop-Effekte aus, die das Spirituelle der Musik in einem Spiel aus Licht und Farben vermitteln sollen. Mit experimentellem Film, der in der Regel Konventionen hinterfragt, hat das freilich nichts zu tun, eher mit affirmativen Erlösungsfantasien. Zwar wird der spirituelle Aspekt des Films bedingt durch die musikalische Vorlage gerechtfertigt, ob jedoch Kamerafahrten durch Barockkirchen oder Nachstellungen traditioneller Rituale hierfür die spannendste und zeitgemäßeste Variante sind, bleibt fraglich. Nur in einer Szene, in der einige B-Boys, also Breakdance praktizierende Tänzer, aufmarschieren und sich synchron zu Bachs Musik bewegen, wird mit der Konvention gebrochen. Allerdings ist es für eine Wendung im Film an dieser Stelle schon zu spät, und was eigentlich eine lobenswerte Überbrückung verschiedener Szenen ist, wird zur plumpen Anbiederung zwischen Hoch- und Popkultur.

Letztendlich scheitert auch der Versuch, die inhaltliche Armut mit einem übermäßigen Einsatz nicht mehr ganz neuartiger technischer Effekte zu kompensieren. Waren die Morphing-Effekte aus Michael Jacksons Video zu „Black or White“ vor fünfzehn Jahren zumindest noch ein gestalterisches Novum, wirkt heute derselbe Effekt technisch unspektakulär und inhaltlich naiv. Als Schlusspunkt der ineinander verschmolzenen, lächelnden Gesichter unterschiedlicher Erdenbürger setzt Clevé einen als Bach verkleideten Schauspieler, der dem Publikum frech ins Gesicht lacht. Spätestens hier wird klar, dass man sich vielleicht doch lieber auf die akustischen Reize der Musik konzentrieren und die Suche nach Bildern dazu der eigenen Fantasie überlassen sollte.

 

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