Keine Lieder über Liebe

Eifersüchtige Ungewissheit treibt Tobias zu einem vorgeschobenen Dokumentarfilm, mit dem er die Dreieckskonstellation zwischen ihm, seiner Freundin und seinem Bruder entlarven will. Auch für Regisseur Lars Kraume steht die „mise en situation“ am Anfang der Aufdeckung einer Geschichte.

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Kraut und Rüben gibt es auf dem norddeutschen Musikacker zu ernten. Ehrlicher, engagierter Rock oder belangloser, pseudointellektueller Pop? Über die Textschlingpflanzen und Gitarrenriffs der sogenannten Hamburger Schule kann man durchaus geteilter Meinung sein. Ob es überhaupt solch ein Gewächs gibt, das man getrost als eine Sorte verkaufen darf oder ob das Streben nach einem einheitlichen Artenbegriff die Unterschiede zwischen Bands wie Blumfeld, Tocotronic und Die Sterne der Einfachheit halber verkennt, wirft die nächste Frage auf. Eine Einordnung in die normierten Fächer des Plattenregals fällt schwer, das Grenzland dazwischen ist ein verwuchertes Feld, das nur mit anarchischer Mischbepflanzung bestellt werden kann.

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Als „keine Hamburger Schule“ bezeichnen sich jedenfalls die etwas jüngeren Bands, die erst um das Jahr 2000 herum zu sprießen begannen, wie Marcus Wiebusch von Kettcar kürzlich in einem Interview betonte. Dennoch fällt dieses umstrittene Wort als zwei Mädchen die Musik der Hansen Band in Keine Lieder über Liebe kommentieren sollen, deren Sound verdächtig nach deutschsprachiger Gitarrenmusik aus Hamburg klingt. Eine Labelisierung scheint hier seltsamerweise vonnöten zu sein, obwohl gerade die Frontmänner von Kettcar und Tomte die kreativen Köpfe der Filmband stellen. Schauspieler Jürgen Vogel, übrigens selbst gebürtiger Hamburger, hat sich durch den Einsatz dieser beiden Musiker seine eigene Lieblingsband zusammengestellt. Nach der Produktion eines vollständigen Albums begab sich die Hansen Band mit Vogel als Sänger auf Tournee durch die norddeutschen Clubs und wurde dabei von Regisseur Lars Kraume mit Kamera und Plotidee begleitet.

So kontrovers die Diskussion um Kategorisierungen und Etikettierungen von Musikstilen geführt wird, so schwierig gestaltet sich auch die Beschreibung von Keine Lieder über Liebe, der sich seine eigene Schublade zu erobern versucht. Die Hansen Band spielt dabei keine besonders große Rolle, wie es beispielsweise bei der deutschen Schauspielerinnenband Bandits der Fall war, die über Katja von Garniers gleichnamigen Film (1997) hinaus erfolgreich war. Vielmehr liefert hier die Musik einen Vorwand für den Film, Hintergrundgeräusch und natürlich den Soundtrack.

Im Vordergrund steht Tobias (Florian Lukas), der kleine Bruder von Sänger Markus (Jürgen Vogel). Seitdem Tobias gemeinsam mit seiner neuen Freundin Ellen (Heike Makatsch) Markus in Hamburg besucht hat, quält ihn das Gefühl, dass zwischen Markus und Ellen mehr passiert ist, als nur ein nettes Wochenende zu Dritt. Deshalb gibt er vor, einen Dokumentarfilm über die Hansen Band drehen zu wollen und lässt sich dabei von Ellen besuchen, um die beiden unter (Kamera-)Beobachtung miteinander zu konfrontieren.

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Was im Prolog als filmisches Tagebuch mit einem subjektiven Rückblick des Ich-Erzählers Tobias eingeführt wird, verwandelt sich schnell zur Dokumentation der Pärchen- beziehungsweise Geschwisterprobleme vor der Kulisse der einzelnen Tourneestopps, während der unsichtbare Dritte hinter der Kamera selten Tobias selbst zu sein scheint. Irgendwo zwischen Spielfilm und Dokumentation, Inszenierung und Improvisation, authentischem Rock und artifizieller Filmmusik schafft es Kraume dieser Fiktion einen Funken Realität unterzujubeln. Wie bereits in seinem letzten Film Kismet – Würfel Dein Leben! (2001) hat er eine Ausgangssituation vorgegeben, aus deren Fortführung ein Film entsteht, dessen Zusammensetzung aus Realien und Artefakten man nicht mehr genau aufzuschlüsseln vermag. Situationen stiftend und den ästhetischen Codes eines Amateurdokumentarfilmers folgend, begleitet Kraume seine Protagonisten mit der unabdingbaren DV-Handkamera, um eine Bilderwelt im Dogma-Stil zu schaffen, deren getarnte Gemachtheit zuweilen aufbricht.

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Nur allzu echt wirken die unendlichen Diskussionen und Streiterein der drei Hauptfiguren, die jenseits von gefeiltem Drehbuchdeutsch oft durch Mangel an präzisen Formulierungen und gegenseitigem Verstehen wollen mit Gestammel, Gestottere und Gefasel im unbehaglichen Nichts verenden. Wortreich, aber ohne Entwicklung eines wahren Gesprächs bringen Tobias, Markus und Ellen ihre Probleme auf den Tisch und fühlen sich sichtlich unwohl in den verfahrenen Momenten der Kommunikationsstörung. Während sich die Fronten verhärten und die Gefühle splittern, fügen sich die drei Hauptdarsteller hingegen äußerst harmonisch in ihre Rollen ein, wie in eine zweite Haut. Nie driften die improvisierten Szenen ins peinlich Künstliche, aber oft genug ins peinlich Authentische ab.

Man mag von der Geschichte und den Gesprächen oder von den Songtexten der Hansen Band halten, was man will. Der Grat zwischen Identifikation und Abstoßung, nervtötender Belanglosigkeit und dem frischen Wind der Erneuerung gestaltet sich schmal. Immerhin ist dieser Balanceakt weitaus spannender anzusehen als künstlerische Feigheit, die aseptische Erfolgsformeln neuverpackt. Kraume hat das Experiment Keine Lieder über Liebe gewagt, das ebenso gut als Mülleimer-Produktion hätte enden können, und damit einen interessanten deutschen „Rockfilm“ geschaffen, so rockig wie deutscher Rock eben sein kann.

Im Übrigen erscheint parallel zum Filmstart neben dem Album der Hansen Band auch Ellens Tagebuch verfasst von Heike Makatsch, was dann doch ein bisschen zuviel des poppigen Gimmick für einen Rockfilm ist.

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Kommentare


Malte

Ich habe mir den Film heute angeschaut, und ich muss sagen, daß er ein geglücktes Experiment darstellt. Denn es geht in "Keine Lieder über Liebe" um die popkulturelle Verquickung von Film und Musik und damit viel mehr noch um die Darstellung eines Lebensgefühl und einer Haltung zum Leben. Das hätte leicht plakativ und sogar albern wirken können. Doch besticht der Film gerade durch seine schwer zu greifende "Echtheit". Es gibt wahrhaftige, authentische Momente des Mit- und Gegeneinanderlebens, die die Unmöglichkeit wirklicher Kommunikation zwischen und innerhalb der Geschlechter zeigen und damit filmische Authentizität erreichen. Denn das habe ich so manches Mal während der gut 90 Minuten vergessen: Dass man immer noch einen Film sieht, der eben eine fiktive Geschichte erzählt. Doch man nimmt den Schauspielern ihre Rolle ab.Dies geschieht nicht aufgrund Handkamera-Ästhetik, sondern durch die Art und Weise, wie die Schauspieler es verstehen, den Protagonisten Leben einzuhauchen. Nur der Schluss enttäuscht, denn gerade mit der Zitierung von Warhol als einem popkulturellen Idol wird die vorherige Realitätsnähe gebrochen und statt des Nichtverstehenkönnens ein ironischer Reflex als Antwort geboten, die der Film vorher permanent verneinte.






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