Jarhead - Willkommen im Dreck

Bislang sind die Irakkriege nur selten verfilmt worden. Die Kinoversion des amerikanischen Bestsellers Jarhead von Anthony Swofford zeigt warum.

Jarhead - Willkommen im Dreck

Am Ende schaut der Held aus dem Fenster in eine Zukunft, die von seiner Vergangenheit determiniert wird. Wer einmal den Finger am Abzug hatte, dessen Leben ist unausweichlich verändert, selbst wenn er im Ernstfall nie abdrücken musste. Der Off-Kommentar geleitet uns epilogisch mit philosophisch angehauchten Lebensweisheiten aus der Geschichte und ist gleichzeitig ein Rückgriff auf den Prolog. Regisseur Sam Mendes, weltweit nach American Beauty (1999) und Road to Perdition (2002) über den grünen Klee gelobt und mit Oscars versehen, klappt das Buch zu.

Selten war ein Film so sehr Bebilderung einer autobiographischen Geschichte wie im Falle von Jarhead. Vieles, was im Sinne der filmischen Dramaturgie keinerlei Sinn macht, taucht hier wie eine herausgerissene Seite der gleichnamigen Vorlage auf. So wirkt dieser filmische Bericht über die Ausbildung und den Kuwait-Aufenthalt des Marines Anthony Swofford extrem episodisch. Was Marinerekruten in der Ausbildung widerfährt, wissen wir allerdings spätestens seit Stanley Kubricks bahnbrechendem Full Metal Jacket (1987). Dieselben Motive können hier noch einmal in Augenschein genommen werden, nur ohne Kubricks stilistische und formale Genialität. Die regionalen Dialekte vereinen sich zum Kampfschrei in kahlköpfigem Antlitz. Drillsergeants sind Berufssadisten und überall findet sich ein „Private Joker“. Der weiß nicht genau, ist er Rebell und Freigeist oder eine willenlose Tötungsmaschine. Genauso wie Kubricks Antiheld entscheidet sich auch „Swoff“ für Letzteres. Einzig: Er darf seiner vermeintlichen Bestimmung nicht nachgehen. Die Scharfschützen sind in der Wüste so unnötig wie Sandkästen. Die Lufteinheiten gewinnen den Krieg. Keine gezielten Todesschüsse. Daran kann man als Sniper schon mal verzweifeln, wie uns Jarhead verdeutlichen möchte.

Jarhead - Willkommen im Dreck

Wie das Vorbild The Thin Red Line (1998) thematisiert auch dieser gewissermaßen verhinderte „Kombatmovie“ in allerdings zum Teil hoffnungslos überagierten Szenen den schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn. Auch die Episoden, in denen Soldaten ihre Heimatpost erhalten, erinnern an Terrence Malicks Meisterwerk, nur kommen sie in diesem Falle weniger emotional daher. Auch sonst meint man die Hauptbestandteile fast jeder Sequenz des neuen amerikanischen Kriegsfilms schon aus Vorgängern zu kennen, vor allem anfangs aus Joel Schumachers Tigerland (2000), später dann aus David O. Russel’s Three Kings (1999).

Zu einem solchen Potpourri gehört natürlich auch der obligatorische Front-Soundtrack. Als sich die Soldaten innerhalb der Handlung dann beschweren, sie wünschten sich in Anbetracht der gespielten populären Vietnammusik ihre eigenen Songs, versteht man das durchaus als emblematisch für den ganzen Film. Der letzte vermeintliche Ausweg, die Zurschaustellung der Selbstreflexivität und Referentialität ist da nur eine weitere Sackgasse: als sich die in Kuwait gelandeten Truppen die berühmte Walkürenritt-Sequenz aus Apocalypse Now von 1979 (dessen Schnittmeister Walter Murch auch hier Hand anlegte) anschauen, verfallen sie in hysterische Euphorie. Beim Zuschauer weckt dieser Moment eher Nostalgie.

Jarhead - Willkommen im Dreck

Da sich Mendes also schon bei den Bilderschöpfern Kubrick, Malick und Coppola umgeschaut hat, streut auch er – beinahe von der restlichen Handlung abgekoppelt – immer mal wieder betörende Bilder, zumeist total oder weit fotografierte Landschaftsaufnahmen, ein. Da darf ein Sonnenuntergang nicht fehlen, und besonders gerne filmt der Regisseur durch Hitzeflimmer.

Was Jarhead in diesem Kontext dann zuweilen doch so etwas wie Eigenständigkeit zukommen lässt, sind die mit dem alles bestimmenden Öl in Zusammenhang stehenden Aufnahmen. Da avancieren Marines zu Raffinerie-Arbeitern; die Pipelines und sprudelnden Quellen verwandeln Wüstensand in Matscharenen. Und wo Öl fließt, da sind auch Feuerfontänen nicht weit.

Jarhead - Willkommen im Dreck

Was Mendes jedoch wirklich liegt, das sind innere Konflikte, vor allem Tragödien, die sich im Inneren einer sozialen Gemeinschaft abspielen. Als ein Kamerad seinen Kollegen den heimischen Mitschnitt von Die durch die Hölle gehen (The Deer Hunter, 1978) zeigen möchte, befindet sich ein Homevideo seiner Frau auf dem Tape: Sie kopuliert mit dem Nachbarn. Als sie nach gemeinsam erlangtem Höhepunkt der Kamera den Mittelfinger entgegenstreckt und verbittert fragt: „Who is fucking around now?“, hat ihr aufgelöster Mann den Saal bereits verlassen. Die Übriggebliebenen diskutieren, ob sie den Film ein zweites Mal sehen wollen.

Jarhead indes taugt zum mehrmaligen Ansehen sicherlich nicht, doch er funktioniert immerhin als Wegweiser durch das amerikanische Kriegsfilmgenre und beweist einmal mehr, mit welchen Schwierigkeiten Literaturverfilmungen, erst recht bei autobiographischen Stoffen, zu kämpfen haben.

Kommentare


alex

won wem bzw wie heißt der titlesong zu jarhead? wäre nett wenn ihr antwortet!
alex


swoff

Tut mir leid, aber meiner Meinung nach ist Jarhead einer der schlechtesten Filme seit langem. Der Regisseur greift zahlreiche, schon tausendmal durchgekaute Clichés auf (Drill bei der Ausbildung, Manieren & typische Beschäftigungen der Soldaten, Ehefrau-Porno, usw.), knüpft diese wahllos aneinander und versucht vergeblich irgendeine - wie auch immer geartete - Aussage des Films zu vermitteln. Zum Teil war ich wirklich nur noch genervt wegen Szenen, die praktisch eins-zu-eins aus irgendeinem anderen Kriegsfilm kopiert waren.

Weiterer Kritikpunkt:
Publikum, welches sich nicht näher mit dem Streifen befasst, versteht den Film nicht, d.h. der Film bringt keine klare Meinung rüber (ob Pro- oder Antikrieg). Ich würde den Film fast als Kriegspropaganda bezeichnen. Zumindest wirkt er auf den Durchschnittsamerikaner so.
Fazit: nicht sehenswert! Sparen Sie sich Geld und Nerven!


Isi

@swoff...was hat dich bitte veranlast den film als kriegspropaganda zu beurteilen...noch nie der patriot gesehen...das ist ja wohl gehirnwäsche pur...und gerade weil er nicht konkret zum thema stellung nimmt ob pro oder anti krieg regt er zum nachdenken an da meiner meinung nach die verteilung so liegt: 1/3 pro krieg 2/3 konra krieg ... von daher ist da noch alles offen...und ich denke grad heutzutage ist es wichtig das die zuschauer von "kriegsfilmen" darüber nachdenken ob das nun pro oder contra krieg ist weil das ist ja wohl das große makel der amis-> viele, wenn auch unbewusst, denken nicht nach, nehmen einfach vieles als gegeben hin und der film bietet meiner meinung nach einen guten denkanstoß...

Isi


Sven

Ich habe den film heute gesehen und möchte deshalb hier auch stellung beziehen. Der Film ist sicherlich kein besonders herausragender Film wie "FMJ" oder "Apocalypse Now", dennoch ist er ein guter Film. Außerdem finde ich es gut, dass der film episodisch ist. denn das erwarte ich von einer autobiografie-verfilmung. denn ein leben ist nun mal in episoden eingeteilt und mir würdes unwirklich vorkommen, wenn solch eine verfilmung wie aus einem guss wirkt. deshalb finde ich es sehr ungerecht hier von wahllosen aneinanderstückeln zu reden. auch das er die schon oft gezeigten bilder wie knallharter drillseargent und so weiter wiederholt ist für mich kein kritikpunkt. denn erstens hält der film sich an das buch und zum anderen hat sich der kern der militärischen ausbildung seit vietnam nicht geändert, also was soll der film da anderes zeigen. außerdem zeigt der film sehr gut wie kriege heutzutage aus der sicht der bodentruppen funktionieren. und er zeichnet ein gutes bild vom sozialen milieu der sehr jungen rekruten. deswegen kann man hier nicht davon sprechen das der film sein geld nicht wert ist. zumal ich nicht in einen film reingehen möchte bei der mir der film die ganze zeit seine meinung über den krieg zum ausdruck bringt, denn diese meinung möchte ich mir selber bilden, außerdem beschäftige ich mich damit mehr mit der problematik. und der film zeichnet die sicht von anthony swafford, daher kann er auch nur den standpunkt von ihm wieder geben. und er ist dich das militärische milieu beeinflusst, stellt sich aber in klaren momenten der problematik, z.B. in der interview-szene in der er sagt er ist "20 Jahre alt und war so bescheuert sich zu melden und ja er hat angst".

Sven


Lybü

Der Titelsong ist von Kanye West "Jesus walks with me" den find ich so klasse durch diesen Song bin ich auf den Film gekommen! Der Film ist so Hammergeil gemacht!!!!!!!! Einfach klasse!


Coal

Die Lehre aus dem Film, kann ich nicht gut heissen. Nach meiner Interpredation lautet sie: "Krieg ist für Fußsoldaten heutzutage zu langweilig; leider schickt die Übermacht lieber Flugzeuge los, als normale Soldaten zu verheizen; daher ärgern sich die Soldaten, dass Ihre Ausbildung für nix und wiedernix war;" ... Oder ist die banale Formel etwa: Langeweile führt zu Todessehnsucht!
Ein sehr fragwürdiger Film, meiner Ansicht nach..


Smocking_G

hey leute ich hab schon viele Kriegsfilme gesehen und ich finde das jarhead der beste ist er ist ganz anders aufgebaut als andere kriegsfilme da geht es mal nicht nur um rum geballer sonderen um die Psyche der Soldaten und jeder der was gegen den film hat war noch nicht im krieg!!!!


Martin Z.

Nur wer einen spannenden Kriegsfilm erwartet hat, wird enttäuscht. Es ist eher eine dokumentarische Darstellung der Befindlichkeiten der US Soldaten im Golfkrieg, wobei die Anleihen bei Kubrick, Cinimo und Coppola nicht zu übersehen sind. Am Ende kommen beeindruckende Bilder von brennenden Ölquellen. Einen Großteil der Story kennt man aus den Medien, die damals ausführlich darüber berichteten. Mit viel Wohlwollen kann man den Streifen vielleicht als Anti-Kriegsfilm bezeichnen, denn es wird eigentlich nicht gekämpft, nur die stumpfsinnige Eintönigkeit des Alltags in der Wüste gezeigt. Und dabei mutieren die GIs zu infantilen Bubies, die, wenn sie denn gesund heimkommen, Nobodys sind und bleiben.


Grettli

@Smocking_G: Du hast anscheinend nur Filme wie Rambo oder so gesehen aber sehr viele Kriegsfilme zeigen auch auf sehr unterschiedliche Weise wie Soldaten mit ihren Erlebnissen zu kämpfen haben. Schonmal Hamburger Hill oder Apocalypse Now u.s.w. geguckt? Da is nix mit nur rumgeballer. Außerdem, wie meinst du das mit der ist anders aufgebauht? Ich fand den Film auf jeden Fall auch sehr sehenswert.






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