Im Oktober werden Wunder wahr

In dem in Cannes ausgezeichneten Debütfilm aus Peru muss ein pedantischer Pfandleiher lernen, dass Säuglinge auf Analfixiertheit pupsen.

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Clemente (Bruno Odar) isst sein Ei hart gekocht, und Sofia (Gabriela Velásquez) backt Nougat. Das allein offenbart schon die unterschiedlichen Charaktere der beiden Nachbarn, die vor allem durch ihre Einsamkeit miteinander verbunden zu sein scheinen. Ihre Annäherung verläuft denn auch weniger romantisch als pragmatisch und wundersam. Wie gelenkt vom „Gott der Wunder“, zu dem Sofia inständig für etwas mehr Glück betet und der in jedem Oktober mit Tanz und Gesang in den Straßen Limas gefeiert wird.

Der Gott der Wunder gibt, ohne zu nehmen. Der alleinstehende Pfandleiher Clemente versteht das Leben dagegen als strikt kalkulierbares Tauschgeschäft. Für das Geld, das er seinen Kunden leiht, nimmt er Uhren oder Schmuck als Sicherheit, für seine körperlichen Bedürfnisse geht er zu Prostituierten. Und weil nichts einen streng geregelten Alltag so rücksichtslos auf den Kopf stellt wie ein Baby, liegt eines Tages aus heiterem Himmel ein Kuckuckskind im Hausflur, das ausgiebig nach Versorgung und Aufmerksamkeit schreit und vermutlich ein unerwünschtes Produkt aus Clementes Bordellbesuchen ist, wie die Leute im Viertel munkeln.

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Der überforderte Vater macht sich im Rotlichtbezirk auf die Suche nach der Mutter und lässt derweilen Sofia als bezahlte Babysitterin bei sich einziehen. Die bringt mit ihrem Nougat und dem Schrein für den Gott der Wunder außerdem ihren obdachlosen Bekannten Don Fico (Carlos Gassols) mit in die karge Außenseiter-WG, der auch noch seine schwerkranke Lebensgefährtin aus dem Krankenhaus entführt und sie Clemente zum Geburtstag als weitere Überraschungsmitbewohnerin präsentiert. Der Pfandleiher reagiert auf seine plötzliche Zwangssozialisation und auf Sofias Zuneigung erst einmal mit Flucht und Abwehr, zumal er sich vor lauter Unkonzentriertheit und Schlafmangel bei seinen Geschäftsverhandlungen Falschgeld unterjubeln lässt und dadurch seinen Ruf gefährdet sieht.

Ähnlich wie Claudia Llosas Berlinale-Gewinner Eine Perle Ewigkeit (La teta asustada, 2009) erzählt auch dieses peruanische Drama die Geschichte einer emotionalen Öffnung. Daniel und Diego Vegas in Cannes preisgekröntes Debüt macht es dem Zuschauer allerdings schwerer, einen Zugang zur verschlossenen Hauptfigur zu finden, da sie bis zum Schluss nicht nur wortkarg und distanziert bleibt, sondern im Gegensatz zu Llosas Protagonistin mit ihrem Auftreten auch kaum Sympathien weckt. Eher erzeugt Clementes Pokerface manchen schönen lakonischen Moment, wenn er mit Pokerface-Baby im Arm seinen Kunden gegenübersitzt, von den Regisseuren zentimetergenau in der Mitte des Bildes platziert, als hätte Kaurismäki Drei Männer und ein Baby (3 hommes et un couffin, 1985) nachgedreht.

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Die stark symmetrische Bildgestaltung, die statischen Kameraeinstellungen und das bläuliche Licht von Im Oktober werden Wunder wahr (Octubre) betonen sehr passend den Ordnungswahn und die Erstarrtheit und Kühle des Protagonisten. Seine folgende Wandlung, die etwas klischeereiche Erweichung mittels eines nervtötenden, aber putzigen Säuglings und einer religiösen, aufopferungsvollen Frau, vollzieht sich jedoch weniger anschaulich und am Ende recht sprunghaft. Auch schildert das Drehbuch der Vega-Brüder nur bedingt nachvollziehbar, warum sich Sofia, die in einem wärmeren Licht inszeniert wird, ausgerechnet zum barschen Clemente hingezogen fühlt.

Überzeugender und einnehmender als die Entwicklung der Hauptfigur oder die Motive Sofias sind die Nebenhandlungen mit den zahlreichen Anspielungen auf die soziale und ökonomische Situation im heutigen Peru. Der mittellose und bei Clemente verschuldete Don Fico stiehlt in einer Szene einen Rollstuhl, um seine Freundin aus dem Krankenhaus zu befreien, wofür er außerdem eine hohe Bestechungssumme auftreiben muss. In einer eindrucksvollen Totalen rollt der Alte den Stuhl langsam an einer geschäftigen Autobahn entlang und wirkt dabei ebenso entschlossen wie verloren. Sofia bezahlt Don Fico für das Lösen von Kreuzworträtseln, und das Gehalt der Krankenschwester, die seine Lebensgefährtin pflegt, scheint so gering zu sein, dass sie nebenbei als Prostituierte arbeiten muss.

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Eine Kollegin von ihr gibt Clemente einmal den guten Rat: „Man muss auch Veränderungen zulassen.“ Als er danach nach Hause kommt, sind Sofia und das Baby verschwunden. Doch in den Straßen wird gerade der Gott der Wunder gefeiert, und Clemente macht sich auf den Weg.

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