Gomorrha

Fünf Einzelschicksale im Dunstkreis der Camorra: In seiner Bestsellerverfilmung bietet Matteo Garrone einen Einblick in die verschiedenen Wirkungsbereiche der süditalienischen Mafia.

Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra

Mit Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra (Gommora) versammelte der italienische Autor Roberto Saviano eigene Erfahrungen mit der süditalienischen Mafiaorganisation und eine Vielzahl fiktiver Geschichten zu einem Buch, das sich seit beinahe zwei Jahren an der Spitze internationaler Bestsellerlisten hält. Der Autor schreckte darin auch nicht davor zurück die Namen einiger führender Mafiabosse aufzulisten. Dass Saviano seitdem unter Polizeischutz steht und ständig seinen Wohnort wechseln muss, kann gewissermaßen als Authentizitätsbeweis seines Buches verstanden werden. Regisseur Matteo Garrone hat sich dem brisanten Stoff angenommen und mit Laiendarstellern an Originalschauplätzen rund um Neapel verfilmt.

Die Vielzahl an Figuren und Geschichten von Savianos Buch hat Garrone in seinem Film auf fünf Einzelschicksale reduziert. So geht es um den vierzehnjährigen Toto (Salvatore Abruzzese), dessen größter Wunsch es ist, in die Camorra aufgenommen zu werden. Student Roberto (Carmine Paternoster) rutscht dagegen eher unbewusst in die Fänge der Organisation, wenn er sich als Assistent von Franco (Toni Servillo) um die Beseitigung von Giftmüll kümmert. Pasquale (Salvatore Cantalupo) verdient sich sein Geld, indem er für geringen Lohn Designerkleider schneidert und macht sich unbeliebt, als er beginnt, heimlich für die Chinesen zu arbeiten. Don Ciro (Gianfelice Imparato) arbeitet als Buchhalter und übermittelt den Angehörigen inhaftierter Mitglieder Abfindungen. Einzig die beiden Halbstarken Marco (Marco Macor) und Ciro (Ciro Petrone) eifern lieber Al Pacino in Scarface nach, als sich der omnipräsenten Camorra anzuschließen. Nachdem sie sich jedoch in jugendlichem Übermut mit einigen der Bosse anlegen, werden sie zu Freiwild erklärt.

Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra

Bei Filmen über die Mafia denkt man wohl als Erstes an die aufwändig produzierten Epen von Martin Scorsese (GoodFellas, 1990; Casino, 1995) und Francis Ford Coppola (Der Pate 1-3, The Godfather I-III, 1972-90), die entscheidend die Darstellungsweise der Mafia im Kino geprägt haben. Mit dieser spezifisch amerikanischen Sichtweise hat Garrones italienische Produktion jedoch kaum etwas zu tun. Das Mafia-Leben in Gommorha ist alles andere als glamourös: Hinter der brüchigen Fassade einer Hochhaussiedlung erzählt der Film nicht von den Drahtziehern der Organisation, sondern ausschließlich von deren Handlangern. Ohnehin bekannte Mafia-Monopole wie Drogenhandel und Prostitution werden dabei von Garrone nur angeschnitten. Vielmehr konzentriert sich der Film auf weniger naheliegende Tätigkeitsbereiche der Camorra wie der Müllentsorgung und der Herstellung von Designerkleidung.

Zunächst fällt die Orientierung in Gomorrha angesichts der unzähligen Nebenfiguren etwas schwer, nach einer Weile taucht man aber zunehmend in die fremde und gewalttätige Welt der Camorra ein. Einen Großteil der Faszination des Films macht dabei seine rohe, unbehandelte Form aus. Gomorrha ist kein in sich geschlossenes Epos, das vom Aufstieg und Fall eines Imperiums erzählt, sondern liefert lediglich einen Ausschnitt aus dem Mafia-Alltag, der dafür umso detaillierter ist. So unvermittelt wie Garrone seinen Film mit einem Mord eröffnet, lässt er ihn auch enden. Dabei verzichtet er auf eine konstruierte Auflösung, in der die einzelnen, autonomen Erzählstränge zusammenlaufen. Das Unbehandelte findet sich nicht nur in der freien dramaturgischen Form des Films, sondern auch in den düsteren Handkamerabildern und dem Verzicht auf einen eigens komponierten Soundtrack, was dem Film teilweise einen dokumentarischen Charakter verleiht. Lediglich einige Szenen akzentuiert Garrone mit scheinbar zufällig laufenden Italo-Pop- und Eurodance-Stücken.

Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra

In der Eröffnungsszene, wenn mehrere Clan-Mitglieder in einem Sonnenstudio umgebracht werden, bekommt man zum ersten Mal etwas von einem Bandenkrieg mit. Auch wenn später Totos Freunde zu den „Anderen“ überlaufen oder Don Ciro plötzlich gezwungen wird, die Lager zu wechseln, zeigen sich dessen Auswirkungen. Doch der Krieg bleibt bis zum Schluss abstrakt und der Zuschauer im Unklaren, wer eigentlich die verfeindeten Parteien sind und wer für wen kämpft. Gerade dadurch, dass Garrone seinem Publikum einen Gesamtüberblick verwehrt und sich stattdessen mit fokussierten Beobachtungen einzelner Bereiche beschäftigt, bleibt die Struktur der Organisation bis zuletzt undurchsichtig. Dabei macht gerade das Unbekannte auch einen erheblichen Teil der Spannung des Films aus.

Obwohl das Hauptaugenmerk des Films eindeutig auf den Figuren liegt, lässt sich Garrone nie zu kitschiger Empathie oder eindimensionalen Psychologisierungen hinreißen. Selbst wenn es um die Gewissenskonflikte einzelner Figuren geht, - etwa als Toto eine Bekannte seiner Mutter denunzieren soll oder Marco sieht, welchen Schaden die Giftmülllagerungen bei den in der Umgebung lebenden Bauern anrichtet -, registriert der Film die Zweifel seiner Figuren weiterhin distanziert, ohne moralisch zu werten. Indem Garrone den Figuren nie zu nahe kommt, bleiben sie auch nicht auf ihre Funktion für die Handlung beschränkt. So haftet ihnen stets etwas Geheimnisvolles und schwer Greifbares an, was nicht zuletzt auch ihre realistische Anmutung ausmacht.

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