God's Own Country – Kritik

Dreckige Naturromantik: Francis Lees God's Own Country lotet die Grenzen zwischen schönen, aber einsamen Landschaften und den sich in ihr aufhaltenden Körpern aus. Die Geschichte einer Transformation in Zeiten des Brexit.

God s Own Country 2

„It’s beautiful here. But lonely, no?“ Es dauert bis gut zur Hälfte von God’s Own Country, bis die Kamera ihren Blick erstmals nach oben richtet, auf den Horizont und die Landschaft – eine Hochebene in Yorkshire, in der sämtliche Affekte von Francis Lees Film ihren Ursprung haben, aus der schlammigen Erde herauswachsen und mit dem kalten Wind über die Hügel getrieben werden. Vorher hat die Kamera von dieser Landschaft einzig den Schlamm und den Dreck erkannt, das nasse Fell eines totgeborenen Kalbes, die Mühsal, die das alles für Johnny (Josh O’Connor) bedeutet, seit er den Hof unter den Befehlen seines Vaters praktisch alleine führen muss. Wenn der Blick nun geöffnet, die Landschaft zum ersten Mal unter geänderten Vorzeichen betrachtet wird, dann bedeutet das nicht weniger als die Transformation einer ganzen Person. Es braucht den Eingriff von außen, des Ausländers und Liebhabers Gheorghe (Alec Secăreanu), um Johnny diese neue Sichtweise nicht nur auf die Landschaft zu eröffnen, sondern auch auf sich selbst.

Ins Leben führen

God s Own Country 3

In der ersten Szene des Films sehen wir Johnny vornübergebeugt am Kotzen. Fast jeden Abend besäuft er sich im kleinen Ortspub an den Rand der Besinnungslosigkeit, um tagsüber verkatert der Arbeit auf dem Bauernhof nachzugehen. Die Härte dieser Arbeit und ihre Perspektivlosigkeit haben schwer auf seinen Charakter abgefärbt. Weder seinen Vater, der nach einem Schlaganfall beeinträchtigt ist, noch seine Großmutter lässt er an sich herankommen, auch nicht die Männer, mit denen er anonymen Sex auf Toiletten hat. Eine alte Freundin aus der Schule will ihn mit einem Bekannten verkuppeln. „He’s nice, he’s funny. Remember, like you used to be.“ Dann heuert Martin den Rumänen Gheorghe an, um den überforderten Johnny zu unterstützen. Nach einer ersten feindseligen Begegnung erkennt Gheorghe die Frustration hinter Johnnys abschätzigem Verhalten, und obwohl der sich aufführt wie ein Idiot, vollführt der Gastarbeiter seine Annäherungsversuche mit der gleichen Geduld, mit der er ein leblos geborenes Lamm behutsam, aber bestimmt zurück ins Leben führt. Die zentrale Sequenz des Films, wenn sich die Anspannung zwischen den beiden irgendwo zwischen Kampf und Sex entlädt, findet frühmorgens im Dreck statt. Es ist die Szene einer Wiedergeburt; Körper und Körper und Erde.

Stürmische Höhen und Tiefen

God s Own Country 4

God’s Own Country – der Film ist benannt nach der Yorkshire’schen Landschaft, die schon die erdige und wettergegerbte Romantik der Brontës prägte – ist in seiner Figurenkonstellation so reduziert, wie es die Gegend erwarten lässt. Johnny und Gheorghe, Vater und Großmutter. Die Mutter ist schon vor Jahren abgehauen, die Freunde aus der Schule sind auf der Uni in der Stadt, das Land und die Gemüter liegen wirtschaftlich und emotional brach. Deshalb ist Gheorges Blick von außen von solcher Bedeutung. Entstanden während der Brexit-Debatte, argumentiert der Film gegen die politische Verschlossenheit, die immer auch eine Verschlossenheit der Gefühle und der Körper bedeutet. Statt der unrentablen Viehzucht schwebt Gheorghe eine Spezialisierung auf die Käseproduktion vor; eine funktionierende, partnerschaftliche Zukunft wird entworfen, verworfen und wieder neu angedeutet.

Körper im Dreck

God s Own Country 5

Der in englischsprachigen Kritiken häufig angeführte Vergleich mit Brokeback Mountain (2006) ist nicht ganz falsch, geht jedoch daran vorbei, was God’s Own Country besonders macht. Anders als in Ang Lees Film ist es nicht die Homophobie ihres Umfelds, die dem Glück der Protagonisten im Weg steht. Selbst Großmutter Deirdre, der das nicht lange entgeht, duldet die Beziehung der beiden stumm, weil auch ihr die positive Veränderung Johnnys auffällt. Und im Dorf ist es eher die übliche Ausländerfeindlichkeit, die Gheorghe entgegenschlägt. Das hauptsächliche Problem ist die Unfähigkeit der einheimischen Protagonisten selbst, sich den veränderten Bedingungen anzupassen und die eigenen Vorstellungen zu artikulieren, sei es im Begehren, der Liebe oder in der Familie. So können sie erst dann, wenn ihre Körper buchstäblich im Dreck liegen, überwältigt von inneren und äußeren Naturgewalten, das Dreckige und Fremde nicht mehr abstoßend, zu sich selbst und in der Folge auch zueinander finden. Bei Johnny geht das glücklicherweise schneller als bei seinem Vater, der sich erst nach einem zweiten Schlaganfall, mit fast vollends zerstörtem Körper, zu einem „thank you“ überwinden kann. Eine weitere Transformation, in ihrer Traurigkeit fast noch ergreifender als die erste.

Trailer zu „God's Own Country“


Trailer ansehen (2)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.