Genesis

Nach Mikrokosmos (1996), der Das Volk der Gräser vorstellte, richten die französischen Regisseure Claude Nuridsany und Marie Pérennou ihren Blick nun auf das ganze Universum und die ganze Geschichte der Entstehung. In Genesis geben sie leider philosophischen Erwägungen den Vorrang über reinem Erstaunen, das den ersten Film zu einem Welterfolg gemacht hatte.

Genesis

Wenn Mystik als eine halbintuitive halbintellektuelle Sichtweise auf das Universum bezeichnet werden kann, dann besitzt Genesis alle Züge des Mystizismus. In diesem ohne spezielle Effekte realisierten Film über die Geschichte der Entstehung versuchen die Regisseure dieses Gefühl der Einheit der Welt hervorzurufen. Natürliche Phänomene, Tiere, Menschen in ihren unterschiedlichen Phasen der Entwicklung und sogar Pflanzen und Früchte sind die Protagonisten dieses ehrgeizigen Epos.

Um dieses Werk am besten einzuschätzen, sollte man sich an Microcosmos: Le peuple de l’herbe (Mikrokosmos - Das Volk der Gräser, 1996), den ersten gemeinsamen Film von Claude Nuridsany und Marie Pérennou, erinnern. In Mikrokosmos wird der Zuschauer in das Reich der Insekten und Kleinsttiere geführt, eine winzige Welt, eine Wiese im Massif Central, einer landwirtschaftlichen und unterbesiedelten Region in der Mitte Frankreichs. Die Beschreibung der Aktivitäten dieser Tierchen strahlte Zärtlichkeit aus, einige Szenen waren sogar humorvoll, in Anbetracht der angenommenen Ähnlichkeiten zwischen dem Verhalten von Menschen und demjenigen der Tiere oder zumindest der Analogien, die der Zuschauer daraus ziehen konnte. Die Bewunderung war umso größer, da der Film Kommentaren vollkommen entbehrte.

Genesis

Das Unternehmen in Genesis mag genauso großartig sein, der Film kann aber leider nicht die gleiche Begeisterung hervorrufen. Zwar erinnern zum Beispiel die humorvollen Szenen der rennenden Kragenechsen oder des Kampfes zwischen Winkerkrabben und die rührende Liebesszene zwischen zwei Kröten an Mikrokosmos, die Regisseure bauen aber hierzu gewollt eine Distanz auf. Sie greifen dieses Mal auf eine menschliche Figur zurück, einen afrikanischen Schamanen, der mit seinen Kommentaren für einen roten Faden sorgt. Obwohl seine Aussagen philosophisch und nicht zu schulmeisterhaft klingen, wirkt seine Einmischung irritierend. Die filmische Darstellung der Genesis hätte für die Demonstration des Lebensprinzips gereicht. Die Redseligkeit des Films entkräftet die Botschaft, auch wenn die Aussagen des Schamanen von einem spirituellen Standpunkt her zutreffen.

Den Eindruck von Zärtlichkeit, den Mikrokosmos erweckte, ist in Genesis sekundär. Das liegt natürlich an dem Gegenstand des Filmes selbst. Während der erste Film sich auf ein sehr kleines Universums beschränkt hatte, werden hier das ganze Weltall und die ganze Schaffung verhandelt. Diese Abwechslung zwischen der Mikro- und Makroebene ist übrigens Teil dieser mystischen Weltauffassung. Der Gegenstand von Genesis ist jedoch filmisch chaotisch, trotz des roten Fadens durch die Geschichte der Entstehung, die der Schamane erzählt: ein verdorbener Pfirsich, zwei verliebte Kröten, die Mündung eines tropischen Flusses und allerlei Darstellungen der Wunder der Natur sind zwar sehr beeindruckend, hätten aber vielleicht durch einen anderen Schnitt ein bedeutsameres Ganzes aufbauen können, ohne diesen Eindruck eines Wirrwarrs zu erwecken.

Genesis

Den Regisseuren ist es trotz allem gelungen, eine kohärente Argumentation darzulegen und somit einen Film mit allgemeingültiger Aussage zu schaffen. Anhand mancher Bilder, die dem Zuschauer durch die Wissenschaft bekannt sind – Echografie, Luftbilder eines tropischen Flusses, mikroskopische Visionen von sich auslösenden Vitaminen C oder Spermien –, oder anderer Bilder wie Zigarettenrauch und Seifenblasen, wird ein Zusammenhang von Metaphern aufgebaut, der das Prinzip des Lebens poetisch illustriert. Dieses Prinzip, das der Schamane von Anfang an erläutert, besteht in der im Leben überwiegenden Rolle der Flüsse von Materie, aus denen Formen entstehen, und nicht - wie konventionell angenommen - umgekehrt. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen ihr Bedürfnis nach Spiritualität nicht weiter unterdrücken wollen, ist die Inszenierung dieses mystischen Arguments bestimmt die größte Leistung des Films. Um ihr Unternehmen dem Publikum zu erklären, zitieren Claude Nuridsany und Marie Pérennou gerne Levy Strauss. In ihre Richtung geht das Denken des französischen Anthropologen z.B. wenn er schreibt: „Zwischen dem Wissenschaftler, der durch mathematische Berechnungen in eine unvorstellbare Realität vorstößt, und dem Wunsch der Öffentlichkeit, etwas von dieser Realität zu verstehen, in der mathematische Evidenz jede Form von Intuition und Gefühl widerlegt, wird mystisches Denken wieder zum Vermittler.“

Diese Vermittlung kommt in Genesis durch wunderschöne Szenen zum Ausdruck, die nicht nur in Frankreich, sondern auch in Island, Madagaskar, auf den Galapagos Inseln und in Polynesien gedreht wurden, wo man auch manchmal den Zauber von Mikrokosmos spüren kann. Herausragend in der Arbeit von Claude Nuridsany und Marie Pérennou ist letztendlich die Fähigkeit, aus einem so eigenartigen Thema einen wirklichen Kinofilm zu machen und das Fernseh-Dokumentarformat zu überwinden.

 

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