Frantz

Vom Freud’schen Wiederholungszwang und der Notwendigkeit der Lüge. François Ozon wirft in seinem Lubitsch-Remake einen überraschend nüchternen Blick auf die Liebe.

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Jeden Tag geht Anna (Paula Beer) zum Grab ihres gefallenen Verlobten. Sie bringt neue Blumen, schaut nach dem Rechten und nimmt sich einen Moment Zeit, um noch einmal zu begreifen, dass ein unsinniger Krieg ihr die Zukunft versaut hat. Auf der Straße pfeifen ihr zwar die Männer hinterher, aber die junge Frau interessiert sich nur für ihre penibel ausgeführte Trauerarbeit. Zumindest bis sie einen jungen Franzosen (Pierre Niney) entdeckt, der heimlich das Grab ihres Verlobten besucht und sie damit in ihrer eingespielten Routine stört.

Retro-Maskerade

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Davor folgt François Ozon der Protagonistin seines neuen Films immer wieder über die groben Pflastersteine einer deutschen Stadt nach dem Ersten Weltkrieg. Was sich bei diesen alltäglichen Rundgängen offenbart, ist ein emotionales Trümmerfeld, auf dem jeder irgendjemanden verloren zu haben scheint; einen Bruder, einen Sohn, einen Vater oder eben einen Geliebten. Die wenigen Männer, die von der Front zurückgekehrt sind, haben dagegen entweder entstellte Leiber oder zerfurchte Seelen. Es ist nicht leicht, unter solchen Voraussetzungen einfach sein Leben weiterzuleben. Das Schwarzweiß sieht in Frantz nicht besonders überzeugend aus; eher so, als hätte jemand bei der hochauflösenden Digitalkamera auf den Retro-Knopf gedrückt. Aber irgendwie passt diese Maskerade zu Ozons neuem Film, weil sich die farblosen Bilder weniger eines stereotypen Vergangenheits-Looks bedienen als Symbol für die omnipräsente Trostlosigkeit sind.

Lügende Rückblenden

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Das wird spätestens klar, wenn sich die schönen Erinnerungen an früher in Form von bräunlichen, aber immer noch farbigen Bildern ihren Weg auf die Leinwand bahnen. Wenn Adrien – der heimliche Besucher, der behauptet, Frantz gekannt zu haben – der Familie des Verstorbenen sichtlich bewegt von gemeinsamen Erlebnissen erzählt, dann zeigt Ozon zwar, dass es einmal eine unbeschwertere Zeit gab, lässt aber auch eine idealisierte Vergangenheit aufleben, der man eigentlich nur misstrauen kann. Tatsächlich geht der französische Regisseur auch diesmal wieder seiner Vorliebe für Täuschungen und doppelte Böden nach. Dabei macht er etwas, das Hitchcock – dem der Films immer wieder mit suspense-artigen Momenten seine Ehre erweist – einmal als No-Go für einen Regisseur bezeichnet hat: Er verwendet Rückblenden, die lügen.

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Doch Ozon begeht diesen Affront nicht nur, um seine Zuschauer an der Nase herumzuführen, sondern auch, um sich der Natur der Lüge zu nähern. Es gibt Momente in Frantz, in denen nicht die Wahrheit gesagt wird; manchmal aus Feigheit, manchmal, um den anderen nicht zu verletzen. Der Film hat dazu ein sehr entspanntes Verhältnis, aus dem einfachen Grund, weil er im Schwindeln auch eine Qualität entdeckt. Am Anfang empört sich Anna noch über die erfundenen Geschichten, die ihr Adrien auftischt. Diese ändern aber nichts an ihrer Faszination für den kränklichen Fremden. Und irgendwann beginnt sie dann selbst zu lügen.

Lärmende Vaterlandsliebe

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Frantz ist ein freies Remake von Ernst Lubitschs Drama Der Mann, den sein Gewissen trieb (Broken Lullaby, 1931), das kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs einen letzten Versuch der Völkerverständigung unternahm. Ozon bleibt Lubitschs Idealen weitgehend treu. So zeigt er, wie mit dem Unsympathen Kreutz (Johann von Bülow) ein Nazi von morgen um die Gunst Annas wirbt und die Trauer der Bevölkerung für seinen hässlichen Patriotismus missbraucht. In einer Szene, die auf einem Stadtfest spielt und fast wie aus einem klassischen Hollywood-Melodram wirkt, prallen schließlich die Lebensentwürfe aufeinander. Während die Mädchen sehr angetan von dem charmanten Franzosen sind, wird für die Männer der Nationalismus zur Entschuldigung für ihre gekränkte Eitelkeit. Ozon legt großen Wert darauf, dass sich Deutsche und Franzosen in dieser Hinsicht nichts schenken. Nachdem Adrien sein Geheimnis gelüftet hat und überstürzt nach Frankreich fährt, spiegelt Ozon seine Geschichte und lässt Anna nach Paris reisen. In einem Lokal wird sie nun selbst Zeugin einer lärmend nach außen getragenen Vaterlandsliebe, die sich nur als aggressiv artikulierte Unfähigkeit erweist, sich eigene Fehler einzugestehen.

Schematische Begehren und Leiden

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Die Kritik am falschen Patriotismus auf beiden Seiten spielt bei Ozon insgesamt jedoch eine eher untergeordnete Rolle. Vielmehr widmet er sich wie schon zuletzt in Eine neue Freundin (Une nouvelle amie, 2014) – der der beste Ozon-Film seit sehr langer Zeit war – einem kunstvollen Vexierspiel voller gleitender Identitäten. Das Doppelgänger-Motiv ist dabei so offensichtlich wie auch missverständlich. Das Geheimnisvolle, mit dem der Film immer wieder kokettiert, legt nahe, dass auch nach der ersten Auflösung noch eine spektakuläre zweite folgt. Stattdessen wird im letzten Drittel des Films vor allem bereits Etabliertes bestätigt. Allerdings bringt Ozon seine Reflexion über amouröse Stellvertreter doch noch zu einer bemerkenswerten Pointe. Plötzlich geht es nicht mehr um diesen ganz konkreten Menschen, in den wir uns verlieben, sondern um die immergleichen Muster und Typen, die uns das ganze Leben lang heimsuchen. Trotz all der romantischen Gefühle, die Frantz heraufbeschwört, wirft er letztlich einen ausgesprochen nüchternen Blick auf die Liebe – und entlarvt seine Protagonistin als Opfer eines Freud’schen Wiederholungszwangs. Es gibt allerdings Schlimmeres als ein schematisches Begehren. Zum Beispiel das schmerzhafte Schema, jeden Tag neue Blumen auf ein Grab zu legen.

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