Madame empfiehlt sich

Wenn Storys eine Heimat hätten, das Kino wäre für Madame empfiehlt sich ein Exil. Von einem Film und einer Frau, die zittrig auf der Welt einen Platz für sich suchen.

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Was man nicht alles macht für die Sucht: Bettie (Catherine Deneuve) hat das Rauchen wieder nicht aufgegeben, in der bretonischen Provinz hat am Sonntag aber meilenweit kein Tabakladen geöffnet. Der alte Mann, den sie am Straßenrand anspricht, muss ihr die Verzweiflung ansehen, denn nach kurzem Zögern bietet er ihr eine Selbstgedrehte an. Nun beginnt eine Szene, die das Selbstverständnis und das verschenkte Potenzial von Madame empfiehlt sich (Elle sen va) ziemlich genau vorwegnimmt: Nicht eine, sondern gleich mehrere Detailaufnahmen widmet Regisseurin Emanuelle Bercot in der spärlichen Küche den aufgedunsenen, rauen, verwelkten Fingern des alten Bauern, der sich mit Tabak und Blättchen abmüht, während Bettie ungeduldig auf den Kick Nikotin wartet. Bercot beobachtet den Schauplatz, springt von der Totalen in die Nahaufnahme ins Detail und zurück. Der Mann erzählt von der Tragik seines Lebens, kurz hält der Film inne, gönnt dem menschlichen Schicksal einen Augenblick Präsenz und entscheidet sich dann mit aller Wucht für die Komödie. Die Ungeduld von Bettie wird auf die Schippe genommen, aber auch der unbeholfene Alte ist für einen Lacher gut. Die Funktionalisierung von Schicksalen, von Figuren, von Settings, all dies wohnt Madame empfiehlt sich inne. Umgekehrt heißt das: fühlen, lachen, beruhigt aus dem Kino gehen.

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Es ist kaum zu glauben, dass Emmanuelle Bercot als Co-Drehbuchautorin an Maïwenns Poliezei (Polisse, 2011) beteiligt war. Diesem komplexen, widersprüchlichen, menschlich ambivalenten, eigenständigen Film. Auf der Storyebene ist bei Madame empfiehlt sich nämlich alles Reduktion: Eine Frau leidet, verlässt Familie, Haus und Herd mit unbestimmtem Ziel. Sie lebt ein kurzes unvernünftiges Abenteuer und wird dann vom eigenen Enkel gezähmt. Der lehrt sie wieder das Leben und ihr Umfeld wertzuschätzen, bis am Ende eine Versöhnung mit der entfremdeten Tochter erreicht und die neue Liebe gefunden ist. Aufgepeppt wird das Ganze mit ein paar bemüht schwelgerischen Aufnahmen von Catherine Deneuves hochgesteckten Haaren und einem Nebenpfad über die Schönheitswahnkultur.

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Milieus werden en passant gleich mehrere etabliert, denn Bettie spricht auf dem Weg, der Nikotinsucht sei dank, alle möglichen Menschen an und landet unverhofft nach einem Ausflug in die Dorfdisko mit dem schamlosen Aufreißer Marco (Paul Hamy) im Bett. Bercot trifft dabei viele falsche Töne, nimmt ihre Figuren allesamt nicht ernst und nutzt das ein ums andere Mal für eine sehr konservative Sorte Humor: das als ungeniert ehrlich getarnte Lächerlichmachen. Madame empfiehlt sich ist eine unangenehme Form Wohlfühlkino, die mit ein wenig bemühter Bedeutsamkeit versucht, die eigene Denkfaulheit zu kaschieren. Dass viele Witze sitzen und verhältnismäßig ökonomisch, mit wirkungsvollen Ellipsen und bedeutsamen Leerstellen erzählt wird, kaschiert die Unzulänglichkeit für das ungeübte Auge – und könnte die Frage beantworten, wie ein solcher Film in den Berlinale-Wettbewerb rutschen konnte.

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Kino ist allemal ein pluraler Raum, ein großzügiger Hafen, er freut sich über die Neuzugänge und auch jene auf der Durchreise. Jeder darf hier anlegen, hat er ein Ziel oder nicht. Es gibt keine Stoffe, die verboten wären. Auch nicht die Story vom Neuanfang einer Frau jenseits der 60, ein Stoff, der seinen festen Platz seit Jahrzehnten im geschützten Raum der Fernsehschnulze gefunden hat. Wenn die Story sich für die große Leinwand emanzipiert und die Krücken der vorhersehbaren Dramaturgie ein wenig beiseite legt, neugierig wird auf die Lücken und auf das Ungesagte, Ungezeigte des Genres, dann kann das aussehen wie im herausragenden Wolke 9 (2008) von Andreas Dresen. Madame empfiehlt sich hingegen wirkt rastlos auf der Suche nach einem Stil, wechselt von einem Musikgenre ins nächste, als wäre es ein Wettbewerb, schneidet hin und her, reiht Perspektive an Perspektive, als sei keine die richtige. Bercot imitiert formal den zittrigen Lebenswandel der Raucherin, die ihr Leben hinter sich lässt, um es doch wiederzufinden. Dabei ist sie so unentschlossen wie ihre Protagonistin und wähnt sich in Bewunderung vor ihr, während sie sie gleichzeitig vorführt. „Beim Sex habe ich mir vorgestellt, wie du früher aussahst“, erzählt Marco Bettie am Morgen danach und wundert sich, dass sie noch keine Rentnerin ist. Blöd nur, wenn man als Zuschauer gleichzeitig beginnt, sich auszumalen, wie der Film hätte aussehen können, hätte er sich für den Stoff, seine Figuren und ein Kino jenseits ausgetretener Pfade interessiert.

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Kommentare


Martin Zopick

Der deutsche Titel schießt ein Loch in die Luft der Ahnungslosigkeiten, der des Originals besagt nur, dass sie ‘mal weg ist‘, angeblich Zigaretten holen. Bisher wohl eher eine männliche Verhaltensdomäne. Fakt ist, dass sich die Regisseurin und Drehbuchautorin Bercot nicht so recht entschließen konnte, was das für ein Film werden sollte. Zunächst einmal ist es ein Roadmovie. Ein Kapitel ist dann eine Oma-Enkel Story mit einem Treffen der ehemaligen Schönheitsköniginnen (hier u.a. Mylène Demongeot) und schließlich eine familiäre Zusammenkunft zwecks eines politischen Ereignisses. Hier klärt sich auf wundersame Weise auch das gestörte Verhältnis zu ihrer Tochter. Alle drei Teile haben eigentlich fast nichts miteinander zu tun. Sie werden nur durch die Deneuve zusammengehalten. 90% der Zeit sieht man ihr Gesicht in Großaufnahme. Ist ja auch nicht schlecht. (Am Steuer bei langen Autofahrten und Großaufnahmen von ihrer Löwenmähne!)Der Soundtrack dazu ist allerdings so angenehm wie Zahnschmerzen. Und die Message? Eine Vertreterin der ‘Best-Ager‘ will’s nochmal wissen. Dabei ist allerdings fast nichts vom französischen Witz und Charme zu sehen. Das Kapitel mit Enkel Charly (Nemo Schiffmann) hätte mehr Esprit verdient und wäre ein ganzer Film für sich. Doch die Regie setzt allein auf die Deneuve. Das ist aber für einen ganzen Film etwas wenig. Und das drangehängte Happy End? Ein Schmarrn. Na dann empfehle ich mich auch mal lieber, den Film nicht!


Maja

Sehenswert!






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