Elena

Das Familienleben wird in Andrej Zvyaguintsevs drittem Film zur Kampfarena des postsowjetischen Hyperkapitalismus.

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„Komm her!“ Es gibt einen Moment im Film des russischen Regisseurs Andrej Zvyaguintsev, in dem der Horror in der Beziehung zwischen der titelgebenden Protagonistin Elena und ihrem sehr wohlhabenden Mann Vladimir offen zutage tritt. Da nimmt er die ehemalige Krankenschwester, seine zweite Frau, inmitten eines Streits – um Geld, natürlich, wie im Grunde alles in Elena um das Geld herum arrangiert ist – recht grob am Arm und zieht sie vom Esstisch fort, um mit ihr zu schlafen. Nicht brutal, eher mit erschreckender Selbstverständlichkeit und beinahe beiläufig. Elena reagiert mit einem Auflachen, das von allem außer von Amüsement erzählt, und fügt sich.

Elena steht zwischen zwei Welten in diesem Film, der auch eine Kriminalerzählung hätte sein können. Geld wird dringend benötigt, um ihrem Enkel – aus erster Ehe – durch Bestechung einen Studienplatz zu beschaffen und ihn so vor dem Armeedienst zu bewahren. Geld, das im Überfluss vorhanden ist, wie bereits der Kontrast zwischen den Schauplätzen offenbart: der armseligen Plattenbauwohnung, in der ihr Sohn mit seiner kleinen Familie lebt, und dem hochglänzenden Luxusapartment von Vladimir und Elena. Woher das Geld stammt, danach fragt niemand in diesem Film. Dass Elena keinen Anspruch darauf haben soll und ihre in die Ehe eingebrachte Familie noch weniger – obgleich, auch das wird schnell deutlich, wohl nicht wenig bereits in Richtung des arbeitslosen Sohnes geflossen ist –, das macht Vladimir freilich unmissverständlich klar. Nach einem Herzanfall an das Krankenbett gefesselt, kündigt er an, seine entfremdete Tochter zur Alleinerbin einzusetzen und Elena nur eine monatliche Rente zubilligen zu wollen. Das kann Elena nicht zulassen.

Elena 2

Es geht bei der Entscheidung, die sie daraufhin trifft, nicht um die eigene finanzielle Versorgung; es ist davon auszugehen, dass der ihr zugedachte Betrag mehr als reichlich ausgefallen wäre. Und vielleicht geht es auch nicht ausschließlich um die Bestechungsgelder für den Studienplatz ihres Enkels. Der Gedanke jedenfalls ist nie ganz zu verdrängen, dass hier auch ein prinzipieller Konflikt ausgetragen wird: zwischen zwei Lebensmodellen, die nur noch geschäftlich zueinander finden können und nicht romantisch und deren ohnehin kalte Tauschbeziehungen längst von Misstrauen und Habgier, vielleicht von beiden Seiten, unterminiert wurden.

Zvyaguintsev zeichnet die Heldin seines erst dritten Films ambivalenter, als es die Inszenierung, die weitgehend auf ihrer Seite bleibt, zuerst erscheinen lässt. Der Blick auf das Geschehen aus ihrer Perspektive ist durchaus auch von der Rolle geprägt, die sie gern spielen möchte: die der Mutter, die sich selbst für ihre Familie aufopfert und schließlich buchstäblich über Leichen geht für die Zukunft ihres Enkels. So einfach aber ist es nicht: „Wo wären wir ohne ihn?“, so heißt es einmal früh im Film über Vladimir, was der ebenso arbeits- wie antriebslose Sohn nur sinngemäß mit der Gegenfrage beantwortet, wo sie denn mit ihm seien.

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Es gibt hier ohnehin keine verklärte, unverschuldete Armut, sondern nur das ungeschminkte, auch brutale Elend des Vegetierens in den Wohnghettos, zwischen Wodka und Playstation. Einmal bricht sich die Ziellosigkeit dieses Daseins gewaltsam Bahn, wenn die Kamera plötzlich auf Abwege gerät und einer Gruppe Jugendlicher aus dem Reihenhaus hinunter auf die Straße folgt, wo man sich in desolater Industrielandschaft brutal prügelt, ohne Anlass und ohne Zweck. Nach diesem mit seiner plötzlich unruhigen Handkameraführung auch ästhetisch aus dem Film herausfallenden Exkurs jedoch strebt Elena ganz unbeirrt weiter seinem Ende entgegen, an dem sich soziale Positionen verschoben haben mögen. Einen Außenstandpunkt zur Unbarmherzigkeit des Systems, das er porträtiert, hat er damit noch lange nicht zu bieten.

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