El Custodio - Der Leibwächter

In dem argentinischen Psychothriller hat der Bodyguard eines Politikers überwiegend eine Aufgabe: warten, warten und noch mal warten. Und der Zuschauer sieht ihm dabei zu. Das hätte langweilig werden können. Ist es aber nicht.

El Custodio - Der Leibwächter

Eine der ersten Einstellungen ist die eines Mannes mittleren Alters, der an einem Waschbecken steht und sich vermutlich morgens für die Arbeit zurechtmacht. Die Kamera zeigt ihn durch den Türrahmen des Badezimmers, von dem nur ein sehr schmaler Ausschnitt zu sehen ist. Der Mann wirkt eingeengt, wie gefangen zwischen zwei vertikalen Linien.

Wir erfahren, dass er der Leibwächter des argentinischen Ministers für Planung (Osmar Núnez) ist, und dass er Rubén (Julio Chavéz) heißt. Wir sehen ihn immer wieder innerhalb und außerhalb von Tür- oder Fensterrahmen stehen oder sitzen und in menschenleeren Korridoren vor verschlossenen Räumen warten. Seine Welt ist die des Abseits und des Ausgeschlossenseins. Er spricht kaum, denn er hat auch nichts zu sagen. Er ist immer anwesend, falls etwas geschehen sollte, aber es passiert nichts. Oder doch?

Denn eigentlich passiert sehr viel. Der Mann wird gedemütigt, und das regelmäßig. Wenn er sich an die Vorschriften hält und den neuen Freund der Minister-Tochter nicht ohne Genehmigung ins Auto steigen lässt, ruft das Mädchen schnell Papa übers Handy an, und Rubén muss sich für sein an sich korrektes Verhalten entschuldigen - mit dem Handy der Tochter, an dem ein Hello-Kitty-ähnlicher rosa Anhänger baumelt. Auf den die Kamera den Fokus lenkt, und somit Rubéns Erniedrigung noch verdeutlicht.

El Custodio - Der Leibwächter

Nicht mal in seinem tristen, von Einsamkeit bestimmten Privatleben ist er Herr der Lage. Seine psychisch labile Schwester mit Redezwang verursacht während eines Restaurantbesuches eine für ihn extrem peinliche Situation, an deren Ende er die Kontrolle verliert. Und seine Putzfrau wühlt trotz Verbotes in den Schubladen herum und entdeckt dort von ihm gezeichnete Frauenakte, worauf er sehr empfindlich reagiert. Das Zeichnen scheint ihm heilig zu sein. Umso größer die Demütigung, als sein Chef ihn vor Gästen wie einen Zirkusclown dazu auffordert, einen Besucher zu skizzieren, ihn anschließend wie einen kleinen Jungen dafür lobt und später die Zeichnung achtlos, mit einem Kaffeefleck, auf dem Gartentisch zurücklässt. Als Rubén den Schauplatz verlässt, verschwimmt er in einem unscharfen Bild.

Auf diese Szene folgt wenig später eine, die demonstriert, wie der argentinische Autor und Regisseur Rodrigo Moreno auf einfache, aber dennoch effektive und amüsante Weise mit der eingeschränkten Sicht und den Erwartungen des Zuschauers spielt. Wieder sehen wir durch einen Türrahmen, in eine Küche, in der die Frau des Ministers mit einem Kleidungsstück hin und her läuft. Der Bodyguard steht außerhalb der Küche, rechts im Bild, wieder mal neben dem Rahmen platziert. „Könnten Sie das eben mal aufbügeln?“, fragt die Frau, und nach den vorherigen Erniedrigungen liegt es als Zuschauer nahe, sich darüber zu entrüsten, dass der Mann jetzt auch noch für Arbeiten herangezogen werden soll, die ja nun wirklich nichts mit seinem Job zu tun haben. Doch der Bodyguard rührt sich nicht, und von links erscheint plötzlich eine Haushälterin im Bild, die die ganze Zeit in der Küche anwesend war, nur bisher nicht sichtbar.

Vor derselben Küche hat der Leibwächter kurz zuvor seine Berufsbezeichnung etwas zu wörtlich genommen und einen Blick auf das minimal bekleidete Hinterteil der Minister-Tochter riskiert. Diesem sind schon andere unerlaubte Blicke vorausgegangen und weitere werden folgen, die ihm eigentlich in seiner Position nicht zustehen. Aber sein Beruf und der Mangel an Privatem drängen ihn in die Betrachterposition, wo die Grenze zum Voyeurismus fließend ist. Letzteres erlaubt der Regisseur dem Zuschauer allerdings nicht.

El Custodio - Der Leibwächter

Eine solche Verweigerung zeigt sich in einer Sequenz, in der Rubén zunächst, wie so oft, in einem Korridor steht und wartet. Diesmal darauf, dass ihn eine Prostituierte in ihre Wohnung lässt, die sie mit ihrer Mutter teilt. Die junge Frau und ihr Kunde gehen ins Schlafzimmer und besprechen in der rechten, erst nur spärlich, dann gar nicht mehr beleuchteten Bildhälfte, die Details, während die Zimmertür auf der linken Seite offen steht. Sie führt in einen leeren, hell beleuchteten Flur - die inzwischen einzige Lichtquelle - in dem ganz langsam eine alte Frau auf Krücken erscheint und in Richtung Tür schleicht. Ihre bedächtige Art zu gehen, suggeriert, sie wolle lauschen, doch wieder wird man überrascht und eines Besseren belehrt. Denn sie schließt die Tür und hüllt das Zimmer und das darin gleich Stattfindende somit für sich selbst und den Zuschauer ins Unsicht- und Unhörbare.

Für Rodrigo Moreno ist El Custodio nach Kurzfilm- und Co-Regie sein Langfilmdebüt als alleiniger Autor und Regisseur. Sein Werk ist eine ästhetisch rigorose Kreuzung aus Psychothriller und Charakterstudie, das mit seinen reduzierten Dialogen fast als Stummfilm auftritt. Es wurde auf der Berlinale 2006 mit dem Alfred Bauer Preis geehrt, der Filme auszeichnet, die „neue Perspektiven der Filmkunst eröffnen“. Eine besondere und ungewöhnliche Perspektive offenbart er mit seinen strengen, radikal geometrischen Bild- und Lichtkompositionen allemal. Es gibt kaum eine Einstellung, die nicht von dominanten Vertikalen unterteilt wird, die im Verlauf der Handlung immer näher zusammenrücken, den Protagonisten in eine Ausweglosigkeit zu klemmen scheinen und ihn buchstäblich in den Schatten drängen.

El Custodio erzählt langsam und konsequent, scheinbar kühl, aber nicht ohne Empathie die Geschichte eines kommunikationsgestörten Außenseiters. Er lässt die Ambivalenz im Alltag eines Bodyguards - Langeweile einerseits, innere Anspannung andererseits - anschaulich miterleben. Und setzt die geforderte Präzision des Berufes in ebensolche Bilder um. Wie die Tätigkeit, die sie einfangen, hätten diese aufgrund der sich ständig wiederholenden Motive von Korridoren, Tür- und Fensterrahmen, auch schnell eintönig werden können. Würde der Regisseur ihre Ausdrucksmöglichkeiten nicht geschickt und abwechslungsreich variieren und trotz einer bedrückenden Grundstimmung nicht so humorvoll seine Spielchen mit ihnen treiben, wie er es tut.

 

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