Einfach das Ende der Welt – Kritik

Gleich ist es so weit. Gleich. Xavier Dolan hat wieder ein Theaterstück inszeniert, als ein Stück ununterbrochenen emotionalen Aufruhrs. Wer das wohl aushalten kann?

Only the End of the World 03

Ein zartes Gesicht, eine raunende Stimme, die Erwartungen sind schnell gesetzt. Wenn Gaspard Ulliel spricht, richtig spricht, dann klingt das so, als sei das Ende der Welt verträglich, vielleicht sogar richtig so. Sein Louis ist einer, der mit Worten umgehen kann. Was kann Sprache, wird sie gesogen in einen Wirbelsturm emotionalen Drangs, der Sehnsüchte und Festlegungen, die über Kreuz liegenden Rollenbilder, die abgeschüttelt werden wollen, aber nicht können? Sprache als Emotion, als Verstärker, als Verhinderer, darin stürzt sich Xavier Dolans neuer Film Juste la fin du monde, auf Deutsch Einfach das Ende der Welt. Die Kraft der analogen Filmbilder, leuchtende Farben und suchende Gesichter zu erhellen, so zu erhellen, dass sie größer, intensiver, schöner werden, in eine Dimension des Jenseits hineinragen, der Erinnerung und des Verlangens, der Leidenschaft und des Ungreifbaren, sie beschwört Dolan. Um dann Schneisen des Zugangs zu schlagen, das Überhöhte zu erden, es im Vertrauten, in der vergänglichen Lebenserfahrung, zum Sturz zu bringen. Der Sturz ist das, was Dolan sucht. Der Sturz ist das, was kaum auszuhalten ist. Der aufgefangen werden soll, und sei es nur, weil es das Ende der Welt ist, zumindest für Louis.

Kräfte, Charaktere, Lautstärken, Positionen

Only the End of the World 08

Wohin mit all den Gefühlen, wenn der Sohn, der ernste, der gescheite, der erfolgreiche, zum ersten Mal seit zwölf Jahren seine Familie besucht? Das Drama beginnt schon, da steht Louis noch vor der Tür: Die Antizipation, die erwartungsvolle Vorbereitung, die kreisenden Gedanken und Hoffnungen und Befürchtungen und Urteile und die Angst vor Urteilen, sie explodieren fast, sie zeigen ihre volle Intensität, da fährt das Taxi gerade vor. Mutter Martine (Nathalie Baye) trocknet aufgeregt ihren Nagellack mit dem Föhn, Schwester Suzanne (Léa Seydoux) soll bei den Vorbereitungen helfen, Bruder Antoine (Vincent Cassel) widersetzt sich dem Aufruhr, seine Frau Catherine (Marion Cotillard) sucht den Ausgleich. Kräfte, Charaktere, Lautstärken, Positionen: Alles ist lange erprobt. Eine Familie, wie sie sich zerlegt, wie sie sich bestätigt und verständigt. Juste la fin du monde ist fast ein Kammerspiel, es ist nach Sag nicht, wer du bist! (Tom à la ferme, 2013) erneut die Adaption eines Theaterstücks. Und wieder steht der Suspense im Mittelpunkt: das Ungesagte, das Unbekannte, das Vergangene, das Bevorstehende. Nur ist der Suspense hier in keine externe Gefahr, in keinen Thrillerplot gebettet, sodass als Projektionsfläche nur die bis zum Exzess gesteigerte emotionale Antizipation in den gespannten Gesichtern bleibt.

Logik der nervösen Erwartungssteigerung

Only the End of the World 07

Juste la fin du monde wird es als Nachfolger von Mommy (2014) nicht leicht haben. Ähnlich stark reduziert wie Tom à la ferme, verzichtet der Film aber über weite Strecken auf Totalen von Landschaft und Setting, diesmal sucht Dolan die Abstraktion und das Sinnliche der Großaufnahme. Selbst die Montagesequenz zu Beginn, die in die Familie hineinführt und die Taxifahrt parallel zum Vorbereitungswahn schneidet, greift nur Details heraus, schneidet die Welt in ganz kleine Stücke, in Blicke von Passanten, Schriftzüge an Mauern, kalte Platten auf dem Wohnzimmertisch. Und wenn erst mal die Menschen zusammen in einem Raum sind, dann lässt André Turpins Kamera ihre Gesichter kaum noch aus dem Blick. Mehr als ein Stilmittel sind die Großaufnahmen ein Ausdruck der Obsession. Sie sind so ziemlich das Gegenteil von dem, was etwas einfallslos Gespräche dokumentiert und Schuss-Gegenschuss genannt wird. Die Gesichtsbilder orientieren sich an der Logik der nervösen Erwartungssteigerung. Ob gerade zu sehen ist, wer spricht, oder nicht, das spielt keine Rolle. Denn die versteinerte Dynamik, die klaustrophobisch und verheißungsvoll zugleich wirkt, sie lässt in Fassbinder’scher Manier einen tief humanistischen Glauben durchscheinen, dass die unmögliche Kommunikation Ausdruck von Liebe ist – wie fehlgeleitet sie auch sein mag.

Der Moment, das Konstrukt zu vergessen

Only the End of the World 04

Nichts wäre tödlicher für die Leidenschaft, die Dolan hier gleichzeitig einfriert und auftaut, als sie in Einzelteile zu zerbrechen. Ein bisschen hatte ich deshalb Angst, über diesen so zerbrechlichen, kleinen, unvollkommenen, beschränkten und gerade deshalb großartigen Film zu schreiben. Natürlich besteht die Kunst der Kritik darin, Werken so zu begegnen, dass Erfahrung und Erkenntnisgewinn sich gegenseitig befruchten, indem sie Filme als höchst interessante Konstrukte erfassen. Der Spaß an ihnen kann in vielen Fällen noch gesteigert werden, wenn erst zwischen die Bilder gegriffen wird. Bei Dolan verspüre ich aber den Drang, nicht das Konstrukt, sondern den Moment des Vergessens dieses Konstruktes zu betonen, am besten funktioniert auch Juste la fin du monde als Rausch. Als Übereignung des eigenen Blicks an die orchestrale und die poppige Musik. Als Hingabe an den Moment, den der Film hinauszögert und der kaum zu erwarten ist. Gleich ist es so weit, gleich. Wenn die Versprechen nicht eingelöst werden, die Gesten wieder größer werden, die Hoffnung sich in Metaphern auflöst, dann will ich ganz dicht an diesen Bildern sein. Selbst wenn die Gesichter sich verdunkeln, die Augen im dunkelsten Meeresblau von Trauer erfasst scheinen und alle nerven. Erst recht dann.

Trailer zu „Einfach das Ende der Welt“


Trailer ansehen (4)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare


Frédéric Jaeger

Hab ich nicht gesehen, klingt aber so, als sei "The Hanging Garden" ein Film, der sich mit Konflikten rund um Homosexualität, Vergangenheitsbewältigung und Ausgrenzung in psychorealistischer Weise auseinandersetzt, oder? Dolan macht hier was ganz anderes (das Stück kenne ich nicht): Der Film arbeitet im Grunde gar nichts auf, sondern bewegt sich (trotz weniger Rückblenden) im Moment und dem Erleben der Familiengegenwart. Das macht "Einfach das Ende der Welt" zu einem konzeptionellen Film, der aus Abstraktion, Emphase und Projektion seine Wirkung zieht, so es denn aufgeht.


M. Glass

Ein sehr kleiner Film, das habe ich nach dem Kinobesuch gestern auch gesagt. Eine sehr schöne Kritik, danke dafür! Interessant fand ich das Phänomen, dass teilweise minutenlang dieselben Sätze gesagt werden, aber trotzdem unheimlich viel Dynamik darin steckt. Antoine ist hervorragend darin, er sagt zwar, ich mag nicht zuhören und nichts sagen, dabei hört und versteht er alles, an seinem Verhalten lässt sich die ganze Geschichte ablesen. Viele Filme vergessen beim Erzählen und Zeigen und Beeindrucken den Moment an sich, Dolan liebt den Moment, ja, er vergöttert jede einzelne Sekunde. Ich freue mich, seine Filme wieder und wieder zu sehen und das zu entdecken, was schon da war. Ein Beispiel: Louis beobachtet durch halb geöffnete Jalousien eine auf einem Trampolin springende Nachbarin, sieht nur einen Teil von ihr, auch immer nur dann, wenn ihr Kopf die trennende Hecke überragt, und Louis beobachtet sie, fast spannend, dann reagiert er ertappt, dann wieder fasziniert, am Ende sein Lächeln. Einfach eine Liebeserklärung an den Moment.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.