Ein Haus in Ninh Hoa

Das Bild einer Familiengemeinschaft, die bis in die Welt der Geister reicht. Rund um ein Haus in Vietnam erzählt dieser aufmerksam beobachtete Dokumentarfilm eine Migrationsgeschichte aus der Sicht derer, die nicht ausgewandert sind.

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Dem Namen zum Trotz gibt es zwei Häuser in diesem Film, ein leeres und ein belebtes, zwei Häuser, durch die die zahlreichen Stränge der Familiengeschichte der Le führen. Welches der beiden man für das titelgebende halten mag, spielt keine Rolle; denn keines der beiden kann als der Ort gelten, an dem diese Stränge gebündelt werden oder ihren Ursprung finden. Ein Haus in Ninh Hoa führt nicht in das räumliche Kernstück einer vietnamesischen Familie, sondern zeichnet mit behutsamer Langsamkeit eine Karte, auf der jedes der Familienmitglieder in Bezug auf diese beiden Häuser verortet wird. Die einen leben dort, die anderen haben Ninh Hoa schon lange verlassen; einige kehren immer wieder zurück, andere werden nie wieder heimkehren; einige sind gefestigt in ihrem Standort, andere ringen noch darum zu verstehen, wo sie stehen.

Im Hier und Dort

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Denn Ein Haus in Ninh Hoa kartografiert Anwesenheit und Abwesenheit gleichermaßen; wobei es die Anwesenden sind, die den Abwesenden ein Gesicht geben. Der Ahnenaltar, der erste Brief vom 1972 nach Deutschland ausgewanderten Sohn an seine daheimgebliebene Familie, der Anruf aus Deutschland: Immer wieder werden die Verbindungen zu den körperlich nicht Anwesenden gezeigt. Der Starre im Haus – wie versinnbildlicht durch innen abgestellte Fahrräder und Mopeds – stehen diese vielfältigen, Raum und Zeit überschreitenden Verbindungen gegenüber. So entsteht das Bild einer Familiengemeinschaft, die weit mehr umfasst als lediglich die Menschen, die uns im Film begegnen; bis in die Welt der Geister reicht das unüberschaubare Geflecht. Ein Haus in Ninh Hoa ist eine Geschichte der Abwesenheit aus der Perspektive derer, die bleiben: Migrationsgeschichte aus der Sicht derer, die nicht ausgewandert sind; Kriegsgeschichte aus der Sicht derer, die nicht in den Krieg gezogen sind; Familiengeschichte aus der Sicht derer, die die Ahnen überlebt haben. Ein Haus in Ninh Hoa spielt hier und dort gleichzeitig.

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Dabei zeigt der Film mehr Abfolge von Leben als in eine getaktete Geschichte gegossenes Leben. So, wie das Haus nicht alle Stränge der Geschichte in sich bündelt, sondern von ihnen durchlaufen wird, steuert der Film nicht unaufhaltsam auf dramatische Spitzen zu, die er gekonnt moduliert, um in Atem zu halten. Der Rhythmus ist ein ganz anderer: Ruhig kadriert die meist statische Kamera Szenen des Alltags, wie bemüht, den Lauf der Dinge nicht zu stören, einen andächtigen Schritt zurücktretend. Es ist ein sehr fragmentarischer Film, der aneinanderreiht, anstatt geschmeidig zu verbinden. Dabei wird allen Elementen in der Bedeutungshierarchie derselbe Stellenwert eingeräumt, allem wird dieselbe Aufmerksamkeit zuteil, als stünde es der Kamera nicht zu, ein Urteil über die Relevanz zu sprechen. Ein Haus in Ninh Hoa ist ein sehr aufmerksamer, wohlwollender Film, der mit einer gewissen Zärtlichkeit die Gesten des Alltags einfängt, das Füttern der Hühner, das Flechten von Körben, das Essen, das Geschichten-Erzählen, und sie für sich sprechen lässt. Nicht nur die verschiedenen Szenen des Alltags, auch Ton-Fragmente werden aneinandergereiht: die Dialoge, die wir in medias res erleben, aber auch das Vorlesen von Briefen, das Erzählen von Geschichten, das Verlesen einer Art Familienprotokoll bis hin zum Dorfradio mit seiner seltsam enthusiastischen Diktion, das über Lautsprecher in Ninh Hoa hallt. Nur mit der Kamera wird nicht gesprochen.

Dazwischen als Identität

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Denn in Ein Haus in Ninh Hoa stellen die Regisseure keine Fragen, sondern lassen sie vielmehr beim Zuschauer aufkommen; die Verhältnisse werden nur langsam, en passant und nie gänzlich geklärt. Es bleibt ein Rest Rätsel, ein ungelüfteter Schleier, der selbst zum Gegenstand des Films wird, eher als das Bestreben, ihn zu lüften. Der Duktus in Ein Haus in Ninh Hoa ist nicht der der Offenbarung, schon gar nicht von Familiengeheimnissen. Das Ungeklärte, das Unausgesprochene, das Unerlöste kommt nicht nur in den Regieentscheidungen zum Ausdruck, sondern auch im Bestreben des rastlosen Deutschlandrückkehrers, das zu finden, was er „vermisst“. Der Film zeigt, wie er sich an ein Geistermedium wendet, das ihn auf der Suche nach einem im Krieg verschollenen Onkel unterstützen soll. Doch was den Sohn umtreibt, das wird schnell klar, ist mehr als nur ein Onkel ohne Grab; es geht um die Selbstverortung in der Familiengeschichte, um die Einreihung in Vergangenheit und Gegenwart, um die eigene Identität. In einem Lokal unterhält er sich über die „Auslandsvietnamesen“, vietnamesisch in Erscheinung und Erinnerung, im Geiste aber schon Vietnam entrückt. Doch das Leben „dazwischen“ wird schließlich zu einer eigenen, vollwertigen Identität erklärt, die eine eigenen, anderen Zugang sowohl zu Deutschland als auch zu Vietnam ermöglicht.

Trailer zu „Ein Haus in Ninh Hoa“


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