Ein Geheimnis

In Claude Millers Verfilmung eines französischen Bestsellers sind die Mitglieder einer jüdischen Familie mehr als Opfer der Nationalsozialisten: leidenschaftlich, abgründig und von einem tragischen Geheimnis verfolgt.

Ein Geheimnis

Ein schmächtiger, blasser Junge (Valentin Vigourt) geht an der Hand seiner braungebrannten, athletischen Mutter (Cécile De France) durch ein Freibad, umgeben von lauter attraktiven Menschen mit durchtrainierten Körpern. Der siebenjährige François passt nicht ins Bild, und er passt nicht zu seinen sportlichen Eltern, was ihm der Vater (Patrick Bruel) deutlich zu verstehen gibt. Das kränkliche Einzelkind spürt die Anwesenheit eines stärkeren und schöneren „Phantombruders“, durch den er sich in seiner Fantasie die ideale Familie erschafft. Beim Essen deckt François einen Teller für den Kameraden, im Schlaf kämpft er mit dem Konkurrenten. Als 15-Jähriger (Quentin Dubuis) findet er heraus, dass es diesen Bruder tatsächlich gegeben hat und dass die Schuldgefühle, die seit jeher auf ihm lasten, mit der Geschichte seiner jüdischen Eltern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs zusammenhängen.

Claude Millers Adaption des autobiografischen Romans von Philippe Grimbert (Ein Geheimnis, Un Secret, 2004) ist ein Familiendrama, in dem auffallend oft die Sonne scheint und gegessen wird, die Kamera wiederholt wohlgeformte Körper einfängt und in dem immer wieder jemand erwähnt, „wie schön“ ein Baby, eine Frau oder ein Mann in Uniform ist. Obwohl sie vor dem Hintergrund des Holocausts spielt, wirkt diese betont leichte und sinnliche Inszenierung jedoch nicht verharmlosend, da wir die Zeit überwiegend aus François’ Sicht wahrnehmen. Der Junge romantisiert die Vergangenheit seiner Eltern und stellt sich ihren Aufenthalt auf dem Land während der deutschen Besatzung als idyllisches Liebesnest vor. Sein Vater Maxime will mit seinen gestählten Muskeln die eigene Herkunft verbergen und ändert den Familiennamen von Grinberg in Grimbert. Er lässt seinen Sohn taufen, wobei sämtliche anwesenden Babys plötzlich zu schreien anfangen, als wollten sie protestieren.

Ein Geheimnis

Der junge François und Maxime erinnern an eine Reihe früherer Miller-Figuren. Sie flüchten aus der Realität in die Fantasie oder als letzten Ausweg in den Selbstmord, wollen Abstammung oder Milieu hinter sich lassen und kreieren sich ein anderes Ich oder eine neue Familie – in der Imagination oder in der Wirklichkeit: In dem psychologischen Kammerspiel Das Verhör (Garde à vue, 1981) ist die Ehefrau eines wohlhabenden Notars von der pädophilen Neigung ihres Mannes überzeugt und hält ihn der Vergewaltigung zweier Mädchen für schuldig. Eine Scheidung hat sie dennoch für sich ausgeschlossen, um nicht in die einfachen Verhältnisse zurückkehren zu müssen, aus denen sie stammt. Die Protagonistin des Neo-Noir-Thrillers Das Auge (Mortelle randonnée, 1983) nimmt von einem lukrativen Männermord zum nächsten ständig wechselnde Identitäten an und erfindet für ihren verstorbenen Vater, der nur ein einfacher Toilettenmann war, bedeutende Berufe. Der Detektiv, der sie verfolgt, glaubt wiederum, in ihr seine tote Tochter zu erkennen. Die Titelfigur der Coming-of-Age-Geschichte Die kleine Diebin (La petite voleuse, 1988) behauptet aus einem Wunschdenken heraus, ihre Mutter, die sie verlassen hat, hätte sich gemeldet. Ihrem tristen Nachkriegsalltag verleiht sie mit gestohlener Schminke und Unterwäsche etwas Glanz und Filmstarglamour. In der Ruth-Rendell-Adaption Betty Fisher et autres histoires (2001) stiehlt eine Mutter gar ein Kind, um der Tochter über den Verlust ihres Sohnes hinwegzuhelfen.

Ein Geheimnis

Das Faszinierendste an Millers Charakteren sind ihre Abgründe und Rätsel. Sie lassen sich nicht leicht festlegen und erklären. In vielen Werken des französischen Autors und Regisseurs, der lange Produktionsleiter bei François Truffaut war, überraschen sie mit ihren Entwicklungen und Richtungswechseln bis zum Schluss. Die komplexeste Figur in Ein Geheimnis (Un Secret) ist Maximes erste Frau Hannah (Ludivine Sagnier), auch weil man ihr die verborgene Radikalität nicht zutraut. Anders als ihr Mann bekennt sie sich in einem entscheidenden Augenblick zu ihrer Identität. Leider übernimmt Miller zu häufig das Erläutern von Handlungen aus der literarischen Vorlage in Form eines Off-Kommentars des erwachsenen François (Mathieu Amalric), anstatt wie in seinen gelungensten Filmen auf das eigenständige Verstehen des Zuschauers zu setzen. So entzieht er einigen Szenen ihre selbstredende Wirkung.

Das Drama erreicht nicht ganz die emotionale Kraft von Grimberts Roman, obwohl sich der Regisseur unter anderem mit dem wiederholten Einsatz von Zeitlupen darum bemüht, manchmal zu offensichtlich. Möglicherweise liegt das an dem Wechsel zwischen mehreren Perspektiven und vier verschiedenen Zeitebenen, die zwar auch im Buch vorkommen, dort aber eine stärkere Einheit bilden. Miller inszeniert zum Teil schöne ästhetische Übergänge, wenn eine Zimmerdecke zu einem Swimmingpool zerfließt, und als reines Kopfkino sind die zahlreichen Zeitsprünge und Sichtwechsel mit ihren Ergänzungen, Widersprüchen und Ungereimtheiten aufschlussreich und spannend, ein tiefes gefühlsmäßiges Eintauchen ins Geschehen erschweren sie allerdings.

Ein Geheimnis

Die Gegenwart (1985 im Film) hat der Regisseur in Schwarzweiß gedreht, die Vergangenheit in Farbe. Damit entsprechen Millers Bilder der Schreibweise des Romans, in dem die Gegenwart in der Vergangenheitsform und das Vergangene im Präsens erzählt wird. Ein Geheimnis handelt von der Gegenwärtigkeit der Geschichte, dem Erbe der Schuld, der Last des Schweigens und einer Befreiung durch die Sprache. Nicht zufällig kümmert sich der erwachsene François als Psychoanalytiker und Alter Ego Philippe Grimberts um einen autistischen Jungen, der nicht spricht.

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Kommentare


Martin Z.

Es ist eine weitere, wahre Geschichte vom Überleben der Franzosen im von den Deutschen besetzten Land. Wieder geht es um Repressalien gegen die Juden und um die Frage: sich anpassen, fliehen oder negieren. Doch die Art und Weise, wie Claude Miller diese Geschichte erzählt, ist schon bemerkenswert. Er schildert die ungewöhnliche Liebesgeschichte zweier jüdischer Sportskanonen aus der Perspektive ihres neugierigen Sohnes. Hierbei spielt die Frage, ob ein Jude auch einer sein will, eine nicht ganz unbedeutende Rolle. Geschickt werden in verschiedenen Farben die Zeitebenen gewechselt und das Geheimnis, obwohl schon lange vorher zu erahnen, erst ganz am Ende gelüftet. Aber diese Hinführung zur Aufklärung ist einfach gut gemacht. Leider mündet die erstaunliche Story in einen Dokumentarfilm, was völlig überflüssig ist. Die Authentizität belegt ein Hinweis im Vorspann hinreichend. Somit entzaubert sich der Film im Dienste der historischen Wahrheit am Ende selber.






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