Die Maisinsel

Die Welt, eine Insel. Mit großer Geste und dokumentarischer Präzision macht George Ovashvili aus einem kleinen Stück Land im Kaukasus eine Bühne für den Kreislauf des Lebens.

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Die Maisinsel (Simindis kundzuli) beginnt mit einer Schöpfungsgeschichte. Geschaffen wird dabei jedoch nicht die Welt, sondern nur eine leicht überschaubare Version von ihr, die sich inmitten der Strömung des malerischen Flusses Enguri gebildet hat. Jedes Jahr schwappt es von den Bergen des Kaukasus große Mengen an fruchtbarem Boden ins Tal. Daraus bilden sich im Wasser kleine, temporäre Inseln, die von den Bauern aus der Umgebung beackert werden. Aus einer Schrifteinblendung erfahren wir, dass man mit den Erträgen einer Saison immerhin über den Winter kommt. Der Georgier George Ovashvili siedelt seinen zweiten Spielfilm fast ausschließlich auf einer dieser Inseln an. Er beginnt seine Erzählung mit einem alten Bauern, der so ein Stück Land entdeckt und sich dort mit seiner Tochter niederlässt, und beschließt sie damit, dass sich der Fluss zurückholt, was er einst geschaffen hat. In seinen 100 Minuten versucht der Film nicht weniger einzufangen als den Kreislauf des Lebens.

Kontakt mit dem Irdischen

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Ovashvili hat zweifellos einen Hang zum Archaischen. Auf der Handlungsebene wirkt Die Maisinsel zwar geradezu bescheiden, seine Inszenierung strebt aber entschieden ins Monumentale. Die auf 35mm-Material gedrehten Bilder sind episch breit und fein austariert. Den begrenzten Schauplatz misst die Kamera (Elemér Ragályi) dabei immer wieder mit getragenen Fahrten aus. Keine Bewegung – auch nicht die der Darsteller – wirkt hastig oder unüberlegt, alles ist ökonomisch, jedoch nicht in Bezug auf eine klassische Narration, sondern innerhalb eines künstlerischen Konzepts. Dadurch bekommt der Film eine Erhabenheit, die manchmal erdrückend schwer werden kann. Anders jedoch als Béla Tarr, der in Das Turiner Pferd (A Torinói ló, 2011) ein ähnlich reduziertes Setting mit großer Geste in Szene setzte, verweilt Die Maisinsel nicht auf einer abstrakten, mythisch aufgeladenen Ebene, sondern sucht durchaus den Kontakt mit dem Irdischen.

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Zunächst schlägt sich das in einem fast dokumentarischen Interesse für die Arbeit des Bauern nieder. Elliptisch, aber zugleich ungemein präzise hält der Film die verschiedenen Arbeitsschritte fest, die vom Naturphänomen zur rudimentären Zivilisation führen; wie aus Holzplatten und Getreidesträuchern eine Hütte entsteht, wie der Boden aufbereitet wird und die ersten Samen gestreut werden. Um Arbeit geht es zwar oft im Kino, aber so detailliert und anschaulich vor Augen geführt zu bekommen, was das eigentlich bedeutet und vor allem wie viel Mühe es bereiten kann, das hat man in einem Spielfilm selten.

Eine angedeutete Transformation

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Die minimalistische Ausgangssituation vom Menschen, der sich in der Natur einrichtet, bricht Ovashvili schon wenig später, in dem er einige dramatische Handlungselemente einführt. Gesprochen wird zwar auch im weiteren Verlauf des Films kaum, die Gesten und Blicke sind dafür umso konkreter. Dadurch gewinnen auch die Figuren an Kontur: der Vater, der sein Stück Land ebenso vehement verteidigt wie auch sein eigen Fleisch und Blut und, mehr noch, die Tochter, für deren noch unartikulierten Freiheitsdrang die Insel schlichtweg zu eng ist. Der Schauplatz bleibt dabei fest in der Wirklichkeit verankert, genauer gesagt im Grenzgebiet zwischen Georgien und dem abtrünnigen Abchasien, wo seit Jahren ein Krieg herrscht. An einem politischen Kommentar zeigt sich der Regisseur allerdings nicht interessiert, eher fasziniert ihn die Insel als Knotenpunkt widerstreitender Kräfte (bald sorgt ein verwundeter Soldat im Maisfeld für Ärger) und als Zeichen der Vergänglichkeit. Die kontinuierliche Veränderung, die sich als Motiv durch den gesamten Film zieht, schlägt sich nicht zuletzt in einer schönen Coming-of-Age-Geschichte nieder, die der Formelhaftigkeit, die dem Genre oft anhaftet, eine ungewohnte Plastizität entgegensetzt. Denn um von den komischen, neuen Gefühlen zu erzählen, die einen jungen Menschen während der Pubertät überwältigen, greift Ovashvili weniger auf Dialoge zurück als auf den Körper seiner Darstellerin. Dass auf der Insel nicht nur der Mais heranreift, dafür findet er mitunter bildgewaltige, ganz und gar unsubtile Symbole. Als die Tochter etwa in einer Szene auf dem Feld steht, tropft das Blut ihrer ersten Menstruation auf die Maissprossen.

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Mariam Buturishvili ist wie gemacht für diese Rolle. Noch eher Kind als Frau stakst sie mit ihren Gummistiefeln etwas unbeholfen über die Insel, das nasse Kleid am androgynen Leib klebend und den Blick immer wieder scheu in die Ferne gerichtet. Dass ihre Transformation – weg vom asexuellen Tochterdasein und hin zu einem neuen, positiven Körpergefühl – nur angedeutet wird, macht sie nicht weniger eindringlich. Vielleicht ist es bezeichnend, dass Ovashvili sie kurz vor dem dramatischen Finale mit dem Boot nach Hause schickt. Dann wäre sie die Zukunft und damit  auch die Möglichkeit auf ein anderes, ein besseres Leben, das ohne die Klauen des Krieges und des Patriarchats auskommt. Doch der Film endet letztlich doch wieder mit einem älteren Mann, der eine der Inseln im Enguri entdeckt. History repeats itself.

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