Die Lügen der Sieger

Christoph Hochhäuslers stilistische Trademarks migrieren in einen Paranoia-Thriller und fremdeln darin noch ein wenig.

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Kurz bevor die Zeitschrift „Die Woche“ von belogener zu lügender Presse wird, erscheint Humphrey Bogart in Schwarzweiß auf der Leinwand und spricht die fatalistischen Worte ins Telefon: „That’s the press, baby. There’s nothing you can do about it.“ Das Zitat aus Richard Brooks’ Film Die Maske runter (Deadline U.S.A., 1952) wird schroff in eine Montage aus Hefte ausspuckenden Druckereien, Zeitungskiosken und News-Webseiten hineingeschnitten, die die lauffeuerartige Verbreitung einer Enthüllungsstory illustrieren. Ein Hinweis, der auch deshalb etwas aufdringlich wirkt, weil der Zuschauer längst um die Unwahrheit der Geschichte weiß.

Weit früher im Film spricht der bräsige Wirtschaftsminister beim Geschäftsessen zum Industrie-Lobbyisten im gespielten Hitler-Akzent „Sie wollen mein Führer sein?“, worauf beide Männer herzhaft lachen. Das passt zur satirischen Färbung der Sequenz: Die Begegnung läuft fast Floskel für Floskel so ab, wie sie der Lobbyist vorher mit seinen Leuten in dunklen Hinterzimmern geprobt hat, und seine eigentlich eher lächerlichen cholerischen Anfälle wirken nur aufgrund seiner faktischen Machtfülle einschüchternd. Zugleich scheint das Drehbuch von Christoph Hochhäusler und Ulrich Peltzer mit diesem Scherz noch einmal unterstreichen zu wollen, was schon klar ist oder es bald sein wird, nämlich wer hier im schattigen Restaurant und im Rest des Landes das Sagen hat. (Auch wenn inmitten einer der Berlin-Collagen kurz eine gigantische Merkel-Raute ins Bild springt.)

Wer spricht von Lügen?

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Der demonstrative Gestus steckt schon im Titel, der einem Gedicht von Lawrence Ferlinghetti entlehnt ist und als pessimistisches Schlusswort eingeblendet wird: „Geschichte wird gemacht / aus den Lügen der Sieger. / Aber man würd’s nicht erkennen / an den Titeln der Bücher.“ Die Möglichkeiten einer falschen Vereinnahmung dieser Zeilen kommen einen schnell in den Sinn; ihrer poetischen Offenheit und ihrem Kontext entrissen, läsen sie sich wie eine verschwörungstheoretische Blaupause, wo alle Historiografie nicht falsifizierbar, sondern gefälscht wäre, wo der gegenüber jedem Text angebrachte Zweifel durch globales Misstrauen gegen alle Texte ersetzt wäre. Kriegsverlierer jeder Couleur könnten den Vers dann ebenso emphatisch rezitieren wie die Kommentarspaltenkrieger des Internets in ihrem Feldzug gegen die „gleichgeschalteten Medien“.

Assoziationen, die zur Zeit unvermeidlich sind – doch natürlich darf einen die Abgrenzung von der Gegenaufklärung auch nicht in die Affirmation des Mainstreams treiben, und weil ein genauer Blick auf die sich tatsächlich hinter dem Rücken der Öffentlichkeit vollziehenden Verstrickungen von Medien, Politik und Wirtschaft nötig ist wie eh und je, kommt Die Lügen der Sieger, der dies im Gewande eines Paranoia-Thrillers versucht, vielleicht genau zur rechten Zeit. Ein Film, in dem Sieg und Niederlage, Lüge und Wahrheit bei aller Unentwirrbarkeit der Verstrickungen doch immer wieder von ganz banalen Entscheidungen menschlicher Akteure abhängen – etwa einem Chefredakteur, der aus Sorge um die Reputation seines Blattes vor der Wahrheit einknickt.

Zwischen Genre und Realitätshaftung

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Im Zentrum stehen „Die Woche“-Starreporter Fabian Groys (Florian David Fitz) und Volontärin Nadja (Lilith Stangenberg), die kurz vor der Aufdeckung eines Giftmüllskandals durch eine von den Lobbyisten eingeschleuste Fehlinformation auf die falsche Spur geführt werden. Bis es zu diesem Plotpoint kommt, bedarf es einiger Konzentration, um der dichten, knapp vermittelten Handlung folgen zu können, in der unter anderem ein von einem Löwen zerfetzter Mann im Zoo, von der Bundeswehr abgeschobene Kriegsinvalide und die Verabschiedung eines Umweltgesetzes eine Rolle spielen. Auf ihrer Recherche geraten Fabian und Nadja in zahlreiche genretypische Mini-Settings – eine anonyme Übergabe in der U-Bahn, ein Pathologe, der dunkle Andeutungen macht, die verschreckte Witwe des Giftmüll-Opfers, die nichts sagen will. Dabei folgt der Film weniger einer Spannungsdramaturgie, als über die Inszenierung von Orten und Begegnungen einen Stimmungsraum zu entfalten.

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Die Teilwelten sind unterschiedlich tief ins Genre getaucht. Wo der Redaktionsalltag bei der „Woche“ relativ realitätsnah aussieht, da fungieren die vier Giftmüll-Lobbyisten schon als deutlich überhöhte Stellvertreter der „Wirtschaft“. Mit ihrer ständig den Namen wechselnden Firma, ihren unverortbaren Räumen und ihrer Fähigkeit, sich in jeden Computer zu hacken, erscheinen sie als tendenziell ungreifbar und übermächtig. Andererseits wirkt das Quartett eher kurios, fast karikaturhaft (die kühle Businessfrau, der Nerd, der Schlägertyp und der zornige Alte), geht zwar zur Not „dahin, wo’s weh tut“, bleibt dabei aber vergleichsweise zurückhaltend, geht nicht etwa bis zum Mord. Überhaupt wird das paranoide Element auf Handlungsebene selten eingelöst, eher inszenatorisch evoziert, etwa wenn ein Überwacherblick Fabian und seinen Informanten hinter Bäumen belauert – in Schwarzweiß und mit gestörter Tonspur – oder die Kamera immer wieder an spiegelnden Fensterfronten vorbeischwenkt, hinter denen sie ihre Figuren beobachtet. Das schon aus Hochhäuslers erstem Großstadtfilm Unter Dir die Stadt (2010) bekannte Wechselspiel aus Transparenz und Opazität macht aus vertrauten Plätzen Berlins unsichere Orte, an denen man im Dunkeln tappt und fremden Blicken ausgestellt ist.

Inhaltlicher Wandel, stilistische Kontinuität

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Auch sonst erscheinen einige Stilmittel aus früheren Arbeiten des Regisseurs vertraut, etwa der wie immer großartige Score von Stammkomponist Benedikt Schiefer, der, auch wenn zum Ende die Streicher schon mal warnend anheben, den Film weniger vorantreibt als interpunktiert, momentane Stimmungsbilder zusammenfasst, Inseln des Innehaltens schafft. Oder die kurzen, sprunghaften Vorausblenden irgendwo zwischen Realität und Traum. Mittel, die auch in Die Lügen der Sieger schön zu hören und zu sehen sind und Atmosphäre schaffen, aber abseits der Sujets, denen sie wie organisch zu entwachsen schienen, manchmal ein wenig orientierungslos durch den Film mäandern – vielleicht weil sie für die Konturierung der Protagonisten diesmal nicht so recht gebraucht werden.

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Nahmen Hochhäuslers frühere Filme das erratische Verhalten von ihren Lebens- und Arbeitswelten entfremdeten Individuen in den Blick, da hat Die Lügen der Sieger zwei Hauptfiguren, die in ihrem Beruf gänzlich aufgehen/verschwinden – zwischen den zwei Schwenks durch Fabians dunkles Apartment, die den Film eröffnen und beschließen, sind die privaten Räume und ihre Komplikationen fast völlig verschwunden. Der etwas müde rasende Reporter mit dem Porsche, nach eigenen Worten „nur so gut wie seine letzte Story“, spielsüchtig und zuckerkrank, und seine nur scheinbar naive, von ihm mit Chauvi-Sprüchen bedachte Volontärin, die ihm dann aber zeigt, was ’ne Harke ist – ein Paar, das sich erst kabbelt und irgendwann dann doch in der Kiste landet –, sind Stereotype durch und durch, zwar bewusst stereotyp und sich des wissenden Zuschauers bewusst („ihr wisst, dass ich weiß, dass ihr jetzt ‚stereotyp‘ denkt“), aber die Frage „What’s the point?“ bleibt trotzdem im Raum. Denn für einen Durchbruch zu richtigen Genrefiguren sind sie dann doch noch zu realitätsverhaftet, wirken aber auch nicht wie Leute, die Genrefiguren imitieren, eigentlich sind sie vor allem erschöpft, und etwas blass. Wenn Fabian jedenfalls mitten im Arbeitsgespräch in Gedankenblitzen heiße Küsse mit Nadja imaginiert oder der Smalltalk an der Currywurstbude mit freejazzigen Klängen verfremdet wird, dann fühlt sich das ein wenig so an, als ob Hochhäusler seine eigene Filmsprache wie eine Fremdsprache spricht.

Trailer zu „Die Lügen der Sieger“


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