Die große Orgie

Die Revolution und ihre nackten Kinder. 

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Seit über sechzig Jahren dreht der ungarische Regisseur Miklós Jancsó Filme, ohne einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu sein. Dabei hat er mit Arbeiten wie So kam ich (Így jöttem, 1965), Die Männer in der Todesschanze (Szegénylegények, 1966) und Sterne an den Mützen (Csillagosok, katonák, 1967) eine unverkennbare Ästhetik entwickelt. In perfekt durchchoreografierten Plansequenzen erforscht er Landschaft und Geschichte seines Heimatlandes und reflektiert die eigene Vergangenheit als Kriegsgefangener. Von der Opulenz eines Historienschinkens und klassischer Figurenpsychologie keine Spur. Vielmehr legen die Filme mit entschiedenem Formalismus Machtverhältnisse und die Sinnlosigkeit des Krieges offen.

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Einige von Jancsós Filmen sind auf dem britischen DVD-Label Second Run erschienen, im deutschsprachigen Raum sucht man dagegen noch vergebens. Zumindest bis jetzt. Der Verleih Donau Film, der sich überwiegend auf in die Jahre gekommene (S)Exploitationstreifen spezialisiert hat, bringt nun mit der italienisch-jugoslawischen Koproduktion Die große Orgie (Vizi privati, pubbliche virtù, 1976) einen weniger typischen Film des Regisseurs heraus. Es handelt sich dabei um eine eigenwillige Spekulation, wie es 1889 zur Affäre Mayerling kam. Kronprinz Rudolf, einziger Sohn von Kaiser Franz Joseph, erschoss vermutlich zunächst seine Geliebte und dann sich selbst. Bei Janscó wird Rudolf dagegen im Auftrag seines Vaters hingerichtet. Der Grund: Der alternde Franz Joseph wollte den ausschweifenden Lebensstil seines Sohnes nicht mehr tolerieren.

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Die große Orgie konzentriert sich vor allem auf die sinnlichen Freuden, denen sich der Kronprinz (Lajos Balázsovits) mit seiner Entourage hingibt. Schloss Mayerling wird zum Garten der Lüste, in dem alles möglich ist. Wenn auch weniger radikal als in früheren Filmen, bestimmen auch hier wieder lange Einstellungen die Inszenierung. Langsam tastet sich die Kamera an Landschaft und Körpern entlang, folgt dem ewig nackten Rudolf, wie er sich durchs Heu wälzt, wie ein Faun durch die Gegend springt und seine Begleiter zu sexuellen Handlungen animiert. Während sich Marschmusik, Heurigenlieder und der Donauwalzer auf der Tonspur abwechseln, werden die Bilder von lachenden Gesichtern, wippenden Brüsten und baumelnden Penissen bestimmt.

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Der Film erzählt von einem gestörten Vater-Sohn-Verhältnis, wobei der Kaiser nur in Form von Masken und Bildern Einzug in diese Welt erhält. Mit purem Hedonismus rebelliert Rudolf gegen seinen Vater. Auch später, wenn der Sohn eine Gruppe angesehener Adeliger einlädt und ihnen ein Aphrodisiakum verabreicht, um bei der anschließenden Orgie kompromittierende Fotos zu schießen, tut er das in erster Linie, um seine Familie zu ärgern.

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Selten waren sich Kunstkino und Softporno so nahe wie hier. Bei seiner Kinoauswertung in Deutschland wurde der Film aber dann zu einer hirnlosen Sex-Klamotte degradiert. Erst verschwand der Originaltitel – der sich mit „Private Laster, öffentliche Tugend“ übersetzen lässt –, dann wurden sechzehn Minuten herausgeschnitten. Ein wirkliches Verbrechen ist aber die Synchronisation, bei der nicht nur politische Anspielungen entfernt, sondern auch stille Momente mit zotigem Nonsens zugequatscht wurden. Schön, dass der Film jetzt in ungekürzter Fassung erhältlich ist. Warum aber die Untertitel direkt aus der deutschen Synchronfassung übernommen wurden, bleibt ein Geheimnis. Da wundert man sich, wenn in der italienischen Originalfassung kein Wort geredet wird und trotzdem ständig Untertitel zu sehen sind.

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Auch in seinem ursprünglichen Zustand könnte man dem Film durchaus vorwerfen, er interessiere sich mehr für sexuelle Ausschweifungen als für Plot oder historische Hintergründe. Doch in all dem steckt auch eine politische Dimension. So werden durch die freie Sexualität beispielsweise Standesunterschiede überwunden. Erst schickt Rudolf seine adelige Ehefrau zum Teufel, dann widmet er sich einer bürgerlichen Geliebten oder gar der mütterlichen Dienstmagd.

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Sex, aber auch das gepflegte Faulenzen als Verweigerung, sich an einem Krieg zu beteiligen, ist hier ein revolutionäres Mittel, ein subversiver Angriff auf die heuchlerisch puritanische Elterngeneration. Und die jungen Nackten kämpfen bis zum Schluss. Selbst wenn sich der kommende Untergang abzeichnet, wird kräftig weitergevögelt. Etwa mit einem Hermaphroditen, der schließlich noch die heteronormative Ordnung aus dem Gleichgewicht bringt.

Die große Orgie gehört vielleicht nicht zu den besten Filmen Jancsós, die Radikalität, mit der er eine gewaltfreie Revolution in Szene setzt, ist aber auch heute noch faszinierend anzusehen. Und vielleicht ebnet die Veröffentlichung hierzulande auch den Weg für weitere Filme eines bemerkenswerten Regisseurs. 

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