Die Band von Nebenan

Ein ägyptisches Polizeiorchester verläuft sich im israelischen Irgendwo. In der mehrfach preisgekrönten Tragikomödie finden verfeindete Völker wenig Worte, aber gleich zwei gemeinsame Sprachen: Musik und Liebe.

Die Band von nebenan

Acht Männer in Uniformen - das könnte ein Anblick sein, der Respekt verschafft. Schon schwieriger, wenn die Uniformen babyblau sind. Kommen ihre Träger zudem aus Ägypten und streifen durch eine farblose israelische Einöde, Instrumentenkoffer und Trolley hinter sich her ziehend, dann begegnet den exotisch auftretenden Besuchern zunächst mehr Hohn und Spott.

Eigentlich soll die Polizeikapelle in Pastell zur Eröffnung eines arabischen Kulturzentrums spielen. Doch nach einer Weile des ratlosen Umherirrens klärt die Inhaberin eines Bistros (Ronit Elkabetz) den Orchesterleiter (Sasson Gabai) auf, dass es so etwas hier gar nicht gäbe. Schließlich gäbe es ja auch keine Kultur. Weder israelische noch arabische, demnach auch kein Zentrum. Ein Bus fährt an diesem Tag sowieso nicht mehr, also lernen die gestrandeten Musiker israelische Gastfreundschaft kennen, und besonders die offenherzige Bistrochefin Dina und der zugeknöpfte Bandleader Tewfiq kommen sich unerwartet näher.

„Mein Leben ist ein arabischer Film“, resümiert Dina im Gespräch mit Tewfiq ihre Fehltritte in der Liebe. Wie seine weibliche Hauptfigur ist auch der 1973 in Tel Aviv geborene Autor und Regisseur Eran Kolirin mit den Herzschmerz-Tragödien aus dem Land aufgewachsen, mit dem Israel seit seiner Gründung mehrere Kriege führte und bis heute einen „kalten Frieden“ pflegt. Ironischerweise konnte in den achtziger Jahren, zur Zeit von Kolirins Kindheit, ausschließlich ein ägyptischer Sender empfangen werden, sodass in vielen israelischen Familien Freitagnachmittags vor dem Fernseher mit einem liebesgeplagten Omar Sharif mitgelitten wurde.

Die Band von nebenan

Das Kinodebüt des Regisseurs liefert allerdings eher den Gegenpart zu den bunten und überfrachteten Melodramen aus Ägyptens Vergangenheit: Diesige Beleuchtung, spärlich eingerichtete Wohnungen und verlassene Straßen bestimmen die Bildsprache von Die Band von Nebenan (Bikur hatizmoret). Setting und Ausstattung sind ebenso auf das Nötigste reduziert wie die Dialoge und die Gesichtszüge der Akteure. Lediglich die Hälfte der Band macht überhaupt den Mund auf. Der Rest des Ensembles beschränkt sich darauf, Töne mittels seiner Instrumente von sich zu geben oder regungslos in die Kamera zu blicken, wie man es von den wortkargen Aki-Kaurismäki-Protagonisten kennt, die hierfür mit ihrer Minimalmimik vermutlich Pate gestanden haben.

Wie die Werke des Finnen von einem lakonischen Humor durchzogen sind, so ist es auch Kolirins Tragikomödie. Zusammen mit der grau-braunen Tristesse der Schauplätze und einer melancholischen Grundstimmung bildet der staubtrockene Witz einen Ausgleich zu dem überwiegend harmonischen Tonfall der Handlung und bewahrt Die Band von Nebenan in einigen Szenen davor, ins Sentimentale, Putzige oder allzu Gefällige abzurutschen. Inhaltlich ist Kolirins Erstling ein harmloser und versöhnlicher Beitrag zur Völkerverständigung, in dem die jahrzehntelangen politischen Konflikte zwischen Israel und Ägypten mit beiläufigen kleinen Gesten ausgeklammert werden: Ein Bild des Sechstagekrieges in Dinas Café wird kurzerhand mit einer Mütze abgedeckt, damit man ohne den Anblick eines Panzers ungestört essen kann.

Kolirins Figuren finden wie eine Reihe von Kaurismäki-Charakteren aufgrund ihrer Einsam- oder Orientierungslosigkeit eine gemeinsame Ebene der Kommunikation - zumindest für vierundzwanzig Stunden -, an einem Ort, der trotz seiner wirtschaftlichen und kulturellen Trostlosigkeit eine zwischenmenschliche Utopie darstellen soll. Hoffnung blitzt da auf, wo man sie am wenigsten erwartet: Ein Mann, der jeden Abend vor einer Telefonzelle auf den Anruf seiner Freundin wartet, von dem man vermutet, dass er nie kommen wird, erhält ihn schließlich tatsächlich.

Die Band von nebenan

Momente der Annäherung gelingen manchmal gerade durch das verbale Nichtverstehen des Anderen. Wenn eine männliche israelische Jungfrau so fasziniert von der Schilderung des Liebesaktes durch einen ägyptischen Casanova ist, dass er sich dazu überwindet, eine bislang für ihn unattraktive Depressive anzuflirten, dann tut er dies wohl nur, weil die Beschreibung von Sex in einer fremden Sprache um einiges geheimnisvoller und anregender klingt als in der eigenen. Das anschließende Balzritual zu dritt, mit dem Casanova als erfahrenen Vorturner, ist dann Eran Kolirins Hommage an die stumme Komik eines Charlie Chaplin oder Jacques Tati, die Helden seiner Kindheit und Jugend.

Der Autor und Regisseur hat sich mit Die Band von Nebenan nicht zu viel vorgenommen. Mit der bewussten Begrenzt- und Bescheidenheit seines Debütfilms entwirft er eine wirkungsvolle kleine Geschichte von großer Menschlichkeit und entführt den Zuschauer für knappe eineinhalb Stunden in eine erstrebenswerte Wunschwelt. Nach dem Abspann erscheint diese leider etwas zu schön, um außerhalb des Kinosaals wahr zu sein. Die babyblaue Band ist eben kein Dauergast.

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Kommentare


Martin Z.

Die Handlung des Films passt zur Landschaft, in der er spielt: flach, eintönig, trist und langweilig. Selbst wenn man die Brisanz der Situation im Hinterkopf hat, kann man den stilisierten Bildern nichts abgewinnen: eine ägyptische Polizeikapelle von acht Mann soll einen Gastauftritt in Israel haben und muss gezwungenermaßen einen Stop im Nirgendwo machen. Es passiert aber nichts. Man ahnt vielleicht, was eventuell passieren könnte. Die lebenslustige, einheimische Dina (Ronit Elkabetz) bietet sich zweifellos an, aber es ist vielleicht für die Völkerverständigung noch zu früh. Wir genießen die stillen, langen Pausen, hören wie die Zeit vorbeitröpfelt und unseren Erwartungen ergeht es ebenso wie Dina: sie werden enttäuscht abgewiesen. Manche mit seherischen Fähigkeiten ausgestattete Kritiker meinten eine zarte Annäherung zwischen den verfeindeten Kulturen zu erkennen, ebenso wie sie auch den lakonischen Humor entdeckten. Mir ist trotz zweifachen Anschauens keins von beiden aufgefallen. K.V.

Als Philipp II. von Makedonien mit seinem Heer herannahte, sandte er der Legende nach folgende Drohung an die lakonische Hauptstadt Sparta :„Wenn ich euch besiegt habe, werden eure Häuser brennen, eure Städte in Flammen stehen und eure Frauen zu Witwen werden“. Darauf antworteten die Spartaner:„Wenn.“






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