Der Umleger

Exploitation mit Lokalkolorit: Der Umleger (The Town that Dreaded Sundown, 1976) widmet sich einer Mordserie in der Südstaatenprovinz aus dem Jahr 1946. Der frühe True-Crime-Film beatmete mit damals noch neuen Ideen das bald darauf reüssierende Slasher-Kino – und erscheint nun erstmals auf Blu-ray.

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Im Frühling des Jahres 1946 wurde die auf der Grenze zwischen Arkansas und Texas gelegene Stadt Texarkana über einen Zeitraum von zehn Wochen von einem Serienmörder terrorisiert, der als „Phantom Killer“ in die Kriminalgeschichte einging. Acht Menschen, jeweils vier Pärchen, wurden von ihm attackiert, fünf davon starben. Die Einwohner verbarrikadierten sich als Reaktion auf die Morde nach Einbruch der Dunkelheit in ihren Häusern oder gingen nur noch bewaffnet auf die Straßen, die von einem massiven Polizeiaufgebot patrouilliert wurden. Trotz dieser Bemühungen konnte der Mörder nie gefasst werden: Noch heute wird über seine Identität spekuliert.

Der Fall der „Texarkana Moonlight Murders“

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Der Umleger – im Original etwas weniger prosaisch The Town that Dreaded Sundown betitelt – nennt sich eine Verfilmung des Falles aus dem Jahr 1976. Das vom Exploitation-Regisseur Charles B. Pierce inszenierte Werk war in mehrerer Hinsicht einflussreich: Zum einen hat er den realen Fall, begünstigt durch das Ableben der meisten an seiner Aufklärung Beteiligten, im öffentlichen Gedächtnis weitgehend überlagert. Zum anderen handelt es sich um einen damals noch eher raren Beitrag zum heute extrem populären Serienkiller- und True-Crime-Film, der überdies einigen Einfluss auf das Ende der 1970er Jahre entstandene Slasher-Subgenre hatte. Der Killer erinnert nicht nur wegen des Kopfkissenbezugs, den er als Maske trägt, an Jason Voorhees in Freitag der 13. – Jason kehrt zurück (Friday the 13th Part 2, 1981): Grobe Arbeitsschuhe und -kleidung, das wortlose Keuchen, der Stoizismus, mit dem er durchs Unterholz walzt, das schwere Atmen unter der Maske, all das wurde in der wahrscheinlich berühmtesten Slasher-Filmserie begeistert aufgegriffen. Hinzu kommen nervenzerrende Sequenzen wie jene um sein letztes Opfer, das sich schwer verletzt in ein Maisfeld schleppt, den unaufhaltsamen Mörder dicht auf den Fersen, oder das „creative killing“, bei dem eine Posaune zum Einsatz kommt. In diesen Momenten gibt Pierce den nüchternen, Reportage-artigen Tonfall auf, für den etwa der sich für die Authentizität des Gezeigten verbürgende Voice-over-Kommentator steht, und zielt stattdessen auf makabren Thrill und Nervenkitzel. Auch der im Kontext befremdlich wirkende Comic Relief passt nicht ganz zur sonst vom True-Crime-Film bemühten Sachlichkeit, spricht eher für das Vorhaben des Regisseurs, seinem Publikum ein zünftiges Entertainment-Paket zu schnüren. Dass Pierce höchstselbst die Rolle des trotteligen Hilfssheriffs übernahm, mag man als zusätzlichen Beleg werten.

Exploitation abseits von Hollywood

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Die zeitgenössische Kritik beanstandete genau das: Hier war ihrer Meinung nach ein Zyniker am Werk, der die immer noch lebendige Erinnerung an eine furchteinflößende Mordserie für einen voyeuristischen und sensationsgeilen Schocker missbrauchte. Wahrscheinlich lag sie sogar richtig damit, dem Regisseur zweifelhafte Absichten zu unterstellen. Charles B. Pierce, der seine Filmkarriere als Set Decorator begonnen hatte (u.a. für Roger Vadims Eine nach der anderen (Pretty Maids All in a Row, 1971), später dann auch für Jack Hills Blaxploitation-Klassiker Coffy – Die Raubkatze (Coffy, 1973), John Milius’ Jagd auf Dillinger (Dillinger, 1973) oder Clint Eastwoods Der Texaner (The Outlaw Josey Wales, 1976)), hatte sich 1972 einen Namen mit The Legend of Boggy Creek gemacht, der auf einer berühmten Bigfoot-Sichtung aus dem Jahr 1971 basierte. Es war einer jener Stoffe, mit denen man in dieser Zeit noch reich werden konnte: Pierce lieh sich lächerliche 100.000 Dollar von einem lokalen Speditionsunternehmen, erstand eine alte 35mm-Kamera, lud Freunde und Nachbarn zu den Dreharbeiten in die ausladenden Wälder von Arkansas ein und füllte die dramaturgischen Lücken mit „Experten“-Interviews. Die Begeisterung für das Thema, das damals die Boulevard-Medien beschäftigte, lockte die Menschen in Scharen in die Bahnhofs- und Autokinos, und das Billigfilmchen The Legend of Boggy Creek erwirtschaftete einen Profit von satten 20 Millionen Dollar. Diesen Sensationserfolg konnte Pierce mit Der Umleger zwar nicht wiederholen, aber auch dieser Film vervielfachte an der Kasse sein bescheidenes Budget. Er steht heute vor allem repräsentativ für eine ausgestorbene Tradition des US-Exploitationfilms: In den 1970er Jahren erschien eine ganze Reihe von kleinen, in der Provinz angesiedelten und auch dort gedrehten Filmen wie Phil Karlsons Der Große aus dem Dunkeln (Walking Tall, 1973) oder Ein Mann nimmt Rache (Framed, 1975), Richard Comptons Macon County Line (1974) oder Michael Millers Gefangen in Jackson County (Jackson County Jail,1976). Diese Filme – oft realen Ereignissen nachempfunden – zeigten ein Leben abseits der amerikanischen Metropolen und lieferten auch eine Alternative zu den geschliffenen Blockbustern der Studioindustrie. Was Kritiker damals an Der Umleger zum Teil bemängelten, darf man also durchaus auch als genuine Stärke betrachten.

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Dass Szenen wie der schon erwähnte Posaunenmord bei der Vorführung in Texarkana ihre Wirkung nicht verfehlten, ist längst nicht nur auf die traumatische Vergangenheit des Ortes zurückzuführen. Pierce macht vieles richtig, und gerade das als geschmacklos bewertete Abweichen von der Thriller-Konvention trägt dazu bei, dass Der Umleger im Gedächtnis bleibt. Die Arbeit von Hauptdarsteller Ben Johnson, seines Zeichens ein Hollywood-Veteran, der unter anderem mit dem großen John Ford zusammengearbeitet hatte, verleiht dem Film genau jenes Maß an Seriosität, das Pierce benötigt, um mit einigen seiner kruderen Einfälle durchzukommen. Das größte dramaturgische Problem, das er zu bewältigen hatte, ist sicherlich das Fehlen eines echten Endes – der Killer verschwand einfach. Aber diese Offenheit, die mit einem selbstreflexiven Twist am Ende auch vor der Realität des Zuschauers nicht haltmacht – der Killer taucht in der Schlange vor dem Kino auf, das Der Umleger vorführt, was wiederum Wes Cravens Scream 2 (1997) vorwegnimmt –, ist auch eine ausgesprochene Stärke des Films. Charles B. Pierce ist durch das Zusammenwirken verschiedener unbeeinflussbarer Faktoren ein Werk gelungen, in dem sich mehrere genrefilmische Traditionslinien überkreuzen. Und auf der nun erschienenen Blu-ray kann man es sich in ungeahnter Pracht anschauen.

Trailer zu „Der Umleger“


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