Der Kaufmann von Venedig

Die erste Verfilmung des Dramas seit langer Zeit stellt Shylock in den Kontext der Gesellschaft und macht ihn zu einer starken, tragischen Figur.

Der Kaufmann von Venedig

Es schien im Kino ein wenig still geworden zu sein um William Shakespeare: Nachdem man in den neunziger Jahren und noch bis 2001 den Eindruck haben konnte, dass eine Neuverfilmung seiner Dramen die andere jagte, gab es in den letzten Jahren nur verhältnismäßig wenige zu sehen. Selbst Kenneth Branagh, der es sich in seinen zahlreichen Shakespeare-Adaptionen von Henry V (1989) bis Verlorene Liebesmüh´ (Love´s Labour´s Lost, 2000) meist nicht nehmen ließ, neben der Regie auch noch eine Hauptrolle zu füllen, schien sich – zur großen Freude seiner zahlreichen Verächter – anderen Themen zugewandt zu haben.

Das Warten hat nun ein Ende: Nicht nur hat Branagh für 2006 seine Version von Wie es Euch gefällt (As You Like It) angekündigt, jetzt kommt zudem, mit formidablem Timing nahe an Shakespeares (vermutlichem) Todestag am 23. April, eine Verfilmung des Kaufmann von Venedig (The Merchant of Venice) mit hochkarätiger Besetzung ins Kino.

Die Handlung spielt im Venedig des 16. Jahrhunderts. Bei besagtem Kaufmann handelt es sich um den durchaus ehrenwerten Antonio (Jeremy Irons), der seinem jungen Schützling Bassanio (Joseph Fiennes) Geld leihen möchte, damit dieser um die Hand der natürlich schönen Portia (Lynn Collins) anhalten kann. Da Antonios Vermögen jedoch zurzeit in Waren angelegt auf See unterwegs ist, leiht er sich dreitausend Dukaten von dem Juden Shylock (Al Pacino). Als Antonios Schiffe allesamt nicht zurückkehren und er seine Schuld nicht vertragsgemäß begleichen kann, drängt Shylock darauf, statt des Geldes das ihm dafür versprochene Pfand zu erhalten: ein Pfund von Antonios eigenem Fleisch.

Der Kaufmann von Venedig

Regisseur Michael Radford, der bislang vor allem durch seinen hochgelobten Der Postmann (Il Postino, 1994) aufgefallen war, ist mit der Verfilmung dieses Dramas – dem ersten Kaufmann von Venedig, der seit Jahrzehnten die Kinos erreicht – ein gewisses Risiko eingegangen. Nicht nur handelt es sich um ein relativ komplexes Theaterstück, das sich nur bedingt in eine Filmhandlung fügen mag, dem Kaufmann werden zudem durchaus problematische antisemitische Stereotype nachgesagt, eine Argumentation, die sich vor allem darauf stützt, dass die Figur des Shylock wenig dazu geeignet ist, Sympathien zu erwecken.

Radford, der das Stück selbst adaptiert hat, reduziert es auf die wesentlichen Handlungsstränge, ohne ihm dabei untreu zu werden; die Handlung spielt an wenigen Orten, meist in geschlossenen Räumen, womit der Film die Atmosphäre eines Theaterstücks weitgehend erhält. Insbesondere ist dem Film, sieht man von einigen Landschaftsbildern ab, alles Romantisierende fremd, das etwa in Branaghs Verfilmungen zuweilen anzutreffen ist. Dazu tragen natürlich auch die hervorragenden Schauspieler bei, die nie im Entferntesten den Eindruck erwecken, in Kostümen zu stecken, sondern ihre Rollen vollkommen ausfüllen. Einzige Ausnahme ist der eher gestelzt agierende Joseph Fiennes, der hier schon wieder in der Rolle eines jugendlichen Liebhabers zu Shakespeares Zeiten zu sehen ist.

Radford geht sehr offensiv mit der Frage des Antisemitismus um. Die ersten Einstellungen des Films – diese Szenen enthalten keinen Dialogtext und kommen in Shakespeares Stück nicht vor – zeigen bereits deutlich, wie sehr Shylock und seine Glaubensgenossen von den anderen Venezianern diskriminiert und verachtet werden – Antonio spuckt ihn sogar an, eine Handlung, auf die Shakespeares Text später Bezug nimmt. Von Anfang an wird so Sympathie für Shylock und Verständnis für seine Rachsucht geweckt; die Vielschichtigkeit dieser Figur, die zwischen Habgier und Verzweiflung schillert, kommt vor allem durch Al Pacinos Leistung zum Vorschein, der seinen Shylock als äußerst komplexe Persönlichkeit darzustellen vermag.

Der Kaufmann von Venedig

Das Gerichtsverfahren, in dem Shylock schließlich verurteilt und als dessen Folge er zwangsweise getauft wird, bekommt so einen fragwürdigen Charakter. Zwar wird deutlich, dass der Geldverleiher nicht bereit ist, sich vom Mord an Antonio abbringen zu lassen, und alle Angebote zu einer friedlichen Einigung ablehnt; doch ist das gegen ihn gesprochene Urteil schließlich nicht weniger rücksichtslos, setzt es doch die im Film bereits überdeutlich gezeigte Judenfeindlichkeit mit der uns heute absurd erscheinenden Zwangstaufe bis in die letzte Konsequenz fort. Damit bleibt letztlich keine der Figuren als moralisch integer zurück, weder Shylock noch seine Widersacher.

Indem Radford die Figuren dem Licht heutiger Normen aussetzt, gelingt es ihm, die in Shakespeares Text verborgen liegenden Kontexte herauszuarbeiten, die eine schwächere Inszenierung nicht gezeigt hätte. Pacinos Shylock, der darauf besteht, Mensch zu sein wie alle anderen und gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft, ist ein Kind seiner Zeit, und in seiner Verzweiflung nicht besser oder schlechter als diese: „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?“

Kommentare


robert

Eine glatte 0 hat dieser Film verdient, weil er so unglaublich daneben greift. Shakespeares Stück ist antisemitisch. Das ist das eine und man mag es in SEINER Zeit betrachten und den Vorwurf relativieren. Das Ganze aber 1:1 zu übernehmen, einen Film mit all seinen tiefen, psychologischen Mitteln daraus zu machen und ihn in UNSERER Zeit (im Kino um den 60sten Jahrestag der Befreiung von den Nazis) zu zeigen - da muß man schon unglaublich unsensibel sein. Ich kann mir nur eine Erklärung, ein Motiv spekulieren, warum sich soviele große Namen zu so einem Projekt versammelt haben: blinde Eitelkeit. Shakespeare spielen. Das ist es also? Sind die Figuren, die man da sieht nicht unglaublich platt!? Wo ist die psychologische Tiefe, um derentwillen man solch ein antisemitisches Eisen anpackt!? Ich seh es jedenfalls weit und breit nicht. Mich ärgert die Dummheit der Menschen.


Philipp

Also, ich muss sagen, ich wurde von dieser Fassung positiv überrascht. Ich finde sie gelungen.






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