Das Blaue vom Himmel

Regisseur Hans Steinbichler bezeichnet dieses tränenreiche Melodram als Frauenfilm – ein Film für Frauen über Frauen. Männer dürfen aber auch reingehen.

Das Blaue vom Himmel 03

Lettland in den 1930er Jahren. Der Gesang eines baltischen Chors ist zu hören. Lachend läuft ein junges Mädchen (Karoline Herfurth) in einem blütenweißen Spitzenkleid durch den Wald, verfolgt von einem jungen Mann (Niklas Kohrt) in ebenso weißer Kleidung. Die Sonne scheint, am Strand hat der junge Mann, genannt Juris, das Mädchen Marga eingeholt, er küsst sie und zeigt ihr einen Bernstein mit einer darin eingeschlossenen Fliege. Eine Szene voller Unschuld und Unbeschwertheit, aber die Musik hat sich schon geändert und verrät, dass das Glück des Paares nicht lange halten wird.

1991 in Deutschland: Marga sitzt singend in einem Taxi. Ohne zu bezahlen, hüpft sie aus dem Auto und ruft im düsteren Hauseingang nach Juris. Keine Antwort. In der Küche schüttet sie Kaffeepulver in eine Pfanne mit Ravioli, die sie dem verdutzten Taxifahrer anbietet. Auf der Suche nach Juris öffnet sie die Tür zum Schlafzimmer, und dann sieht man etwas, was im zeitgenössischen deutschen Kino selten ist: ein Bild, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart, Innen und Außen treffen. Der 20-jährige Juris schließt die 70-jährige Marga in seine Arme. Als der Taxifahrer nach ihr ruft, verriegelt Marga die Tür von innen. Wie die Fliege im Bernstein, ist Marga in der Erinnerung an ihre große Liebe Juris gefangen.

Im Mittelpunkt von Das Blaue vom Himmel steht eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung. Sofia arbeitet gerade an einer Dokumentation über die Geschichte des Baltikums und die Unabhängigkeitsbewegung in Lettland, als sie erfährt, dass ihre an Alzheimer erkrankte Mutter Marga, der sie nie besonders nahe stand, in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Nur widerwillig macht Sofia sich auf den Weg nach Wuppertal, und schnell wird ihr klar, dass Marga, was die Vergangenheit betrifft, das Blaue vom Himmel herunter gelogen hat. Schließlich reist Sofia mit Marga nach Lettland, um ein familiäres Geheimnis zu lüften.

Das Blaue vom Himmel 02

Bereits in seinem preisgekrönten Spielfilmdebüt Hierankl (2003) erzählte Hans Steinbichler eine Mutter-Tochter-Geschichte, bei der die Tochter nach ihrer Rückkehr in die Heimat ein Familiengeheimnis aufdeckt. Der Regisseur hat ein Faible für Geschichten, in denen Historie und Heimat zu Projektionsflächen privater Schicksale werden. Als Vorbild für diese Art von „Heimatfilm“ bezeichnet er Pedro Almodóvar, den spanischen Meister des Melodramas. Auch Steinbichler inszeniert Das Blaue vom Himmel höchst melodramatisch, leider jedoch ohne den tragikomischen, grotesken Humor Almodóvars.

Mit gefühlvoller Streicher- und Klaviermusik und äußerst tränenreich wird in Rückblenden Margas große, unglückliche Liebesgeschichte rekonstruiert, die nicht nur die Kriegswirren im Baltikum, sondern auch Juris Untreue überstehen wird. Aber je aufdringlicher die Kamera in Close-ups an die Gesichter der Frauen heranrückt, je insistierender die emotionale Verstärkung durch die Musik, desto mehr geht man innerlich auf Distanz zu diesem Drama. Mitreißender ist der Film, wo er den Schauspielerinnen in langen, totalen Einstellungen Zeit und Raum für körperlichen Ausdruck lässt. Dabei überzeugt vor allem Karoline Herfurth, die als jugendliche Marga ihre Verzweiflung und Sehnsucht einfach herausschreien darf. Hannelore Elsner in der Rolle der Kranken, die immer mehr in ihre eigene Welt driftet – mal kindlich impulsiv, mal aggressiv – wirkt zu manieriert, um echtes Mitgefühl zu erregen.

Das Blaue vom Himmel 01

Der Versuch, die Schwere des Films durch vermeintlich amüsante Szenen aufzubrechen, in denen die verwirrte Marga seltsam unpassende Lebensweisheiten zum Besten gibt wie „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“, gerät wenig komisch.  Etwas angestrengt und plakativ wirkt auch die Suche nach Bildern, die innere Befindlichkeiten spiegeln sollen. Eine verlassene Telefonzelle im nächtlichen Regen, ein Heißluftballon, mit dem Marga und Juris an ihrem Hochzeitstag in den Himmel aufsteigen, ein Tanz auf dem Eis, bei dem Mutter und Tochter sich die Hände reichen. Der Kamerafrau gelingt es immerhin, durch helle Bilder des sommerlichen Lettlands und das Flattern eines Kleides im Sommerwind die jugendliche Leichtigkeit Margas mit der Dunkelheit geistiger Umnachtung zu kontrastieren.

Die Intensität und Magie der Schlafzimmerszene erreicht der Film nicht mehr, weil er weniger daran interessiert ist, eine Vorstellung von Margas innerer Welt zu vermitteln, als die Ereignisse von außen nachzuerzählen. Und so muss man oder besser frau in diesem Melodrama ab und zu seufzen, kann aber weder richtig lachen noch richtig weinen.

Trailer zu „Das Blaue vom Himmel“


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Kommentare


123

Die Kritiken sind ja ziemlich negativ...
Ich fand den Film schon toll gemacht!


Michael

Also ich kann mich der oben beschrieben Kritik von Alexandra Horn voll und ganz anschließen. Hannelore Elsner wirkt mir auch zu statisch und kann in ihrer Rolle nicht glaubhaft eine an Alzheimer erkrankte Frau darstellen. Aber das gab ihr das Drehbuch wohl so vor.


charly

Der Film hat mich gedanklich beschäftigt, auch emotional bewegt. Ich habe mit mehreren Menschen interessante, weiterführende Gespräche darüber geführt. Zweimal habe ich ihn angeschaut. Ich kann die negative Kritik nicht recht nachvollziehen.


Renate

Der Film hat mich berührt.Die Landschaft der lettischen Ostseeküste, Jurmala, das Riga während der sowjetischen Besatzungszeit bieten eine beeindruckende Filmkulisse frür dieses Familiendrama. Hannelore Elsner bringt auch in diese Rolle die ihr eigene Kapriziosität ein. Sehr überzeugend finde ich Juliane Köhler und Matthias Brandt.






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