Cyrus

Mumblecore trifft Hollywood im dritten Werk der Brüder Duplass. Der unambitionierte Charakter des Films ist auf den ersten Blick so erfrischend wie in letzter Hinsicht enttäuschend.

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„Du sollst nicht zoomen“, heißt eines der Gebote des konventionellen Kinos. Wenn dieses Gebot schon in der ersten Einstellung eines Films gebrochen wird, dann halten sich die Filmemacher entweder für erfahren genug, um auf Regeln verzichten zu können, oder für eine Avantgarde, die sich um derlei Konventionen nicht schert. Die Brüder Mark und Jay Duplass aus dem Kreis der Mumblecore-Regisseure gehören tendenziell zur letzteren Art, doch versteht sich dieses „Projekt“ wohl nicht als Avantgarde-Bewegung, vielleicht noch nicht einmal als echte Bewegung. Die mit dem Mumblecore-Label Versehenen zeichnen sich allerdings durch einen gemeinsamen Ansatz aus, der dem amerikanischen Independent-Kino in den letzten Jahren wieder zu mehr Realismus verhelfen sollte: Mumblecore stand dabei vor allem für niedrigste Produktionskosten, einen Handkamera-Videolook und improvisierte Dialoge zwischen Mittdreißigern, die mit ihrem Leben nicht so richtig etwas anzufangen wissen.

Die ersten Filme der Duplasses, The Puffy Chair (2005) und Baghead (2008), entwickelten sich zu Kulthits innerhalb einer Independent-Filmgemeinde, die wohl vor allem aus genau solchen Mittdreißigern besteht, und vielleicht ist Jas Sheltons Zoom-Kameraführung ein Zugeständnis an diese Gemeinde – ein stoisches Festhalten am Wiedererkennbaren, wo die Duplass-Brüder mit Cyrus doch eigentlich ihren Wurzeln entwachsen sind. Denn zum einen werden die Hauptrollen hier von Darsteller-Größen wie John C. Reilly und Marisa Tomei übernommen, zum anderen ist der Film von Ridley und Tony Scott mitproduziert.

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Der unnötige deutsche Untertitel Meine Freundin, ihr Sohn und ich erzählt fast schon den ganzen Plot: Reilly spielt den heruntergekommenen John, der nach seiner Scheidung zu einem ziemlichen Greenberg geworden ist und auch Jahre später nicht so richtig zurecht kommt mit dem Leben. Seine Exfrau Jamie (Catherine Keener) steht kurz vor ihrer zweiten Hochzeit und ermuntert John, sich ins Partyleben zu stürzen und jemand Neuen kennenzulernen. Dies gelingt auch sofort: Molly (Tomei) ist eine Traumfrau, witzig, liebenswert und mit großer Zuneigung für den Nicht-Ganz-Traummann John. Vor allem aber lebt Molly mit ihrem 21-jährigen Sohn Cyrus (Jonah Hill) zusammen, und John ahnt, dass er mit seiner neuen Liaison eine andere, engere Beziehung stört. Als er schließlich seine seit dem ersten gemeinsamen Abend vermissten Sportschuhe in Cyrus’ Schrank findet, glaubt er, dass er am Anfang eines harten Kampfes steht.

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Auf den ersten Blick ist Cyrus tatsächlich eine frisch-freche Komödie mit Understatement, die sich vor allem deshalb von den Genre-Vertretern der letzten Zeit absetzt, weil sie konsequent die Erwartungen unterläuft. Zwar bedienen sich die Duplass-Brüder auch klamaukiger Sitcom-Elemente, doch verweigern sie sich der üblichen Rekordjagd in Sachen Gagfrequenz und gewinnen ihren Witz nicht aus der Konstruktion, sondern aus dem Moment. Dies wiederum hat viel mit den Imperativen der Mumblecore-Filme zu tun, denn natürlich sind Reilly und Tomei zwei Schauspieler, die die Kunst der Improvisation beherrschen. Auch Jonah Hill lässt das in seiner Figur angelegte Overacting-Potenzial ungenutzt und changiert gekonnt zwischen Ödipuskomplex und Psychopathie. Kurz: Cyrus macht Spaß, weil der Plot weder überkonstruiert noch langweilig ist, die filmischen Mittel auf ihren Kern reduziert sind – und damit die Bühne frei ist für drei großartige Darsteller.

Und trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack. Schließlich ist der Film nicht irgendein Produkt der Kinoindustrie, sondern ein Werk von jungen, ambitionierten Filmemachern, die bislang bewusst „ihr eigenes Ding“ gedreht haben. Was wollen die Duplass-Brüder mit Cyrus also? Oder besser: Warum stellen sie bewusst zur Schau, dass sie überhaupt nichts wollen? Der gelungenen Reduktion der Mittel steht ein inhaltlich sehr reduzierter Gehalt gegenüber. Zwar kann selbst dies in einem Low-Budget-Zusammenhang als originell durchgehen, als Protest gegen die Sucht nach verrückten Plots im Hollywood- und Sundance-Mainstream, vielleicht gar als Plädoyer für einen neuen Realismus. In Verbindung mit einem Hollywood-finanzierten Film aber mutet der Mangel an Ambition doch etwas merkwürdig an.

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Zumal gerade die für Mumblecore typischen Elemente eher die Schwächen des Films verschleiern, als seine Stärken zu unterstützen. Die improvisierten Dialoge gut aufgelegter Darsteller suggerieren Realismus, täuschen aber über die klischeebelasteten Figurenzeichnungen ebensowenig hinweg wie die unkonventionelle Handkameraführung über die konventionelle Dramaturgie. Cyrus ist somit inhaltlich erstaunlich nah an den Filmen, die er über die Wahl seiner Mittel auf Abstand hält – und erstaunlich fern von den wirklich spannenden Entwicklungen im amerikanischen Independent-Bereich.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Zoom, der selbst die angenehme Reduktion der Mittel zugunsten eines relativ platten Effekts unterläuft. Passte diese Praxis noch zum Video-Look der früheren, billigen Duplass-Produktionen, beweist der tatsächlich nach Kinofilm aussehende Cyrus einmal mehr, dass das Zoom-Gebot kein Relikt eines überholten Kodex ist, sondern, wenn schon nicht streng befolgt, so zumindest ernstgenommen werden sollte. In einem Film, dessen Stärke im Spiel der Darsteller liegt, lenkt der Zoom jedenfalls mehr ab, als dass er den Geist des Mumblecore beschwören könnte. Dieser ist mit Cyrus ohnehin in Hollywood angekommen – da nützt weder der Verweis auf seine Wurzeln noch das Spiel mit dem Zoom-Knopf.

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