Blackhat

Atlas gegen den Cyberterrorismus: Michael Mann zeigt uns eine Welt, die nicht mehr getragen wird, sondern zusammengesammelt werden muss.

Blackhat 10

Die Kamera ist ein blauäugiges Instrument; wie ein Hamster im Käfig schnüffelt sie an den Dingen in ihrer Umgebung, sie gleitet an Bildschirmen entlang, verfolgt die unzähligen Bewegungen und Prozesse, die auf ihnen stattfinden, sie tastet einzelne Elemente ab, etwas skeptisch, dann mit mehr Zuversicht. Mit einem Mal wird sie eingesogen; eine Ziffer, ein Faktor aus tausend anderen war eine Falle. Die Falle schnappt zu, die Kamera wird hineingezwungen in die virtuellen Kanäle hinter der unschuldigen Oberfläche, wird zum Instrument des Bösen: Wie eine Lenkbombe stürmt sie durch eine abstrakte Welt aus unzähligen Plateaus, Schichten und Pfaden. Neben ihr glimmt es auf, ein Lämpchen leuchtet, irgendein Zugang wurde freigeschaltet; plötzlich rasen Lichter auf sie zu – es blitzt und funkt über die grauen Klötze hinweg, über die kleinsten Einheiten, aus denen diese Virtualität gebaut ist – wie Ratten in der Kanalisation. Überhaupt ist die Kanalisation womöglich das treffendste Bild, das diese Welt begreifen lässt: ein Abwassersystem der ganzen Welt. Terroristen haben sich an diesen Orten immer schon am besten ausgekannt, und natürlich auch ihr Pendant, die Agenten. In China kocht das Kühlwasser eines Atomreaktors hoch, die Kontrolle fällt aus, die Betondecke stürzt ein. Die Kamera ist schuld, ihr parasitäres Toben in der Untergrundwelt, ihre tödliche Mission, die sie anleitet und durch die Kanäle dirigiert.

Der Terrorist und die neue Kanalisation

Blackhat 05

Klar ist: Ein System zu hacken bedeutet nicht, an Informationen zu gelangen, es bedeutet, in der Lage zu sein, die Welt zu sprengen. Mit dieser abstrakten, untergründigen Welt, die sich nicht sehen und nicht anfassen lässt, die sich als materielle nur imaginieren lässt, verschwimmen auch die Konturen dieses neuen Typus des Terroristen, seine Motivationen und Ziele, die Kohärenz des Bösen. Seine neue Bedrohung besteht in der Möglichkeit, jeden Winkel der Erde zu terrorisieren, ausgehend von der Tastatur, ohne Mühen und Ressourcen und jederzeit: Schickt man die Ratten los, ist nichts mehr sicher. Genau darum geht es Michael Mann in Blackhat; darum, die ganze materielle Welt im Kern zu erschüttern, und zwar ausgehend von dem, was sie heute im Innersten zusammenhält: die Kanalisation, das Internet. Gezeigt wird eine Welt, in der die Verbindungen, die die Dinge, Körper und die Räume zueinander eingehen, zerbröckeln; alles zersetzt sich in Einzelteile, alles wird freischwebend, alles löst sich aus dem Zusammenhang, selbst noch aus dem der Zeit.

Dagegenstemmen mit einem Stiernacken

Blackhat 01

Angesichts dieser globalen Bedrohungslage setzt die US-amerikanische Regierung sogar einen ihrer bedrohlichsten Gefängnisinsassen auf freien Fuß: Nicholas Hathaway (Chris Hemsworth), der wegen Cyberattacken zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Er soll, gemeinsam mit einem chinesischen Kollegen und dessen Schwester und unter Beaufsichtigung der Regierung, die Täter erspähen, zuerst am Bildschirm und später dann auch schwerbewaffnet zwischen Frachtcontainern in Hongkong. Hathaway ist kein Nerd. Im Gegenteil, er ist eine brutale Kampfmaschine mit einem rigorosen, gleichbleibend emotionslosen Ausdruck und unwirklich tiefer Stimme: Einen Mann dieser Klasse braucht es im Kampf auf beiden Ebenen, auf der Jagd, die durch die Welten führt. Es braucht genau diesen Typus, der es auch physisch erträgt, dass die Welt der Dinge ihre Konsistenz verliert, es braucht einen vom Mythos freigefegten Atlas. Wenn Hathaway in eine Tastatur einhämmert, hört es sich an, als würde er ein Maschinengewehr nachladen und abfeuern. Und tatsächlich ist der Kontakt mit den Medien in Blackhat ein durch und durch physischer; man muss sich hineinwerfen mit dem Körper, man muss sich dagegenstemmen können, mit einem Stiernacken.

Der Zerfall alles Stofflichen

Blackhat 11

Dieses Prinzip der massiven physischen Präsenz Hathaways, die sich wie ein Stahlriegel in die terroristischen Bahnen einschiebt, und nicht nur dieses, macht Blackhat zu einem grandiosen wie klugen Actionthriller, vielleicht sogar zu einem der stilistisch konzentriertesten der letzten Zeit. Der Horror, der die Welt befällt, der durch eine undurchschaubare Kombination von Nullen und Einsen hindurch zu echten Explosionen, zu echten materiellen, physischen, ja existenziellen Schäden führt, wird über die Dauer des gesamten Films spürbar, mehr noch: Dieser Horror insistiert geradezu penetrant in jeder Einstellung. Nur ein paar wenige Male erlöst uns Mann mit einer Totalen. Aber selbst diese verschaffen keinen Überblick. Zu sehen sind ein Flugzeug, ein Helikopter oder ein Auto, sie vollziehen eine Bewegung über die Leinwand, aber sie bleiben unbestimmt, ohne konkretes Ziel. Die übrige Zeit haftet die Kamera an den Gesichtern, an den Händen, an den Waffen und an den Dingen, so als wäre sie von der paranoiden Panik befallen, alles aus dem Blick und damit die Kontrolle zu verlieren, sobald sie sich auch nur einen Schritt von der Materie abwendet. Es gibt keinen stabilen Zusammenhang mehr, alles Stoffliche ist zerlegt in Einzelnes; deshalb bleibt in dieser Welt auch nur noch der Gang durch die Großaufnahmen und Halbnahen, von Partikel zu Partikel. Und selbst in diesen Bildern herrscht nichts Konstantes mehr, sogleich werden die Körper wieder herausgetrieben aus den Ensembles, die Kamera rennt ihnen hinterher, springt über die Achse, wenn gar nichts mehr geht. Im Hintergrund verschwimmt der Raum in den Wischungen des digitalen Bildes; zu schnell wird gesprungen, von Scholle zu Scholle. Der Raum zerreißt, die Welt zerfällt mit jeder Einstellung. Das ist das zerstörerische Prinzip des Cyberterrorismus, seine markerschütternde Brutalität: dass er an die Substanz geht, und zwar ganz konkret an alles, was Substanz ist in der Welt.

Trailer zu „Blackhat“


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Kommentare


Mario

Wollt mal fragen wann der Film hier in Itzehoe im Kino kommt??

Gruss Mario


Michael

Hallo Mario,

wenn du auf http://www.critic.de/kinoprogramm/kino-in-meiner-naehe/ gehst, sollte es dir alle Kinos in deiner Umgebung anzeigen. Da kannst du schauen, ob der Film bei dir läuft. Falls nicht, kannst du auch bei einem Kino in deiner Nähe anfragen, ob der Film dort noch ins Programm aufgenommen wird.

Viele Grüße

Michael


ule

>>und nicht nur dieses, macht Blackhat zu einem grandiosen wie klugen Actionthriller, vielleicht sogar zu einem der stilistisch konzentriertesten der letzten Zeit"

Ich habe selten so einen Stuss gelesen, Herr Stern ;-) Für mich ist Black Hat der mit Abstand schlechteste Film den M. Mann je abgeliefert hat. Gerade in M.Manns Filme wird ja eh viel reingedichtet , dass es mir zumindest oft den Magen umdreht. Das galt schon für Heat oder noch mehr für Colleteral. Dieselben ästhetischen Mittel, die zudem in seinem "Miami Vice"- hier aber noch überzeugend- umgesetzt wurden , gerührt mit einem Cyberhacker -Unsinn, der nur die Ahnungslosen begeistern kann, die gerade mal einen PC einschalten oder das iPad halten können werden in Blackhat in der Billigausführung noch einmal bemüht.

Jawoll, so stellt sich der Schreibtisch- Michel das IT -Cyberhackuniversum vor. Das ließe sich ja noch verzeihen, wenn man nicht die Mittel auftreiben kann, auch nur die Standards dieser Szene verstehen zu können, anhand einer anständigen Beratung. Dazu gesellen sich aber noch logische Fehler, Hacker- Klischees aus der Dose und ein komplettes technische Unverständnis (Inkompetenz) für die Materie, die hier noch nicht einmal im Ansatz nachvollzogen werden kann (der Film spielt übrigens gemäß dem gezeigten 1995 !) . Das grausamste für mich an diesem Film ist jedoch der gänzlichst uninspirierte Schauspielerstab, der auf B -Movie / Doofen-Serien Niveau dilettierender kaum daherkommen kann. Gerade Hemsworth zeigt mit Nachdruck, was er nicht kann , schauspielen !


Lukas Stern

Es ist nun doch schon länger her, dass ich diesen Film gesehen habe, insofern ist es schwierig, darauf konkret zu antworten. Aber es scheint, dass das, was Sie bemängeln, ziemlich genau dem entspricht, was mich daran interessiert hat. Ihr grundsätzliches Anliegen, der Film müsse informierter sein über das tatsächlich Technische, kann ich nicht teilen. Ich verstehe nicht, warum Filme sich an der Realität (in diesem Sinne, den Sie vorschlagen) messen müssen. Die Realität, die der Film entwirft, als eine, ich habe versucht das auch zu schreiben, die auseinandergefallen ist, die, wenn man so will, arichtektonisch instabil wurde, genügt mir schon als Perspektive auf den Cyber-Terror. Und genau dieses Prinzip halte ich für sehr präzise durchgespielt. Was Hemsworth betrifft, kommen wir denke ich zusammen: Es stimmt vielleicht, dass er nicht schauspielert - aber das halte ich abermals für sehr gelungen. Hemsworth agiert hier nicht als Schauspieler, sondern als Körper mit enorm großen Muskeln.


ule

Lieber Lukas Stern, Filme , die die (Alltags-) Realität beschreiben wollen, müssen sich durchaus daran messen lassen , ob ihnen dieses plausibel gelingt- zumindest wenn es um die Darstellungsversuche von technisch- politsch-gesellschaftlichen Themen geht, die nun einmal objektiv betrachtet in der Gesellschaft stattfinden und dadurch einen Diskurs verursachen, der ja wir hier manchmal zu Filmen werden.

Ich verstehe, aus welcher Richtung Du ( ich duze mal einfach, wenn das ok ist) Du argumentierst, aber hier "ist doch eh Fiktion" zu rufen, ist ein Dead End Argument, dh. unter Deiner Prämisse liessen sich Filme grundsätzlich nicht nach dem Kriterium der versuchten Realitätsdarstellung qualitativ kritisieren. Das ist zu einfach. Dann könnte man aber grundsätzlich sagen, Film ist immer Fiktion, logisch ist das richtig , aber aus dieser Ecke zu argumentieren tötet nun wirklich jede weitere Kritik. Wenn mit Nachdruck nicht-fiktives inszeniert wird und als solches mit "realer Gegenwart" gespielt wird, also wie hier anhand aktueller tagespolitischer oder darüber hinaus reichender Realitas , können diese durchaus anhand eines Plausibilitäts- und eben Richtigkeitscheck kritisiert werden. Wenn es hanbüchen wird, umso mehr , sollte dem Sachverhalt geschenkt werden.

Aus solchen Gründen war ich schon bei Alien1 im Kino Ende der 70er mega genervt: Röhrenmonitore (!) in einem Raumschiff des Jahres 13256 oder so. Das darf und sollte selbstverständlich kritisiert werden, sowohl in der wie hier Science Fiction wie auch im " Reality CyberCrime Thriller" wie hier. Nur das meinte ich..neben dem ansonsten aber auch schludrigen, unispirierten wie langweiligen Film ;-)






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