Comrades in Dreams - Leinwandfieber – Kritik

Filmleidenschaft und Betriebswirtschaft am Ende der Welt: Uli Gaulke (Havanna, mi amor, 2001, Heirate mich, 2003) zeigt Kinos und ihre Betreiber dort, wo niemals ein Multiplex eröffnen wird.

Comrades in Dreams

Vor einigen Jahren gab es einen Dokumentarfilm namens Cinemania, in dem eine Handvoll New Yorker Filmfans porträtiert wurde, deren gesamter Alltag darauf ausgerichtet ist, jeden Tag möglichst viele Filme im Kino sehen zu können. Sie versorgen sich morgens mit Proviant, studieren die U-Bahn-Pläne, um rechtzeitig von einem Kino zum nächsten zu kommen, schlendern mit ihren Plastiktüten durch die Säle, sitzen zuweilen auf immer demselben Platz – kurz, zeigen alle Symptome einer äußerst ausgeprägten cineastischen Besessenheit.

Systemkonforme Filme in Nordkorea

Comrades in Dreams - Leinwandfieber könnte man als Gegenstück zu diesem Film bezeichnen, und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens geht es darin weniger um das von Kant definierte interesselose Wohlgefallen an der Kunst als vielmehr um handfesten Nutzen - im Mittelpunkt stehen nicht die Zuschauer, sondern die Kinobetreiber, die keineswegs süchtig, sondern sehr vernünftig sind. Und zweitens sind diese Kinobetreiber nicht auf einen filmaffinen Ort wie New York konzentriert, sondern über die ganze Welt verteilt. Uli Gaulke hat jene Gegenden besucht, in denen man weder eine funktionierende Filmkultur noch eine nennenswerte Filmwirtschaft vermuten würde. Er verbindet diese disparaten Orte und Menschen erzählerisch und visuell elegant zu einer überaus unterhaltsamen Dokumentation: Eines der ärmsten Länder der Welt, Burkina Faso, gehört genauso dazu wie ein gottverlassenes Nest in den USA. Außerdem die unterentwickelte Provinz Indiens sowie Nordkorea.

Comrades in Dreams

Besonders der zuletzt genannte Schauplatz lässt aufhorchen. Berichte aus Nordkorea sind selten, das Land so abgeschottet vom Rest der Welt wie nur wenige sonst. Gaulke blieb nichts anderes übrig, als den offiziellen Weg zu gehen. Seine Protagonistin, die Filmvorführerin im Kulturhaus eines Dorfes, wurde ihm zugeteilt, und wer von ihr kritische Worte über das Regime erwartet, wird natürlich enttäuscht. Ihr Programm ist vom weltweit üblichen Kintopp am weitesten entfernt. Es geht da schon mal um Bewässerungssysteme, und wenn ein Melodram gezeigt wird, dann eines, in dem eine sich zu modern gebende Familie zurück in den Schoß der Tradition und des Staates geholt wird. Gaulke zeigt daraus viele Ausschnitte, die in ihrer leicht durchschaubaren Propaganda-Haltung vielleicht noch mehr über dieses Land erzählen als die sympathisch-naiven Äußerungen der Filmvorführerin, die doch in ihrer Jugend einmal Schauspielerin werden wollte und vom Glamour träumte.

Titanic in Burkina Faso

An sein spezielles Publikum muss auch der Wanderkino-Betreiber in Indien denken. Der junge Mann mit einem Uni-Abschluss in Betriebswirtschaft ist Nachfahre einer Kinobesitzer-Dynastie. Mit Geschäftssinn und Klugheit hat er aus dem Unternehmen eine Erfolgsgeschichte gemacht. Wenn er und sein Team ihr Zelt aufbauen – Gaulke hat das recht aufwändig gedreht, mit einem Kamerakran – ist das Kino wieder an seinen Anfängen angekommen, als Jahrmarktattraktion. „Ein Film wie Titanic“, sagt der jungenhafte Chef, „funktioniert hier nicht. Die Leute verstehen das nicht, sie wollen Filme sehen, mit denen sie sich identifizieren können.“

In Burkina Faso funktioniert Titanic dagegen ganz wunderbar. Die Zuschauerinnen fachsimpeln kundig über die wahre Liebe zwischen Jack und Rose, während die Ehefrauen der drei Kinobesitzer ihren Männern vorwerfen, zu selten zu Hause zu sein. Aber die sind eben ehrgeizig und wollen den Erfolg. Mit Auto und Megaphon fahren sie durch die Slums der Hauptstadt Ouagadougou und rufen ihr Programm aus. Treibende Kraft ist auch hier nicht nur die Liebe zum Kino, sondern genauso unternehmerischer Ehrgeiz. Ihr Kino hat noch nicht einmal ein Dach – was wiederum mit einem bemerkenswerten Schwenk vom Kamerakran in Szene gesetzt wird – ist aber abends der Mittelpunkt des sozialen Lebens im Viertel.

Kino als soziales Ereignis

Comrades in Dreams

Im US-Bundesstaat Wyoming schließlich betreibt eine Rentnerin das Kino „The Flick“, das in einer Scheune untergebracht ist und die einzige Möglichkeit zur abendlichen Unterhaltung weit und breit darstellt. Es dient als Kino genauso wie als Stammkneipe. Allen Schauplätzen ist die Funktion des Kinos nicht als Ort einer Kunstform, sondern als Gemeinschaft stiftendes soziales Ereignis eigen - ganz im Gegensatz zur beinah autistischen Haltung der „film buffs“ aus Cinemania. In der Herstellung dieser Verbindung zwischen den einzelnen Geschichten liegt die großartige Stärke von Uli Gaulkes Film. Er nutzt dazu meist Leitmotive, lässt aber jedem Ort seine eigene Besonderheit, ohne Gemeinsamkeiten herbeizureden. In der letzten Szene von Comrades in Dreams, die wieder in Nordkorea spielt, wird diese weltweite Gemeinschaft der Kinoträumer zu einem schönen Abschluss geführt. Die Filmvorführerin, die sonst in ihrem Kulturhaus die Landarbeiter über neue Erntetechniken belehrt, erhält ihren Hollywood-Moment, und wieder geht es um Titanic. Da steht sie dann am Bug eines Schiffes, den Blick in die Ferne gerichtet, die Königin der Kolchose.

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