Close-Up

Ist das echt oder kann das weg? Abbas Kiarostamis berauschender Kriminalfilm hält Täuschung, Entlarvung und Erkenntnis eng umschlungen.

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Das Entzücken und die Bewunderung, die Close-Up (Nema-ye Nazdik) in mir auslöst, könnten nicht größer sein. Aber eins nach dem anderen: Der iranische Dokumentarist und Laien-Inszenierer Kiarostami hat einen Kriminalfilm gedreht? Ist der Regisseur womöglich gar ein verkappter Genrefilmer? Vor lauter Roadmovies durch Teheran und Umgebung ist schnell verdrängt, dass Der Geschmack der Kirsche (Ta’m e guilass, 1997) gar nicht so weit vom Gangsterfilm entfernt liegt, immerhin hat er eine eindeutig verbrecherische Storyline: Der Protagonist fahndet verzweifelt nach einem Selbstmordassistenten. Mit etwas Fantasie lässt sich auch Die Liebesfälscher (Copie conforme, 2010) als Kriminalfilm verstehen, dessen Figuren um die Liebe betrogen wurden und sie nun zu enträtseln suchen. Freilich könnte ich leicht verdächtig sein, falsche Spuren der Filmgeschichte quer durchs Werk von Abbas Kiarostami zu legen. Nur sind es gerade die falschen Fährten, die ins Herz von Close-Up führen. Ob es die Versprechen von Genrefilmen mit ihren vorgegebenen Routen sind oder auch nur unsere Seherfahrungen, die uns nahelegen, wie die Indizien den Bildern abzulesen sind, entlang der Gleise unserer Erwartungen hoffen wir auf Widerstände, oder besser: die Widerstände hoffen auf uns.

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Der beschränkte Blick, das verhinderte Verständnis sind in Close-Up die Motoren einer Detektivstory, deren Protagonist die Filmkamera selbst ist. Die Schuld ist bereits eingestanden: Hossein Sabzian hat sich für den iranischen Regisseur Mohsen Makhmalbaf ausgegeben und die Familie Ahankhah um ein paar Toman erleichtert. Das klingt banal, fast kleinlich. Doch die Faszination für den Fall ist gleich da, zunächst in der Figur des Journalisten Farazmand, der voller Aufregung von Haus zu Haus rennt, um ein Aufnahmegerät zu finden, er will keinen Augenblick verpassen von diesem Scoop, den er da gelandet zu haben glaubt. Wenig später sehen wir den Kopf von Abbas Kiarostami selbst, durch eine Scheibe hindurch, der sich mit dem inzwischen im Gefängnis sitzenden Sabzian unterhält. „Was kann ich für Sie tun?“ – „Sie können einen Film drehen über mein Leid.“ Offenbar ist der bereits im Entstehen, die ersten Szenen also nachgestellt. Was ist Fiktion, was ist Dokument? Close-Up befindet sich in der Schwebe, zwischen eindeutig nur inszeniert zu erlangenden Perspektiven und dokumentarisch begründeten Begrenzungen samt grobkörnigen, schlecht ausgeleuchteten Bildern und schwer verständlichem Ton. Aus dem Off hören wir zwei Männer, die bei einem Richter um Dreherlaubnis während des Prozesses bitten, im Gerichtssaal dann spricht der Regisseur den Angeklagten direkt an, erklärt ihm die Kamerapositionen und stellt ihm zwischendurch Fragen. Den Richter scheint es nicht zu stören, so bezeugen wiederholte Gegenschnitte.

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Die Berichte vor Gericht führen uns zum Anfang der Geschichte von Sabzian zurück, zu seiner ersten Begegnung im Bus mit der Mutter der Familie Ahankhah. Im Mittelpunkt der mit den wirklichen Protagonisten des Vorfalls nachgestellten Szenen steht fortan die Motivsuche: Was bewegte diesen Mann, sich für einen anderen auszugeben? Insistierend blickt ihm die Kamera während des Prozesses ins betroffene Gesicht. Schnitt: Im großzügigen Wohnzimmer der Ahankhahs findet er mit sichtbarer Freude und Leichtigkeit wieder in die eigene Rolle des Fälschenden hinein. Wer ist hier echt? Etwa der wahre Mohsen Makhmalbaf, der am Schluss Sabzian aus dem Gefängnis abholt? Oder Mutter und Vater Ahankhah, denen beiden das Ringen mit dem Spiel authentisch anzusehen ist? Close-Up sucht die Nähe der Gesichter, um gleichzeitig zu offenbaren, wie wenig wir sie ergründen können. Das menschliche Antlitz wirft die Fragen erst auf. Kiarostamis Meisterstück liegt im Arrangement der räumlichen Erfahrung: Erst bleiben wir aus dem Haus der Familie ausgesperrt und dürfen auf der Straße einen wunderbaren Moment der Spontaneität erleben, dann müssen wir immer wieder die Subjektivität der dokumentarischen Kamera mitdenken, etwa beim Blick von außen auf den Besucherraum im Gefängnis oder beim Gespräch mit dem Richter in dessen Arbeitszimmer. Auch im Gerichtssaal täuschen die beiden Perspektiven – eine auf den Angeklagten samt dahinter sitzenden Klägern und eine auf die Richterbank – nie eine Übersicht vor. Die Elemente müssen stets erst zusammengetragen werden. Wenn wir dann im zweiten Schritt die Gegenschüsse sehen, Sabzian, Familie und Freunde im Haus, Sabzians Blick aus dem Inneren durch die Vorhänge hindurch auf den Garten und das Eingangstor, spätestens dann merken wir, wie die offensichtliche Dualität der Positionen nur eine Bestätigung unseres Hirngespinstes ist, eine Wahrheit für jede Täuschung, ein Dahinter für jede Kulisse.

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Wenn man nach dem Film im unverzichtbaren Making-of Kiarostami lauscht, wie er freimütig seinen Schabernack eingesteht, den Originalton in der letzten, musikalisch überhöhten Szene nur als defekt ausgegeben zu haben, um ihn rausschneiden zu können, weil der echte Makhmalbaf die Stimmung mit seinen Monologen zerstöre, so glaubt man ihm sofort die Ehrlichkeit seiner Absichten: Wirklichkeit muss moduliert werden. Und wir lassen uns gerne täuschen, die Bühne für die Welt zu halten, wenn hinter der dokumentierenden Kamera einer wie Kiarostami sitzt, der uns reinlegt, damit wir uns und die Welt besser verstehen. Und dass er selbst von diesem Film am meisten gelernt hat, dass es seine späteren Arbeiten seither nährt, das ist nicht nur glaubwürdig, sondern ein Segen. Close-Up sucht den Menschen im Täter und enthüllt den Fetischisten im Zuschauer.

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