Cemetery of Splendour

Apitchatpong Weerasethakul findet Bilder für die thailändische Militärdiktatur: Kranke Soldaten müssen in ihren Träumen kämpfen, während die Gegenwart brach liegt.

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Für Könige in die Schlacht ziehen, das ist doch immerhin ein nützlicher Schlaf, meint Jen (Jenjira Pongpas Widner). Sie hilft ehrenamtlich bei der Pflege kranker Soldaten, und nimmt sich besonders Itt (Banlop Lomnoi) an. Währenddessen machen sich Bagger vor den Fenstern der zum Krankenhaus umfunktionierten Schule an ihr Werk. Sie wühlen in der Erde, um sie neu zu bestellen, Platz zu machen oder vielleicht auch um etwas zu verbuddeln. Ihre Arbeit im Hintergrund will einfach kein Ende nehmen. Jen hält das halb im Scherz für ein geheimes Regierungsvorhaben. So geheim, dass es vor den Augen aller stattfindet. Penetrant langsam schreitet es voran und führt nirgends hin. Ein Sinnbild für manifeste Simulation – perfekt verkörpert, nicht zu verfehlen –, die ihr Echo auch in der Pflege der Soldaten findet, in diesem Krankenhaus, das gar keins wirklich ist.

Thailands unsichtbare Kriege

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Um eine autoritäre Herrschaft zu halten, muss man große Vorhaben in Angriff nehmen, heißt es bei dem jüdischen Philosophen Günther Anders in den 1930er Jahren, der da vermutlich auch die deutschen Autobahnen im Kopf hatte. In 10-Jahres-Plänen denken, um die Gegenwart zu stabilisieren. Weerasethakul lässt Thailand als bemühtes Projekt aufscheinen, das trotz des unablässigen Rotierens seine Geschichte nicht loswerden kann. Diese sucht das Land heim, sie wird aber auch beschworen und herbeigerufen. Zum Guten, zum Schlechten, aus Leidenschaft und Liebe, aus Patriotismus und Glauben. Wer wird es Jen verdenken, der Frau eines amerikanischen Soldaten, wenn sie sich hineinversetzen will in den deutlich jüngeren Mann, der auch gut zehn Jahre nach seinem homoerotischen Abenteuer in Tropical Malady (Sud Pralad, 2004) noch immer sehr anziehend wirkt? Sie bittet das Medium Keng (Jarinpattra Rueangram), nicht in Itts Vergangenheit zu gucken, sondern ins Jetzt. Später wird sie selbst seine Gedanken lesen können.

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Die Ventilatoren an der Decke erstrahlen im Licht der ihre Farben wechselnden therapeutischen Lampen, über den Betten der Versehrten. Von unten nach oben setzt sich eine neue Farbe nach der anderen durch, grün wird zu rot. Die Soldaten wachen auf und ganz plötzlich, beim Mittagessen in der Kantine oder beim Entspannen im Park, schlafen sie wieder ein. Nicht nur in solchen Momenten offenbart sich Cemetery of Splendour (Rak ti khon kaen) als überaus leichtfüßig. Der Modus, in dem Weerasethakul von verschiedenen unsichtbaren Kriegen Thailands erzählt, wandelt zwischen Farce, Märchen und Drama. Wie immer bei ihm ist auch dieser Film traumwandlerisch frei in den Zusammenhängen und Möglichkeitsräumen. Kausalitäten gibt es keine, keine Sicherheiten, lauter zugewachsene Felder, durch die wir uns selbst einen Pfad schlagen können. Oder wir gucken den Baggern zu.

Kribbeln der Motive

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Für einen Film, der unter einer Diktatur entstanden ist, ist die explizit politische Dimension, die sich nicht anders als gegen die aktuelle Militärherrschaft gerichtet verstehen lässt, an Klarheit kaum zu überbieten. Ein Kribbeln der Motive und Analogien. Überbleibsel einer autoritären Zeit säumen die heruntergekommenen Settings Khon Kaens, der Heimatstadt des Regisseurs. Jeder Ort, jede Ecke ist mit Geschichten verbunden, physisch und psychisch ragen sie ins Jetzt. Nachdem ein TV-Star Wunder wirkende Cremes an die Hausfrau bringen wollte, laufen Jen und Keng durch ein Gelände, auf dem einst ein Palast stand. Hier und da hängen Tafeln wie diese an den Bäumen: „Von den Menschen sind die Klügsten diszipliniert.“ Dann treffen die beiden auf eigentümliche Statuen: Zwei Männer sitzen nebeneinander, die Arme umeinander gelegt. Einen Meter weiter sitzen zwei Skelette in der gleichen Position. Jen und Keng gesellen sich zu ihnen, sanft landet Kengs Hand auf dem Knie eines Skeletts. Wie die Frauen an diesem irrealen Ort verweilen, als sei es das Selbstverständlichste, Weerasethakul fasst das mit einer bisweilen ironischen, aber stets empathischen Perspektive.

Der Blick der Küken

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Cemetery of Splendour ist voller reger Augenblicke. Ein tiefer Brunnen frischen Wassers, aus dem sich Weerasethakul bedienen kann, um Story und Figuren mit Leben zu füllen, vor allem aber sind es Situationen und Impressionen, die diese Situationen transzendieren, die eine filmische, eine elektrisierende Wirkung entfalten. Ein Huhn läuft durch die Räume, eine kleine Armada an Küken im Schlepptau. Unser Blick darf schweifen, hierhin, dorthin, wie der der Küken. Frauen unterhalten sich am Bett eines schlafenden Patienten, der plötzlich seine Männlichkeit zu erkennen gibt. Als die Lichttherapie im Schlafsaal beginnen soll, schwärmen auf einmal alle Helfer und Ärzte aus, um die Fensterläden zu schließen, damit die farbigen Lampen ihre Wirkung entfalten. Klare, lange Einstellungen treffen auf eine muntere Choreographie und die fröhliche Lockerheit der Darsteller. Zusammen verwandeln sie das Krankenhaus und die angrenzenden Felder in einen hoffnungsfrohen Ort, den man wider besseren Wissens so schnell nicht wieder verlassen will. „Wenn du schläfst,“ sagt Jen einmal, „scheinen selbst die Lichter der Stadt trüb.“ Bei Weerasethakul sind wir wach, und die Lichter können glänzen. Ein Silberstreifen für Thailand.

Trailer zu „Cemetery of Splendour“


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