Brothers Bloom

Rian Johnsons zweiter Langfilm will mehr sein als die reine Gaunerkomödie, die er oberflächlich ist. Er verdankt sein Gelingen vor allem der gutgelaunten Hauptfigur.

The Brothers Bloom

Das Leben, so geht die gern bemühte Redensart, schreibt doch die besten Geschichten. Seit es Sprache gibt, arbeiten Geschichtenerzähler in allen Medien sich an dieser Vorstellung ab und gegen sie an. Wie großartig müsste es sein, seine Erzählung dann sogar Wirklichkeit werden zu lassen, mit echtem Leben zu füllen!

Stephen (Mark Ruffalo) hat es in dieser Kunst schon recht weit gebracht. Bereits während ihrer Zeit als Pflegekinder in oft wechselnden Familien haben er und sein Bruder Bloom (Adrien Brody) den Trickbetrug für sich entdeckt; Stephen plant ihr Vorgehen, gemeinsam mit ihrer nicht nur in Waffen und Sprengstoff erfahrenen Komplizin Bang Bang (Rinko Kikuchi) setzen sie es um – mit Bloom als ewigem „verletzlichem Antihelden“, wie er klagt, in Stephens elaborierten Plänen.

Nun möchte Bloom aber aussteigen, er hat genug von ihren Spielchen, und man weiß nicht, was Stephen mehr stört: Blooms Wunsch selbst oder die Unzufriedenheit, die ihn verursacht hat. Denn Stephen ist auf der Suche nach dem perfekten Trickbetrug, bei dem, so seine Vorstellung, am Ende alle, auch sein Bruder, das bekommen, was sie am meisten begehren.

The Brothers Bloom

Es ist aberwitzig, welche planerischen Fähigkeiten Brothers Bloom (The Brothers Bloom) seinem Protagonisten Stephen zuschreibt, mit welcher Präzision er recherchiert, gar Symbole und literarische Bezüge in seine Planungen einbaut und schließlich mit schlafwandlerischer Sicherheit auch seltsame Reaktionen seiner Opfer vorausahnt – jedenfalls so lange, bis anscheinend alles aus dem Ruder läuft.

Das ist natürlich eine fantastische Figur: ein Autor, dessen Text zu Leben wird. Literatur wie Film kennen solche Grenzüberschreitungen, auch wenn sie oft greller ins Licht gesetzt sind als hier. Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson, der sich vorher mit Brick (2005) an einer Art Neo-Noir im High-School-Milieu versucht hatte, bleibt aber auf der Oberfläche scheinbar ganz im Genre der Gaunerkomödie mit leicht tragischen Untertönen, wie man es etwa in der Tradition von Der Clou (The Sting, 1973) erwarten könnte.

Die Wendungen kommen in Brothers Bloom vielleicht nicht so unerwartet wie in George Roy Hills Klassiker, sie sind aber auch nicht das wirklich entscheidende Element des Films. Hinweise darauf geben der leicht ironisch-distanzierte Erzählton des Films – Bloom erzählt aus dem Off – und das eher skurrile Personal. Neben der geheimnisvollen Bang Bang und dem Antagonisten der Brüder, ihrem alten, einäugigen Lehrer Diamond Dog (Maximilian Schell), ist dies vor allem Stephens und Blooms letztes Opfer, die reiche Erbin Penelope Stamp (Rachel Weisz).

The Brothers Bloom

Penelope geht keinem Beruf nach, fährt öfter einmal ihren zitronengelben Lamborghini gegen Mauern oder Böschungen hinab, hat keinerlei Freunde, ist in Sozialkontakten äußerst ungeübt und macht nur eins: „Ich sammle Hobbys“. Sie ist eine Figur, wie man sie auch in einem Film von Wes Anderson erwarten könnte, wenngleich sie bei ihm wesentlich weniger geschwätzig wäre.

Rachel Weisz hat zweifellos die dankbarste Rolle in Brothers Bloom. Ihre Penelope, die mit den Brüdern auf Weltreise geht, darf sich über jedes kleine Abenteuer freuen, Sprengsätze zünden und dergleichen mehr, und Weisz stattet ihre Figur mit reichlich jugendlich wirkender Neugier und Naivität aus – und einer gehörigen Portion Lakonie, die sie in einer denkwürdigen Szene zur Schau stellt, in der Penelope Bloom von ihrer einsamen, von der Außenwelt abgeschotteten Jugend berichtet. Im Licht der aus Weisz’ Augen blitzenden Lebendigkeit wirken Ruffalo und Brody allerdings hölzern und müde. Glücklicherweise passt das zumindest auf Brodys Rolle auch einigermaßen; Ruffalos Stephen wirkt aber zu distanziert.

The Brothers Bloom

Johnson platziert seine Figuren in eine Welt, die ihr fantastisches Wesen nur wenig zu verbergen sucht und sich im Außergewöhnlichen manifestiert. Gleich in einer der ersten Szenen humpelt und rollt eine einbeinige Katze durchs Bild, und wie selbstverständlich wird eine Atlantiküberquerung mit dem Dampfer angetreten. Damit ruft der Film aber nicht nur klassische Kinoszenen auf, sondern verwischt auch die genaue zeitliche Einordnung der Handlung: Hier steht offenbar der Gegenwart Entsprungenes übergangslos neben Gegenständen und Handlungsweisen, die ihre Antiquiertheit geradezu ausstellen.

Das ist freilich Absicht, denn Brothers Bloom will schließlich kein realistisches Weltbild präsentieren, sondern gerade zum Blick hinter die Kulissen der Erzählung einladen. Wenn Stephen über die Möglichkeit sinniert, einen perfekten Coup zu landen und zu planen, und Bloom ihm vorwirft, er schreibe seine Plots mit ihrer Symbolik und ihren vielen Verweisen wie tote Russen ihre Romane verfasst hätten, dann ist klar: Es geht Rian Johnson hier um die Möglichkeit und die Kunst des Erzählens an sich: in der Literatur, vor allem aber auch im Kino.

The Brothers Bloom

Es kommt nicht von ungefähr, dass sich in Stephens Notizbüchern Zeichnungen finden, die dem Storyboard des Films entsprungen sein könnten, so präzise zeigen sie Szenen, die gezeigt wurden oder noch werden; und jedes der Kapitel, in die der Film unterteilt ist, beginnt mit einer Zeichnung, die sich dann ins bewegte Filmbild wandelt. Die Trickbetrüger, con artists, sind im liebevollen Blick dieses Films zuallererst Künstler.

Kann man, mit den Mitteln des Kinos, eine perfekte Geschichte erzählen, bei der alle, auch die Zuschauer, das bekommen, was sie begehren? Rian Johnson hat den Versuch gewagt, und kommt mit Brothers Bloom, der Abenteuer, Romanze und das Nachdenken über die Bedingungen seines eigenen Erzählens verbindet und dabei die schlimmsten Schmalztöpfe und Gefühligkeiten zu umschiffen versteht, immerhin in die Nähe seines Ideals.

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Kommentare


Martin Z.

Ein locker, leichte Komödie aus der Welt der Trickbetrüger. Das wird allerdings vorübergehend zur Nebensache und bekommt erst am Ende wieder eine gewisse Bedeutung. Die drei ’Gangster’ (Brody, Ruffalo, Weisz) sind so nett als kämen aus der Spielzeugabteilung eines Warenhauses. Die Handlung treibt sie durch die ganze Welt und fungiert jenseits der Gesetze der logischen Schwerkraft. Von Anfang an erfreuen uns die frühreifen Sprüche der Brothers Bloom als Buben. Später dann schließt Penelope auf, wenn sie meint ’Sie leiden an Verstopfung in ihrer verkackten Seele’. Für Erheiterung sorgen auch die kurzen Gastauftritte von Robbie Coltrane und Maximilian Schell, die beide herrlich schräg daherkommen. Der Fernoststar Rinko Kikuchi hat eine undankbare Rolle, aus der sie allerdings das Beste macht. Der Zuschauer schaut und staunt und freut sich mit den Akteuren über deren Abenteuer, die abwechslungsreich wie ein Kindergeburtstag sind und aufregend wie eine Schlittenfahrt im Tiefschnee. Am Ende wird an der Trick- oder Wahrheitsspirale so weit gedreht, dass sogar noch etwas Spannung entsteht und sich das Motto der Bloom Brüder bewahrheitet ’Gut ist es, wenn jeder der Beteiligten das bekommt, was er will.’ Einfach nett.






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